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ARCHIV DIETMAR FÜSSEL

Letzte Aktualisierung am 28. Januar  2012

TEXT DES MONATS JANUAR 2012

DER MEDIZINISCHE WELTMEISTER

Reporter: Herr Dr. Müller, zunächst einmal herzlichen Glückwunsch zum Weltmeistertitel.

Dr. Müller: Danke schön. Vielen Dank.

Reporter: Hand aufs Herz: Haben Sie mit diesem Erfolg gerechnet?

Dr. Müller: Also, ehrlich gesagt habe ich schon damit spekuliert, dass ich heuer eine Medaille gewinne, schließlich war bei den heurigen Weltcupeinsätzen außer Dr. Nekabe aus Japan kein anderer auch nur annähernd so schnell wie ich, aber dass es gleich Gold geworden ist, das hat mich schon ganz besonders gefreut.

Reporter: Nun hat es ja im Verlauf dieser medizinischen Weltmeisterschaften Protestkundgebungen gegeben, speziell gegen Ihre Disziplin, das Herztransplantieren. Was sagen Sie dazu?

Dr. Müller: Also, dazu möchte ich zunächst einmal feststellen, dass das Risiko für den Patienten relativ gering ist, schließlich handelt es sich um sein eigenes Herz, das nur für wenige Sekunden aus dem Brustkorb entfernt und anschließend gleich wieder eingesetzt wird, sodass Abstoßungserscheinungen gar nicht vorkommen können.

        Zweitens geht es in unserer Disziplin nicht nur um Schnelligkeit, sondern sehr wohl auch um Präzision.

        Aus diesem Grund werden bei uns ja auch die Medaillen erst vierzehn Tage nach dem Wettkampf vergeben, weil Teilnehmer, deren Patienten in dieser Zeit exitus gehen, disqualifiziert werden, so wie das diesmal leider meinem schärfsten Konkurrenten Dr. Nekabe passiert ist.

        Ja, und drittens wird jeder Arzt, dem während einer Saison mehr als zwei Patienten sterben, für ein Jahr von der Teilnahme ausgeschlossen. Sie sehen also, dass man in unserer Disziplin wirklich nur dann Erfolg haben kann, wenn man nicht nur schnell, sondern vor allem sauber arbeitet.


Reporter: Scharfe Kritik wird unter anderem auch daran geübt, dass es sich bei den Patienten fast ausschließlich um Menschen aus der sogenannten Dritten Welt handelt, denen man 2.000 Dollar Honorar dafür zahlt, dass sie ihr Leben aufs Spiel setzen.

Dr. Müller: Nun, ganz so ist es natürlich nicht, wie schon gesagt ist das Risiko doch relativ gering, beispielsweise sind im heurigen Jahr nur etwas mehr als sechs Prozent alles Patienten exitus gegangen.

        Ja, und dann muss man doch auch einmal darauf hinweisen, dass diese Leute sich ja völlig freiwillig als Patienten zur Verfügung stellen, keiner zwingt sie dazu.

        Ja, und dann, last not least, darf man nicht vergessen, dass 2.000 Dollar in den Ländern, aus denen unsere Patienten stammen, ein Vermögen sind, mit dem sie sich und ihrer Familie ein menschenwürdiges Dasein sichern können - was ihnen andernfalls gar nicht möglich wäre. Die meisten von ihnen würden früher oder später verhungern oder an irgendeiner Infektionskrankheit erbärmlich zugrunde gehen.

        Glauben Sie mir: Die Leute sind froh und dankbar, wenn sie bei uns mitmachen dürfen, und wenn man bedenkt, dass wir ihnen dadurch eine relativ risikoarme Möglichkeit bieten, das elende Leben, das sie bisher führen mussten, hinter sich zu lassen, dann würde ich sogar sagen, dass wir ein gutes Werk tun, denn schließlich helfen wir diesen Menschen ja in einem Ausmaß, in dem ihnen noch von keinem geholfen wurde, und das ist ja auch die vornehmste Pflicht des Arztes:

        Zu helfen.

 

 

TEXT DES MONATS DEZEMBER 2011

UNABDINGBAR

Wir machen es aus.

Wir machen es

miteinander aus.

 

Wir werden

im Leben

etwas gelten.

 

Bestell den Tisch

im Lokal

der Fresser.

 

Wir werden tafeln

wie die Fürsten

als Vampire.

 

Wir löschen

das Licht.

Unabdingbar.

(Aus meinem Lyrikband ‚Unterwegs’)

 

TEXT DES MONATS NOVEMBER 2011

DER EWIGE VERSAGER

Als Kleinkind brauchte Paul Reiter wesentlich länger als seine drei älteren Brüder, um sauber zu werden.

In der Schule bekam er stets wesentlich schlechtere Noten als seine drei Geschwister.

Er trat einem Sportverein bei, doch blieben seine Leistungen auch hier weit hinter denen seiner Brüder zurück.

Nach seiner Schulzeit absolvierte er eine Tischlerlehre, doch sooft er auch zur Gesellenprüfung antrat, er fiel jedes Mal durch, während seine Geschwister alle problemlos ein Universitätsstudium absolviert hatten.

Paul wurde also Hilfsarbeiter in einer Fabrik, doch da es ihm nicht gelang, das vom Fliessband vorgegebene Tempo durchzuhalten, wurde er schon nach wenigen Tagen entlassen.

Ohne jeden Zweifel war Paul - im Gegensatz zu seinen Geschwistern - im Berufsleben ein Versager.

Und in der Liebe?

Während seine Brüder alle drei mit Traumfrauen verheiratet waren, wollte von Paul kein weibliches Wesen etwas wissen, und als er es einmal mit einer Prostituierten versuchte, versagte er so kläglich, dass die Gunstgewerblerin ihm sogar einen Preisnachlass gewährte.

Es wäre gelogen, zu behaupten, dass Paul stolz auf die Erfolge seiner Geschwister war, im Gegenteil:

Er hasste sie dafür.

Sein Hass wuchs immer mehr, und endlich beschloss er, seine Brüder umzubringen.

Er lud sie zum Abendessen ein und kredenzte ihnen einen Wein, in den er vorher Rattengift geschüttet hatte.

Sein ältester Bruder aber, der von Beruf Chemiker war, hob nur kurz das Glas, roch daran und stellte dann kühl fest:

„Da ist Rattengift drin. Ordinäres Rattengift. Nein, wirklich, Paul. Du taugst nicht mal als Mörder was.“


„So? Das werden wir ja sehen!“, schrie Paul, zog einen Revolver und feuerte das ganze Magazin auf seine Geschwister ab, doch alle sechs Kugeln verfehlten ihr Ziel.

„Gib’s auf, Paul“, sagte sein ältester Bruder. „Du bist und bleibst eben ein Versager auf der ganzen Linie, das haben wir dir schon gesagt, als du noch ein Kind warst, und es bestätigt sich seither immer wieder.

Weißt du was?

Am besten bringst du dich selbst um. Aber versuch bitte nicht, dich zu erschießen, du würdest nämlich sicher auch da wieder versagen.

Deshalb schlage ich vor, dass du dich von der Dachterrasse eines Hochhauses in die Tiefe stürzt, da kannst nämlich nicht mal du was falsch machen.“

***

Paul stand auf der Dachterrasse eines Hochhauses.

Er kletterte über die Brüstung, schloss die Augen und sprang.

Nach einem freien Fall von etwa zwei Metern landete er auf einen Balkon. Er hatte zweifellos die denkbar ungünstigste Stelle für seinen Todessprung gewählt.

Er hatte nicht den Mut, noch mal zu springen, also betrat er die Wohnung, zu welcher der Balkon gehörte - und stand plötzlich einer nackten Frau gegenüber, die bei seinem Anblick aufkreischte und schrie:

„Egon, Hilfe! Ein Einbrecher! Hilfe!“

Keine zwei Sekunden später stürzte aus dem Badezimmer ein nackter Athlet, packte Paul, versetzte ihm rechts und links eine Ohrfeige, schleppte ihn an seinen Ohren zur Wohnungstür und warf ihn in hohem Bogen hinaus auf den Flur.

***

Paul stand am Straßenrand. Seine Absicht war es, sich vor den nächsten LKW zu werfen.


Der LKW kam, doch Paul schätzte seine Geschwindigkeit falsch ein und sprang um etwa zwei Zehntelsekunden zu spät, sodass er von dem Wagen nicht überrollt, sondern nur zur Seite geschleudert wurde.

Leicht verletzt wurde er ins nächste Krankenhaus eingeliefert.

Mitten in der Nacht kleidete er sich heimlich an, schlich sich, als die Nachtschwester zu einem anderen Patienten gerufen wurde, ins Dienstzimmer, schlug die Scheibe des Medikamentenschranks ein, entnahm ihm ein Fläschchen mit giftgrünen Pillen und verließ fluchtartig das Krankenhaus.

Zu Hause angekommen schluckte er alle Tabletten auf einmal, doch zu seiner grenzenlosen Enttäuschung stellte sich keinerlei Wirkung bei ihm ein, da diese giftgrünen Pillen reine Placebos gewesen waren.

Völlig entnervt beschloss Paul, auf weitere Selbstmordversuche zu verzichten und statt dessen nach Australien auszuwandern, um dort ein neues Leben anzufangen.

Leider sank das Schiff, das ihn nach Australien bringen sollte, unweit von Neuguinea.

Alle Passagiere bis auf Paul, der zum Zeitpunkt des Unglücks zufällig gerade seine Schwimmweste ausprobiert hatte, ertranken.

Nach ungefähr zwanzig Stunden wurde Paul an den Strand einer kleinen Insel gespült.

Die Insulaner brachen bei seinem Anblick in Jubel aus und trugen ihn auf ihren Schultern ins Dorf.

‘Jetzt werden sie mich bestimmt zu ihrem neuen Häuptling ernennen’ dachte Paul erfreut.

Leider irrte er sich gewaltig, denn zufällig handelte es sich bei diesen Insulanern um einen der letzten Kannibalenstämme dieser Erde.

Kurz und schlecht: Paul wurde nicht zum Häuptling ernannt, sondern geschlachtet und gegrillt.


„Nun? Wie schmeckt der weiße Mann?“, fragte die Häuptlingsfrau ihren Gatten, nachdem er den ersten Bissen davon gegessen hatte.

„Ehrlich gesagt: Ziemlich enttäuschend“, antwortete der Häuptling.

Selbst in kulinarischer Hinsicht hatte Paul sich also als Versager erwiesen.

TEXT DES MONATS OKTOBER 2011

WIEDER

Die Tore

sind alle

geschlossen.

Die Eiszeit

hat wieder

begonnen.

 

Die Menschen

sind alle

verborgen.

Soldaten

beherrschen

die Straße.

 

Die Jungen

sind wieder

verblendet.

Sie singen

die Lieder

der Alten.

 

TEXT DES MONATS SEPTEMBER 2011

DAS ZUGSUNGLÜCK

Als ich im Radio von dem schrecklichen Zugsunglück hörte, das sich vor einer halben Stunde ganz in meiner Nähe ereignet hatte, wusste ich, was ich zu tun hatte:

Ohne zu zögern sprang ich in mein Auto und fuhr hin.

Am Unfallort bot sich mir ein Bild des Grauens:

Zwischen den Trümmern völlig zerborstener Zugwaggons lagen einige Tote sowie zahlreiche Verwundete, die teils stöhnten, teils laut brüllten vor Schmerz, je nach dem, wie schwer sie verwundet worden waren, während einige Helfer sich verzweifelt abmühten, durch den Sperrriegel der Schaulustigen zu den Verletzten vorzudringen beziehungsweise sie auf Bahren zu den Rettungsautos zu transportieren.

Ich parkte meinen Lieferwagen mit Vorbedacht so, dass dadurch eine Engstelle entstand, die die Rettungsautos nur in Schrittgeschwindigkeit passieren konnten, da ein rascher, zügiger Abtransport der Opfer nicht in meinem Interesse war.

Anschließend stieg ich aus, klappte die Seitenwand meines Wagens hoch und rief:

„Heiße Würstchen! Bier, Limonaden, Erfrischungen! Heiße Würstchen!“

 

TEXT DES MONATS AUGUST 2011

BESTEINTE WEGE

Besteinte Wege

widersetzlich

quälen

den nackten Fuß

 

Und kalter Wind

macht schwer

den Atem

und den Geist

 

Nicht mehr steigen

nur hinab

zum erlösenden

Fluss

 

Doch selbst

der Fluss

ist

vereist.

 

TEXT DES MONATS JULI 2011

DER FREMDENLEGIONÄR

Nach langen Jahren in der Fremdenlegion kehrte der ehemalige Franzi Wollschläger, der inzwischen natürlich schon längst zu einem Franz Wollschläger geworden war, endlich in seine Heimatstadt zurück, nach Wien.

Er verließ den Westbahnhof und bestieg eine Straßenbahn Richtung Ring.

Dort herrschte ein unbeschreibliches Gedränge.

Um sich etwas Platz zu verschaffen, rempelte Franz eine ältere Dame grob zur Seite.

„Heh! Sie Flegel!“, fuhr sie ihn ärgerlich an.

Franz wurde böse und tat daher mit ihr das, was er am besten konnte: Er ermordete sie mit Hilfe eines langen Messers.

Die meisten Fahrgäste waren natürlich ziemlich geschockt über diesen brutalen Mord direkt vor ihren Augen, nur zwei junge Männer waren mutig genug, Franz anzugreifen und bezahlten dafür mit ihrem Leben.

An der nächsten Haltestelle stiegen alle Leute außer Franz und den Leichen aus, ja, selbst der Fahrer versuchte, sich ihnen anzuschließen, doch Franz hinderte ihn daran, indem er ihm das Messer an die Kehle setzte und ihm befahl, keine Zicken zu machen.

Als die Straßenbahn an der Endstation ankam, spielte dort gerade eine Blaskapelle auf.

Franz war gerührt, da er glaubte, dass die Kapelle ihm zu Ehren aufspielte. Er beförderte rasch noch den Fahrer ins Jenseits, weil er ihn nicht mehr brauchte, stieg aus und versuchte, dem Kapellmeister die Hand zu schütteln.

„Lassen Sie den Unfug, Sie Idiot!“, schrie ihn der Mann an.

Es waren seine letzten Worte.

Franz schlenderte die Ringstraße endlang, Richtung Parlament.

Dort wollte er sich nämlich genau erkundigen, was sich in der Zwischenzeit alles in Österreich geändert hatte, weil er nicht aus Unwissenheit mit irgend einem neuen Gesetz in Konflikt geraten wollte.


Kurz bevor er das Parlament erreicht hatte, hielt ein Streifenwagen direkt neben ihm, dem zwei bewaffnete Polizisten entsprangen.

„Entschuldigen Sie bitte, sind Sie der Psychopath, der in der letzten halben Stunde fünf Menschen ermordet hat?“, fragte einer der beiden.

Franz hasste es, wenn jemand ihn einen Psychopathen nannte und erstach den Beamten, statt ihm zu antworten.

Der zweite aber zog seine Waffe und schoss, doch Franz wich der Kugel geschickt aus, machte auch diesem Polizisten den Garaus und nahm ihm seine Dienstwaffe ab, denn er hatte das Gefühl, sie schon bald gut brauchen zu können.

Anschließend betrat er das Parlament und wandte sich an den Portier.

„Entschuldigen Sie, könnten Sie mir bitte sagen, welche neuen Gesetze in den letzten zehn Jahren beschlossen worden sind?“

Der Portier konnte es nicht und starb.

Franz betrat die Zuschauergalerie, denn es fand gerade eine Nationalratssitzung statt.

„Heh, ihr da unten!“, brüllte er. „Könnt ihr mir vielleicht verraten, welche neuen Gesetze in den letzten zehn Jahren beschlossen worden sind?“

„Ruhe da oben!“, rief die Nationalratspräsidentin.

Franz hätte ihr sicher eine passende Antwort erteilt, doch in diesem Moment stürmten sechs schwerbewaffnete Polizisten die Galerie und forderten ihn auf, das Messer fallen zu lassen.

Franz gehorchte, zog aber praktisch im selben Augenblick die Dienstwaffe, die er sich angeeignet hatte, und erschoss mit nur sechs Patronen nicht weniger als sechs schwerbewaffnete Polizisten.

„Na schön, ich merke schon, ihr wollt mich hier nicht mehr haben!“, brüllte er dann zu den angstschlotternden Parlamentariern hinunter. „Wenn das so ist, dann geh ich eben! Ich gehe! Und ich komme nie wieder, hört ihr, nie wieder!“


Franz verließ das Parlament, ließ sich von einem Taxi zum Westbahnhof bringen, weil er von Fahrten in überfüllten Straßenbahnen fürs erste genug hatte, und bestieg bald darauf den nächsten Zug ins Ausland, um sich für weitere zehn Jahre Fremdenlegion zu verpflichten.

Als der Zug sich kurz darauf in Bewegung setzte, sagte er leise: „Servus“.

 

TEXT DES MONATS JUNI 2011

DER EWIG VORÜBERGEHENDE

Die Sehnsucht

des ewig

Vorübergehenden

nach Heimat

sie ist

meine Sehnsucht

und wird nicht

gestillt

 

Ich gehe weiter

denn ich bin rastlos

sobald mich ein Feuer

erwärmt hat

gehe ich weiter

als fürchtete ich

das Feuer

verlöschen zu sehen.

 

TEXT DES MONATS MAI 2011

DAS KRAFTFAHRZEUG

Es wurde einmal ein Kraftfahrzeug von einer großen Kraftfahrzeugserzeugungsfirma erzeugt.

Anschließend wurde es an einen Kraftfahrzeugshändler weitergeleitet, der es schon am nächsten Tag an einen Kunden verkaufte.

Der Kunde fuhr mit seinem nagelneuen Kraftfahrzeug nach Hause, wusch, polierte und bestieg es, um mit ihm seiner Freundin einen Besuch abzustatten, der er zu imponieren und die er zu besteigen hoffte.

„Nun, was sagst du zu meinem neuen Kraftfahrzeug?“, fragte er sie mit stolzgeschwellter Brust.

„Sieht nicht schlecht aus“, antwortete sie mit naturgeschwellter Brust. „Aber das heißt nicht viel, alle neuen Kraftfahrzeuge sehen nicht schlecht aus. Entscheidend ist die Leistung.“

„Wie wär’s mit einer kleinen Probefahrt?“, schlug er vor.

Sie war einverstanden, und los ging die Fahrt.

„Ist ja zum Gähnen“, sagte sie gelangweilt, als er mit 150 Sachen auf einem Gehsteig dahinraste, während die Fußgänger entsetzt zur Seite sprangen, um von anderen, wesentlich langsameren Kraftfahrzeugen, deren Lenker sich an die für Kraftfahrzeuge vorgesehene Fahrbahn hielten, überrollt zu werden.

„Geht’s nicht noch ein bisschen schneller?“, fragte sie.

„Klar doch!“, rief er, stieg kräftig aufs Kraftfahrzeugsbeschleunigungspedal und überfuhr gleich darauf einen fußballbegeisterten Polizisten.

Der Polizist hauchte erst mal seine Seele aus. Dann fuhr die Seele gen Himmel, um kaum eine Minute später - freilich unsichtbar für Lebende - als Engel zurückzukehren: Ein Beweis dafür, dass der teure Verblichene zu Lebzeiten ein mustergültiger Beamter gewesen war, ohne Fehl und Tadel, seinen Kollegen ein verlässlicher Kollege, seinen Freunden ein treuer Freund...


Genug davon, sonst kommen mir womöglich noch die Tränen.

Flugs bestieg er das mit Höchstgeschwindigkeit dahinrasende Kraftfahrzeug - jaja, Engel können das - und griff dem Fahrer ins Lenkrad.

„Verdammt. Der Kraftfahrzeugssteuerungsmechanismus klemmt, so was dürfte bei einem nagelneuen Kraftfahrzeug eigentlich nicht vorkommen“, stellte der Mann ärgerlich fest, raste gegen eine Wand, starb, verwandelte sich in einen Teufel und musste hilflos mit ansehen, wie sich seine Freundin Hand in Hand mit dem Polizisten in Richtung Himmel entfernte.

 

TEXT DES MONATS APRIL 2011

ETWAS SAGEN

Etwas sagen

wo nichts

zu sagen ist

weil leere Worte

erträglicher scheinen

als Schweigen

 

Keine Antwort

erwarten

wo nichts

zu beantworten ist

nur leben

Seite an Seite

und Angst haben

vor der Stille.

(Aus meinem Lyrikband ‚Unterwegs’)

 

TEXT DES MONATS MÄRZ 2011

DER INDIANER

Eines Morgens erwachte ich und stellte verwundert fest, dass ich über Nacht zu einem Indianer geworden war.

Vor mir stand mein Urahn Starker Adler, dem ganz offensichtlich der große Sprung vom Traum in die Wirklichkeit gelungen war.

„Guten Morgen, mein Sohn“, sagte er. „Von heute an ist dein Name nicht mehr Didi F., sondern Wilder Büffel.“

„Und was jetzt?“, fragte ich ihn, nachdem ich mich zirka zwanzig Sekunden lang über den schönen neuen Namen gefreut hatte.

„Also, zunächst einmal brauchst du Indianerkleidung“, erklärte er. „Und anschließend musst du zu deinen roten Brüdern zurückkehren, die in ihrem Reservat in Amerika schon sehnsüchtig auf dich warten. Du sollst ihnen nämlich als ihr Häuptling dabei helfen, sämtliche Bleichgesichter wieder aus Amerika zu vertreiben, da sie dort nichts zu suchen haben.“

„Einverstanden“, sagte ich.

Eine halbe Stunde später betraten wir einen Kostümverleih.

Ich wählte unser einem guten Dutzend von Indianerkostümen jenes aus, das nach Meinung meines Urahns der indianischen Originalkleidung am ähnlichsten war.

Nachdem ich mich umgezogen hatte, suchte ich meine Bank auf, um mein Konto aufzulösen, da ich nicht vorhatte, nach meiner Rückkehr in meine wahre Heimat jemals wieder europäischen Boden zu betreten.

„Guten Tag, Herr F“, sagte der Bankbeamte und konnte sich ein unverschämtes Grinsen nicht verkneifen. „Ist heute etwa irgendwo ein Kostümball? Es ist doch gar nicht Fasching...‘‘

„Schweig, Bleichgesicht“, herrschte ich ihn an. „Und mein Name ist nicht F., sondern Wilder Büffel.“

„Selbstverständlich, Wilder Büffel“, antwortete er grinsend. „Und was kann ich für Sie tun, Wilder Büffel?“

„Ich möchte mein Konto bei Ihnen auflösen.“

„Auflösen? Direkt auflösen?“


„Ja, genau.“

„Also schön, ich kann Sie leider nicht daran hindern“, seufzte er, füllte einen Wisch aus und schob ihn mir zu. „Wenn Sie hier bitte unterschreiben.“

Ich tat es.

Er aber begutachtete die Unterschrift und stellte dann ärgerlich fest:

„Also, ich muss schon sagen, Herr F., da hört sich der Spaß wirklich auf. Ich meine, wenn Sie als Indianer verkleidet herumlaufen, ist das Ihre Sache, aber Sie können sich hier doch nicht als ‘Wilder Büffel‘ unterschreiben, ich meine, das geht doch nicht, das müssen Sie doch selbst einsehen.“

Ich gebe zu, dass die Versuchung groß war, mich ein letztes Mal mit meinem früheren Namen zu unterschreiben, um die Sache zu beschleunigen, doch mein Urahn schüttelte den Kopf:

„Tu‘s nicht, Wilder Büffel“, ermahnte er mich. „Es wird Zeit, dass du dich voll und ganz zu dem bekennst, der du bist.“

„Es stimmt, dass ich früher Didi F. geheißen habe“, erklärte ich dem Bankbeamten. „Nun aber heiße ich Wilder Büffel.“

„Alles schön und gut, aber Ihr Konto lautet nun mal auf Didi F., also müssen Sie sich auch mit diesem Namen unterschreiben, da kann ich Ihnen nicht helfen.“

„Und was jetzt?“, fragte ich meinen Urahn.

„Sag ihm, dass du ihn skalpieren wirst, wenn er dir noch länger Schwierigkeiten macht.“

Ich sagte es ihm.

„Äh... in diesem Fall... ja, richtig, da fällt mir ein, es gibt tatsächlich eine Möglichkeit“, stammelte der Bankbeamte. „Allerdings ist die Sache ziemlich kompliziert, weil Sie nicht bereit sind, sich auch nur ein einziges Mal noch mit Ihrem früheren Namen zu unterschreiben, ein ziemlicher. Papierkrieg, es kann also eine Weile dauern.


Entschuldigen Sie mich bitte, ich muss mir die notwendigen Formulare zusammensuchen.“

„In Ordnung“, sagte ich.

Daraufhin entfernte er sich und kehrte erst eine Viertelstunde später mit einigen Formularen zurück.

Gleich darauf betraten zwei Sanitäter die Bank, packten mich, zwängten mich in eine Zwangsjacke und zerrten mich in einen Krankenwagen.

„Keine Sorge, Wilder Büffel!“, rief mir mein Urahn nach, den die Sanitäter seltsamerweise vollkommen ignorierten. „Wir holen dich wieder raus, ganz bestimmt, es kann zwar eine Weile dauern, aber du kannst dich darauf verlassen, das verspreche ich dir!“

Wie erwartet, wurde ich in einer Nervenheilanstalt abgeliefert, deren Insasse ich seither bin.

Es macht mir auch nicht sonderlich viel aus, hier zu sein, schließlich weiß ich ja, dass meine roten Brüder mich eines Tages befreien werden, denn ein Indianer bricht sein Wort niemals.

Allerdings muss ich zugeben, dass ich schön langsam etwas ungeduldig werde, da seit jener schicksalhaften Begegnung mit meinem Urahn mittlerweile schon dreißig Jahre vergangen sind.

 

TEXT DES MONATS FEBRUAR 2011

LOB DER EIFERSUCHT

Du solltest meine Eifersucht

nicht tadeln, sondern preisen:

Auch wenn sie dir lästig fällt

gereicht sie dir doch zum Vorteil:

Sie wird dich davor bewahren

dich fremden Körpern auszuliefern

verdorbenen, kranken Körpern

die auch den deinen verderben.

 

Lobe darum meine Eifersucht!

Sie wird dich davor bewahren

dass treulose, lüsterne Blicke

zu treulosen, lüsternen Taten werden.
Sie wird dich davor bewahren,

mich, die dich liebt, zu verlieren

die einzige Frau, die dich wirklich liebt

obwohl du es nicht verdienst.

 

Lobe darum meine Eifersucht!

Sie wird dich davor bewahren

als geiler Bock, der du bist

- du siehst, du bist durchschaut:

Du würdest doch alles bespringen,

was nicht bei drei am Baum ist -

mich, die dich liebt, zu verlieren

und es bis zum Tod zu bereuen.

(Aus meinem Lyrikband ‚Leidenschaft’, 2010, Liliom Verlag)

 

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