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ARCHIV DIETMAR FÜSSEL

Letzte Aktualisierung am 26. Februar 2010

TEXT DES MONATS FEBRUAR 2010

SCHEISSMIOH

Kommentator: Meine Damen und Herren, nun also noch einmal das Ergebnis der Hahnenkamm-Herrenabfahrt auf der Streif:

        Es siegte Kurt Weiss, Österreich - sein erster Sieg in einer möglicherweise ganz großen Karriere - vor Urs Wilander, Schweiz und Charles Mortimer, Kanada, und ich gebe jetzt gleich zu Kollege Franz Frisch zum Siegerinterview.

Frisch: Ja, danke, Horst, und hier haben wir ihn also, den strahlenden Sieger auf der Streif.

        Kurt, zunächst einmal herzlichen Glückwunsch zu diesem tollen Erfolg.

Weiss: Danke. Scheißmioh, i g’frei mi narrisch.

Frisch: Der erste Weltcupsieg - und dann noch dazu gleich auf der Streif. Was ist das für ein Gefühl?

Weiss: Des is natürlich a Supergfühl. Scheißmioh, i konns no goa ned glaum, doss i wirkli gwunna hob.

Frisch: Haben Sie sich eigentlich vor dem Rennen Chancen ausgerechnet, hier zu gewinnen?

Weiss: Eigentlich scho. I woa jo heia scho Dritter in Gröden und Zweiter in Val d’Isere, und do hob i ma docht: Scheißmioh, des wa do glocht, wonn i des ned jetzt boid amoi derpack, doss i gwinn.

Frisch: Bei der Zwischenzeit waren Sie aber noch 11 Hundertstel hinter dem Wilander.

Weiss: Jo, des stimmt, i hob an Fehler ghobt in da Kompression, und do hob i ma docht: Scheißmioh, jetzt muasst oiss riskiern, sonst konnst des Rennen vagessn.

Frisch: Sie haben alles riskiert und hatten dann im Ziel 27 Hundertstel Vorsprung auf Wilander. Wo haben Sie Ihrer Meinung nach das Rennen gewonnen?


Weiss: I glaub, bei da Hausbergkantn, i bin die Hausbergkantn gonz hoch ongfoan, i hob ma denkt, wenns guad geht, geht’s guad, und wenn ned, scheißmioh, donn flieg i hoid ausse, oba es is gottseidonk guad gonga.

Frisch: Und was ist Ihre Philosophie?

Weiss: Mei Philosophie? Jo mei, i sog hoid immer: Scheiß di ned oh - scheiß mi oh.

Frisch: Es war aber auch wirklich ein tolles Rennen von Ihnen, scheißmioh.

Weiss: Entschuldigen Sie, aber Ihnen als Reporter steht es nicht zu, Vulgärausdrücke wie ‘scheißmioh’ zu verwenden. Dieses Privileg ist uns Rennläufern vorbehalten, und so soll es auch bleiben.

 

TEXT DES MONATS JANUAR 2010

DER MOND FÄLLT

Der Mond fällt

auf das Glas vor mir

doch trinkt er nicht

von meinem Bier

 

Und das ist Glück

für uns: Der Mond

ist nämlich Bier

noch nicht gewohnt:

 

Verlöre er

sein Gleichgewicht

es wär für uns

das beste nicht

 

Er käme

aus der Umlaufbahn

und stürzte

in den Ozean

 

Die Welle

die daraus entstünde

wär fast so wie

die Flut der Sünde

 

Sie käm womöglich

bis hierher

und zöge mich

hinab ins Meer

 


Bevor ich solch

Malheur riskier

leer ich auf einen Zug

mein Bier.

 

TEXT DES MONATS DEZEMBER 2009

DER BARBIER VON SALZBURG
Es lebte einst in der schönen Stadt Salzburg ein Barbier namens Meister Friedrich, der alle Männer mit blonden Bärten glühend hasste.

Der Grund dafür war, dass seine geliebte Frau vor Jahren mit einem Blondbärtigen durchgebrannt war.

Seit damals pflegte Meister Friedrich jedem Blondbart, der zu ihm kam, um sich rasieren zu lassen, den Hals von einem Ohr zum anderen durchzuschneiden.

Warum er dies ungestraft tun konnte, fragen Sie?

Nun, erstens sprach sich die mörderische Angewohnheit des Barbiers unter den Einheimischen rasch herum, sodass schon bald alle blondbärtigen Salzburger sein Geschäft boykottierten, und zweitens war Meister Friedrichs erstes Opfer der damalige Polizeichef gewesen, dessen Nachfolger aus purer Dankbarkeit darauf verzichtete, etwas gegen den Mann zu unternehmen, dem er seine gut bezahlte, angesehene Position verdankte.

Mit Gerechtigkeit hatte das natürlich nichts zu tun, aber Gerechtigkeit ist nun mal eine sehr seltene Blume.

Aber zurück zur Geschichte:

Eines Tages kam ein junger, blondbärtiger Bäckergeselle namens Thomas nach Salzburg.

Er hatte vor, in der zukünftigen Mozartstadt einige Jahre zu bleiben, also betrat er frohgemut die erste Bäckerei, die er fand, und bot dem Besitzer, Meister Erhart, seine Dienste an.

„Du hast Glück", stellte Meister Erhart fest. „Zufällig suche ich nämlich tatsächlich gerade einen tüchtigen Gesellen. Wenn du willst, kannst du schon morgen bei mir anfangen - allerdings nur unter einer Bedingung."

„Und die wäre?" fragte Thomas.


„Unter der Bedingung, dass du dir deinen Bart abnehmen lässt.

Ich finde nämlich, dass ein Bäcker mit mehlverklebtem Bart ein äußerst unappetitlicher Anblick ist. Bist du damit einverstanden?"

„Also gut" antwortete Thomas: „Wo finde ich den nächsten Barbier?"

„Der nächste Barbier ist Meister Friedrich“, erklärte Meister Erhart. „Allerdings gebe ich dir den guten Rat, dich nicht von ihm rasieren zu lassen, es würde dir nämlich ganz und gar nicht gut bekommen.

Geh lieber zu Meister Werner, immer die Hauptstrasse entlang, du kannst sein Geschäft gar nicht verfehlen, in einer knappen halben Stunde bist du dort."

„Ist gut, Meister" sagte Thomas und machte sich auf den Weg.

Er war noch keine hundert Schritte gegangen, als sein Blick auf Meister Friedrichs Ladenschild fiel.

Thomas blieb stehen und überlegte:

'Mein neuer Meister scheint ein Tyrann zu sein. Wenn er mich nur unter der Bedingung nimmt, dass ich mich von meinem schönen Bart trenne, dann muss ich das wohl oder übel akzeptieren. Aber wenn er sich einbildet, dass er mir außerdem auch noch vorschreiben kann, zu welchem Barbier ich gehe, dann hat er sich gewaltig geschnitten. Außerhalb der Backstube lasse ich mir von keinem was befehlen. Aber wirklich nicht.'

Kurz entschlossen betrat er Meister Friedrichs Barbierladen.

„Guten Tag, Meister Friedrich", sagte er. „Ich möchte mir von Euch meinen Bart abnehmen lassen."

„Da seid Ihr bei mir genau an der richtigen Adresse, mein Herr" antwortete Meister Friedrich und nahm sein schärfstes Rasiermesser zur Hand: „Bitte nehmt Platz".

Glauben Sie wirklich, dass es diesem Thomas besser erging als seinen blondbärtigen Vorgängern, nur, weil er der Hauptheld dieser Geschichte zu sein scheint?


Wenn ja, so täuschen Sie sich in zweierlei Hinsicht, denn erstens erging es ihm natürlich auch nicht besser und zweitens war nicht er der Hauptheld dieser Geschichte, sondern, wie schon aus dem Titel hervorgeht, Meister Friedrich.

Eigentlich schade um Thomas. Meister Erhart hätte einen tüchtigen Gesellen nämlich wirklich gut brauchen können.

 

TEXT DES MONATS NOVEMBER 09

DIE STUNDE DES WOLFES
Die Stunde

des Wolfes

in einem Land

ohne Wölfe.

 

Es finden

Versammlungen statt.

Menschen rotten sich

zusammen.

 

Und allmählich

erwacht wieder

der Durst

nach fremdem Blut.

 

TEXT DES MONATS OKTOBER 2009

DIE BEICHTE
Es war 15 Uhr.

Kurt lag sterbend in seinem Krankenhausbett. Plötzlich stand ein Engel vor ihm.

„Ich bin der Todesengel“, erklärte der Engel. „Fürchte dich nicht, denn ich meine es gut mit dir. Dein Leben war im großen und ganzen durchaus gottgefällig.

Trotzdem warten ewige Höllenqualen auf dich, weil du nämlich nicht an Gott geglaubt hast, und du wirst selbst zugeben müssen, dass der Himmel kein geeigneter Aufenthaltsort für Atheisten ist.

Um es kurz zu machen: Deine einzige Chance, in den Himmel zu kommen, ist die, dass du dich jetzt, in deiner Todesstunde, doch noch zu Gott bekennst und die Beichte ablegst. Ich habe den Auftrag, dir um Punkt 15 Uhr 35 das Leben zu nehmen. Sehr viel Zeit bleibt dir also nicht mehr, also, ich an deiner Stelle würde mich jetzt ziemlich beeilen.“

Kurt war kein Dummkopf. Die Tatsache, dass soeben ein waschechter Engel zu ihm gesprochen hatte, überzeugte ihn voll und ganz davon, dass seine bisherige Meinung über Gott grundfalsch gewesen war.

Unverzüglich klingelte er die Krankenschwester herbei und bat um einen Priester.

Zwar wunderte sich die Schwester darüber, dass Kurt, der bisher alle Versuche des geistlichen Personals, seine Aussöhnung mit Gott herbeizuführen, brüsk zurückgewiesen hatte, nun doch noch nach einem Priester verlangte, aber trotzdem beeilte sie sich, seinem Wunsch nachzukommen.

Die Minuten verstrichen. Unbarmherzig. Wie im Flug. Wutsch - und wieder eine. Wutsch - die nächste. Wutsch. Wutsch. Wutsch.

Endlich, um 15 Uhr 24, öffnete sich die Tür und ein Priester betrat das Zimmer, in Begleitung eines unauffällig wirkenden älteren Herrn, der sich Kurt als „Dr. Robert Weilmann, Notar" vorstellte.


„Sie haben mich gerufen, Herr Korff“, stellte der Priester fest. „Darf ich fragen, was Sie, ausgerechnet Sie, von mir wollen?"

„Die Beichte. Bitte.“, antwortete Kurt.

„Ich verstehe. Sie wollen auf Nummer Sicher gehen, falls es doch ein Leben nach dem Tod gibt, stimmt's? Aber nicht mit mir."

„Nein, wirklich nicht. Ich habe mich geirrt. Es gibt einen Gott. Ich weiß es. Und deshalb möchte ich beichten. Bitte."

„Tut mir leid, aber das ist völlig ausgeschlossen“, sprach der Priester. „Schließlich sind Sie schon 1964 aus der Katholischen Kirche ausgetreten, und ich sehe nicht ein, dass Ihnen jetzt plötzlich dieselbe Gnade zuteil werden soll wie jemandem, der sein Leben lang brav seine Kirchensteuer bezahlt hat.

Dies bedeutet, dass ich Ihnen Ihre Schuld gegenüber Gott nur dann erlassen werde, wenn Sie zuvor - als Zeichen dafür, dass Ihre Reue von Herzen kommt, Ihre Schulden gegenüber der katholischen Kirche begleichen.

Sie belaufen sich mit Zins und Zinseszins auf 5.943 Euro

und 40 Cent."

„Aber ... aber wo soll ich denn jetzt plötzlich so viel Geld hernehmen?", fragte Kurt verzweifelt.

„Sie könnten ja der Kirche testamentarisch diesen Betrag vermachen“, schlug der Priester vor.

„Das würde ich gern, wirklich, aber ich habe nicht so viel Geld auf dem Konto, höchstens 2.000..."

„In diesem Fall kann ich leider nichts für Sie tun“, sprach der Priester streng und wandte sich zum Gehen. „Guten Tag, Herr Korff."

„Halt! Warten Siel" rief Korff mühsam.

„Ja? Was gibt es denn noch?", fragte. der Priester.

„Ich habe mir letztes Jahr einen neuen Wagen gekauft..."

„Klingt interessant“ gab der Priester zu. "Welche Marke? Welches Baujahr?"


„Toyota. Baujahr 2007."

„Hm. Das dürfte reichen", stellte der Gottesmann fest. „Und Sie wären also bereit, dieses Auto der Heiligen Katholischen Kirche zu vermachen?"

„Ja, mit Freuden! Bitte."

„In diesem Fall sieht natürlich alles ganz anders aus" sagte der Priester und wandte sich an den Notar: „Bitte, Herr Notar, schreiben Sie: Ich, Kurt Korff, vermache im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte der Katholischen Kirche meinen Wagen, einen Toyota, Baujahr 2007."

Nachdem der Notar seine Niederschrift beendet hatte, drückte er dem Sterbenden einen Kugelschreiber in die Hand und bat ihn, seine Unterschrift unter das Dokument zu setzen, was Kurt mit letzter Kraft auch tat.

„Und Jetzt möchte ich beichten", seufzte Kurt.

„Tut mir leid, aber deine Zeit ist soeben abgelaufen", sprach in diesem Moment der Todesengel. „Pech gehabt."

Kurts Augen. brachen.

Seine Seele aber verließ den Körper und fuhr hinab in die Hölle, und wenn sie nicht gestorben ist, dann lebt sie heute noch dort.

TEXT DES MONATS SEPTEMBER 09

DAS TIER
Auf hoher See

sah ich ein Tier

das hatte Flossen

deren vier

 

Das hatte Schwänze

deren drei

das hatte Augen

deren zwei

 

Das hatte Mäuler

deren eines

Erbarmen mit uns

hatt’ es keines.

 

TEXT DES MONATS AUGUST 09
DER SÄBELZAHNTIGER

„So, Egon, ich geh' jetzt in mein Zimmer" sagte ich.

„Bitte nicht, Papa" bat mein fünfjähriger Sohn.

„Aber warum denn nicht?"

„Weil ich mich sonst fürchte."

„Du fürchtest dich? Wovor denn?"

„Ich habe Angst, dass ein Höhlenbär hier hereinkommt und mich frisst..."

„Aber Egon, davor brauchst du wirklich keine Angst zu haben" beruhigte ich ihn: „Weißt du, es gibt nämlich keine Höhlenbären mehr, weder hier noch irgendwo sonst auf der Welt, sie sind schon vor langer, langer Zeit ausgestorben."

„Bist du sicher?"

„Ganz sicher. Und jetzt schlaf, Egon. Gute Nacht."

„Gute Nacht, Papa."

Ich ließ ihn allein und ging in mein Zimmer, um zu arbeiten.

Etwa zwei Stunden später aber hörte ich plötzlich merkwürdige Geräusche.

Sie kamen aus dem Vorhaus. Es klang. so, als würde dort ein sehr großes Tier entlangschleichen... ein Höhlenbär zum Beispiel...

Erschrocken sprang ich auf, stürzte hinaus ins Vorhaus, und stand -natürlich keinem Höhlenbären gegenüber, denn diese sind tatsächlich schon seit mehreren Jahrtausenden ausgestorben, sondern einem ausgewachsenen Säbelzahntiger.

'Säbelzahntiger sind ebenfalls schon lange ausgestorben' überlegte ich: 'Dies bedeutet, dass dieser Säbelzahntiger nur in meiner Einbildung existiert und daraus folgt, dass ich den Verstand verloren habe.'

„Ganz recht. Das hast du" bestätigte der Tiger.

Ich dachte an Egon.

Wie sollte ich ihn bloß vor diesem Untier beschützen?


„Es stimmt, dass du deinen Sohn beschützen musst" erklärte der Tiger: „Aber nicht vor mir - ich existiere ja in Wirklichkeit gar nicht - sondern vor dir selbst. Weil du nämlich jetzt ein gefährlicher Psychopath bist."

So leid es mir tat, ich musste dem Tiger völlig recht geben.

Die vernünftigste Lösung wäre in dieser Situation natürlich die gewesen, die nächste Nervenheilanstalt anzurufen und sie zu ersuchen, unverzüglich einen Wagen hierher zu schicken, doch da ich vollkommen verrückt war, kamen vernünftige Lösungen für mich nicht mehr in Frage.

'Am besten, ich bringe mich um' dachte ich.

„So? Willst du etwa, dass dein Sohn einen Schock fürs Leben kriegt, wenn er morgen früh deine Leiche findet?" fragte der Tiger.

Nein, das wollte ich natürlich nicht.

Also blieb nur noch eine Möglichkeit:

Ich musste Egon möglichst rasch an irgendeinen Ort bringen, an dem er sicher vor mir war.

„Am sichersten vor dir wäre er im Himmel“ schlug der Tiger vor: „Weil dorthin kommst du ganz bestimmt nie."

Bald darauf stand ich vor dem Bett meines Sohnes.

In der rechten Hand hielt ich ein langes Küchenmesser.

Egon schlief.

‚Du siehst jetzt schon aus wie ein kleiner Engel, mein Sohn’ dachte ich zärtlich: 'Und schon in wenigen Sekunden wirst du wirklich einer sein.'

 

TEXT DES MONATS JULI 09
WILDE WELLEN

Wilde Wellen

ohoho

wilde Wasser

umdadum

 

Fährt ein Seemann

übers Meer

kommt er stets auch

von woher

ist sein Schiff nicht

fest gebaut

harrt vergeblich

seine Braut.

 

Wilde Wellen

ohoho

wilde Wasser

umdadum

 

Unser Käpt’n

war ein Seebär

und er sprach zum Wind:

„So weh Er!“

Im Orkan, vom Sturm

getrieben

ist das Schiff doch

heil geblieben.

 


Wilde Wellen

ohoho

wilde Wasser

umdadum

 

Ferne Heimat

wir Matrosen

tragen blaue

Seemannshosen

liebes Mütterlein

daheim

morgen werde ich

dir schreim

 

Wilde Wellen

ohoho

wilde Wasser

umdadum

 

Liebes Mütterlein

daheim

morgen werde ich

dir schreim.

 

TEXT DES MONATS JULI 09
DAS PHANTOM
Kommissar Hoss Deedle war auf der Jagd nach einem gefährlichen Phantom.

Wohin auch immer er ging, überall stieß er auf mit den Buchstaben XY signierte Leichen.

Obwohl das Phantom bisher bereits 52 Mal zugeschlagen hatte, gab es noch immer keinen einzigen Hinweis, mit dem Deedle etwas hätte anfangen können.

Es war wie verhext.

„Wenn das noch lange so weitergeht, sind Sie Ihren guten Ruf bald los, Boss“, stellte Deedles Assistent Bill schadenfroh grinsend fest.

„Halt’s Maul“, knurrte Deedle.

„Was werden Sie jetzt als Nächstes tun, Boss?“, fragte Bill.

„Auf’s Klo gehen“, antwortete Deedle.

***

Wenig später betrat Deedle die Toilette.

Raten Sie mal, was er dort fand.

Nein, keine Ostereier, denn es war Juli.

Rassistische Parolen an den Wänden?

Selbstverständlich, aber darum geht es hier nicht.

Nein, er fand eine frische, mit ‘XY’ signierte Leiche, und zwar die des mustergültigen Streifebeamten Max Wool.

„Na warte. Das sollst du mir büßen, Phantom“ knurrte Deedle, doch plötzlich hellte seine Miene sich auf.

Wohlgelaunt kehrte er in sein Büro zurück.

-----------

„Hallo, Bill!“ rief er fröhlich: „Weißt du, was ich auf dem Klo gefunden habe?“

„Keine Ahnung“ antwortete Bill.

„Rate.“

„Ostereier vielleicht?“


„Aber doch nicht jetzt, im Juli!“

„Rassistische Parolen an den Wänden?“

„Selbstverständlich, aber darum geht es hier nicht. Nein, ich habe die Leiche Max Wools gefunden.“

„Max Wool? Oh nein. Sie meinen doch nicht etwa... den mustergültigen Streifebeamten?“

„Doch, den meine ich. Er war das 53. Opfer unseres Phantoms.“

„Der arme Max“ murmelte Bill: „Er war ein verdammt guter Polizist.“

„Das war er“ bestätigte Deedle: „Aber das nützt ihm jetzt auch nichts mehr. Hör zu, Bill, ich habe drei Aufgaben für dich: Erstens möchte ich, dass du alle Kollegen, die gerade anwesend sind, fragst, ob irgendwer was Verdächtiges bemerkt hat. Zweitens sorge dafür, dass die Leiche weggeschafft wird. Und drittens sag der Raumpflegerin, dass sie das Klo saubermachen soll, damit keiner versehentlich in die Blutlache tritt und sich dabei seine Uniform schmutzig macht. Und wenn du damit fertig bist, möchte ich, dass du unverzüglich nach Hause gehst. Wir treffen uns dann morgen früh um 9 Uhr wieder hier.

Alles klar?“

„Wäre es nicht besser, wenn ich Ihnen heute noch Bericht erstatte?“ fragte Bill.

„Nein, auf gar keinen Fall. Ich habe hier im Büro noch etwas zu erledigen, und dabei möchte ich von keinem gestört werden, und schon gar nicht von einem Amöbenhirn wie dir.“ antwortete Deedle grob.

------===------

Am nächsten Morgen betrat Bill Punkt neun das Büro, wo er von seinem Chef bereits erwartet wurde.


„Nun, Bill, was hast du herausgefunden?“ erkundigte sich Deedle.

„Ich fürchte, ich muss Sie enttäuschen, Boss. Kein einziger der Kollegen hat etwas Verdächtiges bemerkt.“

„Das dachte ich mir. Ausgezeichnet. Ganz ausgezeichnet“ sagte Deedle und rieb sich vergnügt die Hände.

„Entschuldigen Sie, Boss, aber ich versteh nicht ganz, was daran ausgezeichnet sein soll...“

„Wirklich nicht, Bill?“

„Nein, wirklich nicht.“

„Also schön, dann werde ich es dir erklären. Setz dich.“

Bill gehorchte.

„Die Toilette, in der der Mord geschah, liegt, wie du ja weißt, im Bürotrakt unseres Reviers“ fuhr Deedle fort: „Und jetzt frage ich dich, Bill: Wer könnte unseren Bürotrakt betreten, ohne aufzufallen?“

„Polizisten natürlich“ antwortete Bill.

„Genauer gesagt: Nur Beamte unseres Reviers“ korrigierte Deedle: „Jeder andere Polizist wäre nämlich vorn an der Aufnahme zumindest nach dem Grund seines Hierseins gefragt worden, und daran würde sich bestimmt noch jemand erinnern können.

Zu den Beamten dieses Reviers kommen natürlich noch die Raumpflegerinnen und das Verwaltungspersonal.

Und wer noch, Bill? Wer hätte sonst noch diese Toilette betreten können, ohne aufzufallen?“

„Äh... warten Sie...ja, natürlich auch noch Verdächtige, die gerade in einem der Büros verhört werden...“

„Stimmt. Allerdings darf ein Verdächtiger die Toilette nur in Begleitung eines Polizeibeamten aufsuchen.“

„Jetzt verstehe ich!“ jubelte Bill: „Also, die Sache war so: Max hat das Phantom verhaftet, vermutlich ohne zu wissen, mit wem er es da zu tun hatte. Während des Verhörs bat das Phantom, die Toilette aufsuchen zu dürfen, und dort hat dieses Schwein Max heimtückisch ermordet...“


„Gar nicht schlecht kombiniert - zumindest für deine Verhältnisse“ lobte Deedle: „Trotzdem liegst du völlig falsch. Tatsache ist nämlich, dass Max gestern erst seit 10 Uhr im Dienst war. Ich habe seine Leiche um 10 Uhr 15 gefunden, und daraus folgt, dass er noch überhaupt keine Gelegenheit hatte, eine Verhaftung vorzunehmen.

Kommen wir lieber jetzt zur Person des Täters. Der Täter ist ohne jeden Zweifel ein hochgradiger Psychopath.

Hier im Revier kennt jeder jeden. Wäre irgendeine der hier beschäftigten Personen hochgradig geistesgestört, so wäre das einem so hervorragenden Menschenkenner wie mir nicht entgangen.

Der Täter kann also kein Mitarbeiter dieses Reviers sein.

Andererseits kommt aber auch keiner der gestern um diese Zeit anwesenden Verdächtigen als Täter in Frage, denn Verdächtige dürfen bekanntlich die Toilette nur in Begleitung eines Polizeibeamten betreten, und dieser Polizeibeamte wäre Zeuge des Mordes geworden.

Daraus folgt, dass keine der von dir genannten Personen für die Tat in Frage kommt.“

„Aber wer dann?“

„Es gibt außer den bereits genannten nur noch eine einzige Person, die den Bürotrakt betreten kann, ohne aufzufallen. Ich meine den Briefträger.“

„Aber natürlich! Der Briefträger!“ rief Bill.

„Und daraus folgt, dass der Briefträger unser gesuchtes Phantom ist“ schloss Deedle.

In diesem Moment klopfte es an der Tür.

„Herein!“ rief Deedle.

Die Tür öffnete sich und der Briefträger trat ein.

In der rechten Hand hielt er eine Pistole mit Schalldämpfer.


„Ich habe ein wenig an der Tür gelauscht“ erklärte er, nachdem er die Tür hinter sich geschlossen hatte: „Mein Kompliment, Deedle. Sehr scharfsinnig kombiniert. Leider wird Ihnen das jetzt auch nichts mehr nützen. Aufstehen und Hände hoch, alle beide!“

„Bitte, ganz wie Sie wollen“ antwortete Deedle kühl, erhob sich und drückte dabei unauffällig mit dem rechten Fuß auf einen Knopf.

Im selben Moment aber löste sich eine mehr als 500 Kilo schwere Steinplatte, die Deedle am Vortag dort hatte anbringen lassen, von der Zimmerdecke und zertrümmerte den Schädel des Phantoms wie ein rohes Ei.

„Mannomann, Boss“ murmelte Bill ehrfürchtig: „Woher haben Sie gewusst, dass er heute in Ihr Büro kommen wird, um Sie umzubringen?“

„Wenn du auch nur einen Funken Ahnung von Psychologie hättest, dann könnte ich dir das ganz genau erklären“ antwortete Deedle: „Da dies aber leider nicht der Fall ist, musst du dich wohl oder übel damit zufrieden geben, wenn ich dir sage, dass ich eben wieder mal den richtigen Riecher gehabt habe.

So. Genug davon. Aber bevor wir uns jetzt dem nächsten Fall zuwenden, habe ich noch einen wichtigen Auftrag für dich.“

„Ja, Boss?“

„Geh zur Raumpflegerin und sag ihr, dass in meinem Büro eine Menge Arbeit auf sie wartet.“

 

TEXT DES MONATS MAI  09
DER MORGEN BRINGT BLEI

Der Morgen

bringt Blei.

Der Tag ist ein

weißer Zwerg

 

Verdruss

bringt Unlust

wird zum

Überdruss

 

Am Abend

Erleichterung

durch

Alkohol.

 

Am Morgen aber

kommt Besuch.

Es ist, wie immer,

die Sorge. 

(Aus meinem Lyrikband ‚Unterwegs’, Bibliothek der Provinz)

 

TEXT DES MONATS APRIL 2009

DER WAHRE SINN DES LEBENS

Ein Monolog

(Auf der Bühne sitzt ein alter Mann an seinem Schreibtisch. Sobald

der Vorhang sich ganz geöffnet hat, wendet er sich dem Publikum

zu)

Alter Mann (seufzt): Ach ja, das Leben ist hart.

      Glauben Sie mir, das Leben ist wirklich hart, ich sage das nicht bloß so dahin, damit die Zeit vergeht, nein, ich weiß, wovon ich rede.

      Schauen Sie, seit meiner Jugend habe ich mich ausschließlich darauf konzentriert, die Antwort auf eine einzige Frage zu finden, nämlich was eigentlich der Sinn des Lebens ist.

      Ich habe dabei weder Kosten noch Mühen gescheut:

      Ich habe Jus studiert, dann Theologie, dann Philosophie, dann Geschichte, dann Politologie - um Sie nicht mit einer endlos langen Aufzählung zu langweilen: Ich habe so ziemlich alles studiert, was man überhaupt studieren kann, und wissen Sie, was dabei herausgekommen ist?

      Nichts. Gar nicht. Ich bin genauso klug wie am Anfang, es ist wirklich zum Knochenkotzen.

      Heute bin ich ein alter Mann, und wissen Sie, was für mich das Deprimierendste ist?

      In all den Jahren meines Lebens hat es keinen einzigen Augenblick gegeben, in dem ich wirklich zufrieden war oder gar glücklich.

      Ich glaube. nicht, dass ich jetzt noch darauf hoffen darf, doch noch den Sinn des Lebens zu entdecken.

      Schon möglich, dass das Leben einen Sinn hat, obwohl ich nie draufgekommen bin, welchen, aber MEIN Leben hat jedenfalls keinen mehr.

      Deshalb habe ich - nach reiflicher Überlegung - beschlossen, Schluss zu machen.


       Es ist wirklich das Vernünftigste, was ich jetzt noch tun kann. Bloß gut, dass es mir während meines Pharmaziestudiums gelungen ist, mir ein paar Kapseln Zyankali zu .organisieren.

(Er öffnet die Schublade seines Schreibtischs und entnimmt ihr drei

kleine Kapseln, die er vor sich auf den Schreibtisch legt)

      Ich hoffe, dass ich Ihnen mit meinem Selbstmord nicht den schönen Abend verderbe, aber was sein muss, muss sein.

      Also dann: Auf Wiedersehen.

(Er nimmt die Kapseln in die linke Hand. Plötzlich läuft ein Pudel

auf die Bühne)

Alter Mann (zum Pudel): Nanu? Wo kommst du denn her? Du bist

      ja ein ganz ein Lieber. Hast du Hunger?

      Du siehst zwar nicht besonders hungrig aus, aber irgendwie... irgendwie hätte ich doch ein schlechtes Gewissen, wenn ich mich jetzt umbringe, ohne dir was zu fressen gegeben zu haben.

      Noch dazu habe ich zufällig tatsächlich eine Dose Hundefutter , weil ich gestern ohne Brille einkaufen gegangen bin. Warte. Einen Moment.

(Er öffnet die Schublade und entnimmt ihr einen Fressnapf, einen

 Löffel und eine Dose Hundefutter. Er betrachtet  kritisch. das

Etikett, liest): Frocki. Schmeckt jedem Hund'.

      Mal sehen, ob das stimmt. (Er füllt den Inhalt der Dose in

den Fressnapf um, stellt dem Hund das Futter hin. Der Hund

frisst mit gesundem Appetit.)

      (zufrieden) Es stimmt also wirklich. Sehen Sie, wie es ihm schmeckt? Das freut mich aber jetzt. Das freut mich jetzt aber wirklich. (Plötzlich zuckt er zusammen und schlägt sich mit der flachen Hand gegen die Stirn). Mein Gott. Mein Gott. Mein Gott, ich hab's! Ich hab's! Ich hab's! (kichert irre) Ich hab's, ich hab's, ich hab's, ich hab's, ich hab's.

     
(ernst werdend): Der Sinn des Lebens. Der wahre Sinn des Lebens. Meine Damen und Herren, ich habe Ihnen eine wichtige Mitteilung zu machen: Ich habe soeben den Sinn des Lebens erkannt.

      Schauen Sie sich diesen Hund an. Sehen Sie, wie es ihm schmeckt?  Und jetzt schauen Sie mich an. Sehen Sie, wie ich mich darüber freue, dass es ihm schmeckt?

      Und das ist der Sinn des Lebens, glauben Sie mir, genau das ist der Sinn des Lebens:

      Der Sinn des Lebens ist es, Hunde mit Frocki zu füttern, weil wenn es dem Hund schmeckt, freut sich der Mensch, und Frocki schmeckt jedem Hund. Guten Abend.

(Vorhang)

 

TEXT DES MONATS MÄRZ 2009

DEIN GEWISSEN

Dein Gewissen

ist wie ein

Dornengestrüpp

das dir den Weg

versperrt

zum Erfolg.

 

Dein Gewissen

ist wie ein

Türhüter

der dir den Eintritt

verwehrt

ins Haus des Ruhmes.

 

Dein Gewissen

ist wie

eine Kette

die dich

festhält

in der Hütte der Armut.

 

Doch dein Gewissen

erhält dir

die Freiheit:

Du brauchst dich

vor keinem

zu beugen.

(Aus meinem Lyrikband ‚Unterwegs’)

 

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