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ARCHIV DIETMAR FÜSSEL

Letzte Aktualisierung am 28. Juli 2010

TEXT DES MONATS JULI 2010

SCHNEEFALL

Gehst du bei Schneefall

über das Land

werden die Blicke

ruhelos

 

Wartet doch eine auf dich

zu Hause

du beschleunigst

die tiefen Schritte

 

Wird auch der Schnee

sie bald bedecken

keine Erinnerung

bleiben

 

Bist du doch einmal

hier gegangen

zu ihr, die

auf dich wartet.

 

TEXT DES MONATS JUNI 2010

WÜRSTELFINGER

Würde mir jemand eine Gitarre reichen und mich bitten, darauf zu spielen, so würde ich das Musikinstrument auf seinem Kopf zertrümmern.

Ich kann nämlich nicht Gitarre spielen, weil ich kurze, dicke, plumpe Finger habe.

Im Volksmund nennt man Finger wie die meinen ‚Würstelfinger’.

Ich leide sehr unter ihnen.

Jeden Tag werde ich mindestens ein Dutzend Mal von wildfremden Menschen angesprochen und gefragt, wie man sich mit solchen Würstelfingern wie den meinen fühlt.

Meistens verberge ich ja meine Hände in den Hosentaschen, aber immer ist das leider nicht möglich.

Ich arbeite nämlich als Portier in einem großen Hotel, und wenn beispielsweise ein Gast seinen Schlüssel haben will, muss ich ihm den Schlüssel geben, und kaum einer versäumt die Gelegenheit, mich zu fragen, wie man sich mit solchen Würstelfingern wie den meinen fühlt.

Ich könnte dann jedes Mal aus der Haut fahren, aber das kann ich mir in meinem Beruf leider nicht leisen, also antwortete ich höflich:

„Danke, ganz gut.“

Worauf sich der Gast mit ungläubigem Gelächter entfernt.

Einmal verliebte ich mich in ein blindes Mädchen, und auch sie schien meine Gefühle zu erwidern, doch als ich endlich ihre Hand nahm, um ihr meine Liebe zu gestehen, betastete sie mit verblüfftem Gesichtsausdruck meine Finger und fragte:

„Wie fühlt man sich eigentlich, wenn man solche Würstelfinger hat wie du?“

Ich riss mich los, rannte schluchzend aus dem Lokal und besuchte meine alte Mutter, um ihr mein Herz auszuschütten.

„Mutter, du hast keine Würstelfinger. Vater hat auch keine Würstelfinger. Warum also habe ich Würstelfinger?“; fragte ich sie.


„Also, ganz genau weiß ich das auch nicht“; antwortete sie. „Aber vermutlich liegt es daran, dass ich während der Schwangerschaft zu viele Würste gegessen habe. Eine andere Erklärung habe ich eigentlich auch nicht dafür. Aber weil wir gerade beim Thema sind: Wie fühlt man sich eigentlich, wenn man solche Würstelfinger hat wie du?“

Ich habe die Frage meiner Mutter nicht beantwortet und sie seither nie wieder besucht.

Meine Würstelfinger sind wie ein böser Fluch, der mich bis an mein Lebensende verfolgen wird, ja, sogar noch darüber hinaus.

Nach meinem Tod wird man nämlich vor dem Begräbnis meinen Leichnam feierlich in einer Kapelle aufbahren.

Dann wird der Priester sich über mich beugen, nachdenklich meine Finger betrachten und leise zu sich selbst sagen:

„Schade, dass er tot ist. Ich hätte ihn so gern noch gefragt, wie man sich fühlt, wenn man solche Würstelfinger hat.“

 

 

TEXT DES MONATS MAI 2010

DER ZUG DER VERSTÄNDIGUNG

Das gesprochene

Wort

ist die eine Schiene

das gehörte

Wort

die andere Schiene

 

Darauf gleitet

der Zug

der Verständigung

von Station

zu Station

von Missverständnis

zu Missverständnis.

(Aus meinem Lyrikband ‚Unterwegs’)

 

TEXT DES MONATS APRIL 2010

DIE VERGESSENE

Es klingelte. Ich ging zur Wohnungstür und öffnete.

Vor mir stand eine attraktive Blondine Mitte dreißig.

„Grüß dich, Peter“, sagte sie lächelnd, küsste mich auf beide Wangen und fuhr fort.„Weißt du, ich hatte gerade beruflich hier in der Gegend zu tun und da dachte ich mir, das wäre doch die ideale Gelegenheit, dich endlich einmal zu besuchen.

Oder störe ich?“

„Nein, das direkt nicht“, antwortete ich verlegen. „Aber ich fürchte, Sie verwechseln mich mit jemandem, ich kenne Sie nämlich nicht, und außerdem heiße ich gar nicht Peter, sondern Karl.“

„Damals hast du dich aber Peter genannt“, stellte sie fest. „Darf ich reinkommen?“

„Ja, natürlich... bitte schön, kommen Sie herein, aber, wie gesagt, das muss ein Irrtum sein.“

Wir nahmen im Wohnzimmer Platz.

„Du hast dich fast überhaupt nicht verändert, Peter“, bemerkte sie.

„Jetzt mal der Reihe nach“, sagte ich. „Woher kennen wir uns denn eigentlich, Ihrer Meinung nach?“

„Aber das kannst du doch unmöglich vergessen haben! Erinnere dich doch, Peter! Das war in Timmendorfer Strand an der Ostsee, im Juli 2003!“

„Nein, tut mir leid, aber ich war noch nie in diesem Timmendorf...“

„Timmendorfer Strand. Der Ort heißt nicht bloß Timmendorf, sondern Timmendorfer Strand.“

„Wie auch immer, ich war noch nie dort, nicht mal auf der Durchreise, ich weiß nicht mal, wo das liegt, wie schon gesagt, Sie müssen mich mit jemandem verwechseln.“

„Vielleicht war es auch ein anderer Ort an einem anderen Meer“, räumte sie ein. „Oder vielleicht war es an irgendeinem See. Geographie ist nicht unbedingt meine starke Seite.“


„Ich erinnere mich nicht, dass wir uns überhaupt...“

„Jetzt hör aber auf, Peter, das kannst du doch unmöglich vergessen haben! Natürlich war es nicht mehr als ein Urlaubsflirt, das war uns beiden klar, aber trotzdem, so was vergisst man doch nicht.

Jetzt erinnere dich doch: Wir haben Wein getrunken in einer kleinen, verschwiegenen Bucht bei Mondschein, und dann, dann haben wir uns geliebt. Es war wunderschön...“

„Nein, glauben Sie mir, ich bin wirklich nicht der, für den Sie mich halten. Erstens heiße ich Karl und nicht Peter, wie schon gesagt, zweitens kenne ich Sie nicht und drittens habe ich seit meiner Jugend nicht mehr am Meer Urlaub gemacht, weil ich mehr auf Städtereisen stehe...“

„Entschuldige, Peter - oder Karl, ganz, wie du willst, aber ich habe leider nicht ewig Zeit und ich finde, dass wir unsere Zeit wesentlich besser nützen könnten als dazu, hier herumzusitzen und dummes Zeug zu reden. Wo ist dein Schlafzimmer?“

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„War’s schön für dich?“, fragte ich sie, als wir uns eine Dreiviertelstunde später wieder ankleideten.

„Es war nicht schlecht“, antwortete sie. „Aber als Peter warst du doch um mindestens eine Klasse besser.“

 

TEXT DES MONATS MÄRZ 2010

MEINE HEIMAT

Meine Heimat

ist aus Papier.

Eine andere

habe ich nicht.

 

Ich hätte

gern eine

und habe

keine.

 

Ich bleibe

ein Fremder

bin niemals

‘von hier’.

 

Meine Heimat

ist aus Papier.

Eine andere

habe ich nicht.

 

Ich hätte

gern eine

und habe

keine.

 

Meine Heimat

ist aus Papier.

 

TEXT DES MONATS FEBRUAR 2010

SCHEISSMIOH

Kommentator: Meine Damen und Herren, nun also noch einmal das Ergebnis der Hahnenkamm-Herrenabfahrt auf der Streif:

        Es siegte Kurt Weiss, Österreich - sein erster Sieg in einer möglicherweise ganz großen Karriere - vor Urs Wilander, Schweiz und Charles Mortimer, Kanada, und ich gebe jetzt gleich zu Kollege Franz Frisch zum Siegerinterview.

Frisch: Ja, danke, Horst, und hier haben wir ihn also, den strahlenden Sieger auf der Streif.

        Kurt, zunächst einmal herzlichen Glückwunsch zu diesem tollen Erfolg.

Weiss: Danke. Scheißmioh, i g’frei mi narrisch.

Frisch: Der erste Weltcupsieg - und dann noch dazu gleich auf der Streif. Was ist das für ein Gefühl?

Weiss: Des is natürlich a Supergfühl. Scheißmioh, i konns no goa ned glaum, doss i wirkli gwunna hob.

Frisch: Haben Sie sich eigentlich vor dem Rennen Chancen ausgerechnet, hier zu gewinnen?

Weiss: Eigentlich scho. I woa jo heia scho Dritter in Gröden und Zweiter in Val d’Isere, und do hob i ma docht: Scheißmioh, des wa do glocht, wonn i des ned jetzt boid amoi derpack, doss i gwinn.

Frisch: Bei der Zwischenzeit waren Sie aber noch 11 Hundertstel hinter dem Wilander.

Weiss: Jo, des stimmt, i hob an Fehler ghobt in da Kompression, und do hob i ma docht: Scheißmioh, jetzt muasst oiss riskiern, sonst konnst des Rennen vagessn.

Frisch: Sie haben alles riskiert und hatten dann im Ziel 27 Hundertstel Vorsprung auf Wilander. Wo haben Sie Ihrer Meinung nach das Rennen gewonnen?


Weiss: I glaub, bei da Hausbergkantn, i bin die Hausbergkantn gonz hoch ongfoan, i hob ma denkt, wenns guad geht, geht’s guad, und wenn ned, scheißmioh, donn flieg i hoid ausse, oba es is gottseidonk guad gonga.

Frisch: Und was ist Ihre Philosophie?

Weiss: Mei Philosophie? Jo mei, i sog hoid immer: Scheiß di ned oh - scheiß mi oh.

Frisch: Es war aber auch wirklich ein tolles Rennen von Ihnen, scheißmioh.

Weiss: Entschuldigen Sie, aber Ihnen als Reporter steht es nicht zu, Vulgärausdrücke wie ‘scheißmioh’ zu verwenden. Dieses Privileg ist uns Rennläufern vorbehalten, und so soll es auch bleiben.

 

TEXT DES MONATS JANUAR 2010

DER MOND FÄLLT

Der Mond fällt

auf das Glas vor mir

doch trinkt er nicht

von meinem Bier

 

Und das ist Glück

für uns: Der Mond

ist nämlich Bier

noch nicht gewohnt:

 

Verlöre er

sein Gleichgewicht

es wär für uns

das beste nicht

 

Er käme

aus der Umlaufbahn

und stürzte

in den Ozean

 

Die Welle

die daraus entstünde

wär fast so wie

die Flut der Sünde

 

Sie käm womöglich

bis hierher

und zöge mich

hinab ins Meer

 


Bevor ich solch

Malheur riskier

leer ich auf einen Zug

mein Bier.

 

TEXT DES MONATS DEZEMBER 2009

DER BARBIER VON SALZBURG
Es lebte einst in der schönen Stadt Salzburg ein Barbier namens Meister Friedrich, der alle Männer mit blonden Bärten glühend hasste.

Der Grund dafür war, dass seine geliebte Frau vor Jahren mit einem Blondbärtigen durchgebrannt war.

Seit damals pflegte Meister Friedrich jedem Blondbart, der zu ihm kam, um sich rasieren zu lassen, den Hals von einem Ohr zum anderen durchzuschneiden.

Warum er dies ungestraft tun konnte, fragen Sie?

Nun, erstens sprach sich die mörderische Angewohnheit des Barbiers unter den Einheimischen rasch herum, sodass schon bald alle blondbärtigen Salzburger sein Geschäft boykottierten, und zweitens war Meister Friedrichs erstes Opfer der damalige Polizeichef gewesen, dessen Nachfolger aus purer Dankbarkeit darauf verzichtete, etwas gegen den Mann zu unternehmen, dem er seine gut bezahlte, angesehene Position verdankte.

Mit Gerechtigkeit hatte das natürlich nichts zu tun, aber Gerechtigkeit ist nun mal eine sehr seltene Blume.

Aber zurück zur Geschichte:

Eines Tages kam ein junger, blondbärtiger Bäckergeselle namens Thomas nach Salzburg.

Er hatte vor, in der zukünftigen Mozartstadt einige Jahre zu bleiben, also betrat er frohgemut die erste Bäckerei, die er fand, und bot dem Besitzer, Meister Erhart, seine Dienste an.

„Du hast Glück", stellte Meister Erhart fest. „Zufällig suche ich nämlich tatsächlich gerade einen tüchtigen Gesellen. Wenn du willst, kannst du schon morgen bei mir anfangen - allerdings nur unter einer Bedingung."

„Und die wäre?" fragte Thomas.


„Unter der Bedingung, dass du dir deinen Bart abnehmen lässt.

Ich finde nämlich, dass ein Bäcker mit mehlverklebtem Bart ein äußerst unappetitlicher Anblick ist. Bist du damit einverstanden?"

„Also gut" antwortete Thomas: „Wo finde ich den nächsten Barbier?"

„Der nächste Barbier ist Meister Friedrich“, erklärte Meister Erhart. „Allerdings gebe ich dir den guten Rat, dich nicht von ihm rasieren zu lassen, es würde dir nämlich ganz und gar nicht gut bekommen.

Geh lieber zu Meister Werner, immer die Hauptstrasse entlang, du kannst sein Geschäft gar nicht verfehlen, in einer knappen halben Stunde bist du dort."

„Ist gut, Meister" sagte Thomas und machte sich auf den Weg.

Er war noch keine hundert Schritte gegangen, als sein Blick auf Meister Friedrichs Ladenschild fiel.

Thomas blieb stehen und überlegte:

'Mein neuer Meister scheint ein Tyrann zu sein. Wenn er mich nur unter der Bedingung nimmt, dass ich mich von meinem schönen Bart trenne, dann muss ich das wohl oder übel akzeptieren. Aber wenn er sich einbildet, dass er mir außerdem auch noch vorschreiben kann, zu welchem Barbier ich gehe, dann hat er sich gewaltig geschnitten. Außerhalb der Backstube lasse ich mir von keinem was befehlen. Aber wirklich nicht.'

Kurz entschlossen betrat er Meister Friedrichs Barbierladen.

„Guten Tag, Meister Friedrich", sagte er. „Ich möchte mir von Euch meinen Bart abnehmen lassen."

„Da seid Ihr bei mir genau an der richtigen Adresse, mein Herr" antwortete Meister Friedrich und nahm sein schärfstes Rasiermesser zur Hand: „Bitte nehmt Platz".

Glauben Sie wirklich, dass es diesem Thomas besser erging als seinen blondbärtigen Vorgängern, nur, weil er der Hauptheld dieser Geschichte zu sein scheint?


Wenn ja, so täuschen Sie sich in zweierlei Hinsicht, denn erstens erging es ihm natürlich auch nicht besser und zweitens war nicht er der Hauptheld dieser Geschichte, sondern, wie schon aus dem Titel hervorgeht, Meister Friedrich.

Eigentlich schade um Thomas. Meister Erhart hätte einen tüchtigen Gesellen nämlich wirklich gut brauchen können.

 

TEXT DES MONATS NOVEMBER 09

DIE STUNDE DES WOLFES
Die Stunde

des Wolfes

in einem Land

ohne Wölfe.

 

Es finden

Versammlungen statt.

Menschen rotten sich

zusammen.

 

Und allmählich

erwacht wieder

der Durst

nach fremdem Blut.

 

TEXT DES MONATS OKTOBER 2009

DIE BEICHTE
Es war 15 Uhr.

Kurt lag sterbend in seinem Krankenhausbett. Plötzlich stand ein Engel vor ihm.

„Ich bin der Todesengel“, erklärte der Engel. „Fürchte dich nicht, denn ich meine es gut mit dir. Dein Leben war im großen und ganzen durchaus gottgefällig.

Trotzdem warten ewige Höllenqualen auf dich, weil du nämlich nicht an Gott geglaubt hast, und du wirst selbst zugeben müssen, dass der Himmel kein geeigneter Aufenthaltsort für Atheisten ist.

Um es kurz zu machen: Deine einzige Chance, in den Himmel zu kommen, ist die, dass du dich jetzt, in deiner Todesstunde, doch noch zu Gott bekennst und die Beichte ablegst. Ich habe den Auftrag, dir um Punkt 15 Uhr 35 das Leben zu nehmen. Sehr viel Zeit bleibt dir also nicht mehr, also, ich an deiner Stelle würde mich jetzt ziemlich beeilen.“

Kurt war kein Dummkopf. Die Tatsache, dass soeben ein waschechter Engel zu ihm gesprochen hatte, überzeugte ihn voll und ganz davon, dass seine bisherige Meinung über Gott grundfalsch gewesen war.

Unverzüglich klingelte er die Krankenschwester herbei und bat um einen Priester.

Zwar wunderte sich die Schwester darüber, dass Kurt, der bisher alle Versuche des geistlichen Personals, seine Aussöhnung mit Gott herbeizuführen, brüsk zurückgewiesen hatte, nun doch noch nach einem Priester verlangte, aber trotzdem beeilte sie sich, seinem Wunsch nachzukommen.

Die Minuten verstrichen. Unbarmherzig. Wie im Flug. Wutsch - und wieder eine. Wutsch - die nächste. Wutsch. Wutsch. Wutsch.

Endlich, um 15 Uhr 24, öffnete sich die Tür und ein Priester betrat das Zimmer, in Begleitung eines unauffällig wirkenden älteren Herrn, der sich Kurt als „Dr. Robert Weilmann, Notar" vorstellte.


„Sie haben mich gerufen, Herr Korff“, stellte der Priester fest. „Darf ich fragen, was Sie, ausgerechnet Sie, von mir wollen?"

„Die Beichte. Bitte.“, antwortete Kurt.

„Ich verstehe. Sie wollen auf Nummer Sicher gehen, falls es doch ein Leben nach dem Tod gibt, stimmt's? Aber nicht mit mir."

„Nein, wirklich nicht. Ich habe mich geirrt. Es gibt einen Gott. Ich weiß es. Und deshalb möchte ich beichten. Bitte."

„Tut mir leid, aber das ist völlig ausgeschlossen“, sprach der Priester. „Schließlich sind Sie schon 1964 aus der Katholischen Kirche ausgetreten, und ich sehe nicht ein, dass Ihnen jetzt plötzlich dieselbe Gnade zuteil werden soll wie jemandem, der sein Leben lang brav seine Kirchensteuer bezahlt hat.

Dies bedeutet, dass ich Ihnen Ihre Schuld gegenüber Gott nur dann erlassen werde, wenn Sie zuvor - als Zeichen dafür, dass Ihre Reue von Herzen kommt, Ihre Schulden gegenüber der katholischen Kirche begleichen.

Sie belaufen sich mit Zins und Zinseszins auf 5.943 Euro

und 40 Cent."

„Aber ... aber wo soll ich denn jetzt plötzlich so viel Geld hernehmen?", fragte Kurt verzweifelt.

„Sie könnten ja der Kirche testamentarisch diesen Betrag vermachen“, schlug der Priester vor.

„Das würde ich gern, wirklich, aber ich habe nicht so viel Geld auf dem Konto, höchstens 2.000..."

„In diesem Fall kann ich leider nichts für Sie tun“, sprach der Priester streng und wandte sich zum Gehen. „Guten Tag, Herr Korff."

„Halt! Warten Siel" rief Korff mühsam.

„Ja? Was gibt es denn noch?", fragte. der Priester.

„Ich habe mir letztes Jahr einen neuen Wagen gekauft..."

„Klingt interessant“ gab der Priester zu. "Welche Marke? Welches Baujahr?"


„Toyota. Baujahr 2007."

„Hm. Das dürfte reichen", stellte der Gottesmann fest. „Und Sie wären also bereit, dieses Auto der Heiligen Katholischen Kirche zu vermachen?"

„Ja, mit Freuden! Bitte."

„In diesem Fall sieht natürlich alles ganz anders aus" sagte der Priester und wandte sich an den Notar: „Bitte, Herr Notar, schreiben Sie: Ich, Kurt Korff, vermache im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte der Katholischen Kirche meinen Wagen, einen Toyota, Baujahr 2007."

Nachdem der Notar seine Niederschrift beendet hatte, drückte er dem Sterbenden einen Kugelschreiber in die Hand und bat ihn, seine Unterschrift unter das Dokument zu setzen, was Kurt mit letzter Kraft auch tat.

„Und Jetzt möchte ich beichten", seufzte Kurt.

„Tut mir leid, aber deine Zeit ist soeben abgelaufen", sprach in diesem Moment der Todesengel. „Pech gehabt."

Kurts Augen. brachen.

Seine Seele aber verließ den Körper und fuhr hinab in die Hölle, und wenn sie nicht gestorben ist, dann lebt sie heute noch dort.

TEXT DES MONATS SEPTEMBER 09

DAS TIER
Auf hoher See

sah ich ein Tier

das hatte Flossen

deren vier

 

Das hatte Schwänze

deren drei

das hatte Augen

deren zwei

 

Das hatte Mäuler

deren eines

Erbarmen mit uns

hatt’ es keines.

 

TEXT DES MONATS AUGUST 09
DER SÄBELZAHNTIGER

„So, Egon, ich geh' jetzt in mein Zimmer" sagte ich.

„Bitte nicht, Papa" bat mein fünfjähriger Sohn.

„Aber warum denn nicht?"

„Weil ich mich sonst fürchte."

„Du fürchtest dich? Wovor denn?"

„Ich habe Angst, dass ein Höhlenbär hier hereinkommt und mich frisst..."

„Aber Egon, davor brauchst du wirklich keine Angst zu haben" beruhigte ich ihn: „Weißt du, es gibt nämlich keine Höhlenbären mehr, weder hier noch irgendwo sonst auf der Welt, sie sind schon vor langer, langer Zeit ausgestorben."

„Bist du sicher?"

„Ganz sicher. Und jetzt schlaf, Egon. Gute Nacht."

„Gute Nacht, Papa."

Ich ließ ihn allein und ging in mein Zimmer, um zu arbeiten.

Etwa zwei Stunden später aber hörte ich plötzlich merkwürdige Geräusche.

Sie kamen aus dem Vorhaus. Es klang. so, als würde dort ein sehr großes Tier entlangschleichen... ein Höhlenbär zum Beispiel...

Erschrocken sprang ich auf, stürzte hinaus ins Vorhaus, und stand -natürlich keinem Höhlenbären gegenüber, denn diese sind tatsächlich schon seit mehreren Jahrtausenden ausgestorben, sondern einem ausgewachsenen Säbelzahntiger.

'Säbelzahntiger sind ebenfalls schon lange ausgestorben' überlegte ich: 'Dies bedeutet, dass dieser Säbelzahntiger nur in meiner Einbildung existiert und daraus folgt, dass ich den Verstand verloren habe.'

„Ganz recht. Das hast du" bestätigte der Tiger.

Ich dachte an Egon.

Wie sollte ich ihn bloß vor diesem Untier beschützen?


„Es stimmt, dass du deinen Sohn beschützen musst" erklärte der Tiger: „Aber nicht vor mir - ich existiere ja in Wirklichkeit gar nicht - sondern vor dir selbst. Weil du nämlich jetzt ein gefährlicher Psychopath bist."

So leid es mir tat, ich musste dem Tiger völlig recht geben.

Die vernünftigste Lösung wäre in dieser Situation natürlich die gewesen, die nächste Nervenheilanstalt anzurufen und sie zu ersuchen, unverzüglich einen Wagen hierher zu schicken, doch da ich vollkommen verrückt war, kamen vernünftige Lösungen für mich nicht mehr in Frage.

'Am besten, ich bringe mich um' dachte ich.

„So? Willst du etwa, dass dein Sohn einen Schock fürs Leben kriegt, wenn er morgen früh deine Leiche findet?" fragte der Tiger.

Nein, das wollte ich natürlich nicht.

Also blieb nur noch eine Möglichkeit:

Ich musste Egon möglichst rasch an irgendeinen Ort bringen, an dem er sicher vor mir war.

„Am sichersten vor dir wäre er im Himmel“ schlug der Tiger vor: „Weil dorthin kommst du ganz bestimmt nie."

Bald darauf stand ich vor dem Bett meines Sohnes.

In der rechten Hand hielt ich ein langes Küchenmesser.

Egon schlief.

‚Du siehst jetzt schon aus wie ein kleiner Engel, mein Sohn’ dachte ich zärtlich: 'Und schon in wenigen Sekunden wirst du wirklich einer sein.'

 


 

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