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Letzte Aktualisierung am 28. Juni 2009 TEXT DES MONATS JUNI 09 Wohin auch immer er ging,
überall stieß er auf mit den Buchstaben XY signierte Leichen. Obwohl das Phantom bisher
bereits 52 Mal zugeschlagen hatte, gab es noch immer keinen einzigen Hinweis,
mit dem Deedle etwas hätte anfangen können. Es war wie verhext. „Wenn das noch lange so
weitergeht, sind Sie Ihren guten Ruf bald los, Boss“, stellte Deedles
Assistent Bill schadenfroh grinsend fest. „Halt’s Maul“, knurrte
Deedle. „Was werden Sie jetzt als
Nächstes tun, Boss?“, fragte Bill. „Auf’s Klo gehen“,
antwortete Deedle. *** Wenig später betrat Deedle
die Toilette. Raten Sie mal, was er dort
fand. Nein, keine Ostereier,
denn es war Juli. Rassistische Parolen an
den Wänden? Selbstverständlich, aber
darum geht es hier nicht. Nein, er fand eine
frische, mit ‘XY’ signierte Leiche, und zwar die des mustergültigen
Streifebeamten Max Wool. „Na warte. Das sollst du
mir büßen, Phantom“ knurrte Deedle, doch plötzlich hellte seine Miene sich
auf. Wohlgelaunt kehrte er in
sein Büro zurück. ----------- „Hallo, Bill!“ rief er
fröhlich: „Weißt du, was ich auf dem Klo gefunden habe?“ „Keine Ahnung“ antwortete
Bill. „Rate.“ „Ostereier vielleicht?“ „Aber doch nicht jetzt, im
Juli!“ „Rassistische Parolen an
den Wänden?“ „Selbstverständlich, aber
darum geht es hier nicht. Nein, ich habe die Leiche Max Wools gefunden.“ „Max Wool? Oh nein. Sie
meinen doch nicht etwa... den mustergültigen Streifebeamten?“ „Doch, den meine ich. Er
war das 53. Opfer unseres Phantoms.“ „Der arme Max“ murmelte
Bill: „Er war ein verdammt guter Polizist.“ „Das war er“ bestätigte
Deedle: „Aber das nützt ihm jetzt auch nichts mehr. Hör zu, Bill, ich habe
drei Aufgaben für dich: Erstens möchte ich, dass du alle Kollegen, die gerade
anwesend sind, fragst, ob irgendwer was Verdächtiges bemerkt hat. Zweitens
sorge dafür, dass die Leiche weggeschafft wird. Und drittens sag der
Raumpflegerin, dass sie das Klo saubermachen soll, damit keiner versehentlich
in die Blutlache tritt und sich dabei seine Uniform schmutzig macht. Und wenn
du damit fertig bist, möchte ich, dass du unverzüglich nach Hause gehst. Wir
treffen uns dann morgen früh um 9 Uhr wieder hier. Alles klar?“ „Wäre es nicht besser, wenn ich Ihnen heute noch
Bericht erstatte?“ fragte Bill. „Nein, auf gar keinen Fall. Ich habe hier im Büro
noch etwas zu erledigen, und dabei möchte ich von keinem gestört werden, und
schon gar nicht von einem Amöbenhirn wie dir.“ antwortete Deedle grob. ------===------ Am nächsten Morgen betrat Bill Punkt neun das
Büro, wo er von seinem Chef bereits erwartet wurde. „Nun, Bill, was hast du herausgefunden?“ erkundigte
sich Deedle. „Ich fürchte, ich muss Sie enttäuschen, Boss. Kein
einziger der Kollegen hat etwas Verdächtiges bemerkt.“ „Das dachte ich mir. Ausgezeichnet. Ganz
ausgezeichnet“ sagte Deedle und rieb sich vergnügt die Hände. „Entschuldigen Sie, Boss, aber ich versteh nicht
ganz, was daran ausgezeichnet sein soll...“ „Wirklich nicht, Bill?“ „Nein, wirklich nicht.“ „Also schön, dann werde ich es dir erklären. Setz
dich.“ Bill gehorchte. „Die Toilette, in der der Mord geschah, liegt, wie
du ja weißt, im Bürotrakt unseres Reviers“ fuhr Deedle fort: „Und jetzt frage
ich dich, Bill: Wer könnte unseren Bürotrakt betreten, ohne aufzufallen?“ „Polizisten natürlich“ antwortete Bill. „Genauer gesagt: Nur Beamte unseres Reviers“
korrigierte Deedle: „Jeder andere Polizist wäre nämlich vorn an der Aufnahme
zumindest nach dem Grund seines Hierseins gefragt worden, und daran würde
sich bestimmt noch jemand erinnern können. Zu den Beamten dieses Reviers kommen natürlich
noch die Raumpflegerinnen und das Verwaltungspersonal. Und wer noch, Bill? Wer hätte sonst noch diese
Toilette betreten können, ohne aufzufallen?“ „Äh... warten Sie...ja, natürlich auch noch
Verdächtige, die gerade in einem der Büros verhört werden...“ „Stimmt. Allerdings darf ein Verdächtiger die
Toilette nur in Begleitung eines Polizeibeamten aufsuchen.“ „Jetzt verstehe ich!“ jubelte Bill: „Also, die
Sache war so: Max hat das Phantom verhaftet, vermutlich ohne zu wissen, mit
wem er es da zu tun hatte. Während des Verhörs bat das Phantom, die Toilette
aufsuchen zu dürfen, und dort hat dieses Schwein Max heimtückisch
ermordet...“ „Gar nicht schlecht kombiniert - zumindest für
deine Verhältnisse“ lobte Deedle: „Trotzdem liegst du völlig falsch. Tatsache
ist nämlich, dass Max gestern erst seit 10 Uhr im Dienst war. Ich habe seine
Leiche um 10 Uhr 15 gefunden, und daraus folgt, dass er noch überhaupt keine
Gelegenheit hatte, eine Verhaftung vorzunehmen. Kommen wir lieber jetzt zur Person des Täters. Der
Täter ist ohne jeden Zweifel ein hochgradiger Psychopath. Hier im Revier kennt jeder jeden. Wäre irgendeine
der hier beschäftigten Personen hochgradig geistesgestört, so wäre das einem
so hervorragenden Menschenkenner wie mir nicht entgangen. Der Täter kann also kein Mitarbeiter dieses
Reviers sein. Andererseits kommt aber auch keiner der gestern um
diese Zeit anwesenden Verdächtigen als Täter in Frage, denn Verdächtige
dürfen bekanntlich die Toilette nur in Begleitung eines Polizeibeamten
betreten, und dieser Polizeibeamte wäre Zeuge des Mordes geworden. Daraus folgt, dass keine der von dir genannten
Personen für die Tat in Frage kommt.“ „Aber wer dann?“ „Es gibt außer den bereits genannten nur noch eine
einzige Person, die den Bürotrakt betreten kann, ohne aufzufallen. Ich meine
den Briefträger.“ „Aber natürlich! Der Briefträger!“ rief Bill. „Und daraus folgt, dass der Briefträger unser
gesuchtes Phantom ist“ schloss Deedle. In diesem Moment klopfte es an der Tür. „Herein!“ rief Deedle. Die Tür öffnete sich und der Briefträger trat ein. In der rechten Hand hielt er eine Pistole mit
Schalldämpfer. „Ich habe ein wenig an der Tür gelauscht“ erklärte
er, nachdem er die Tür hinter sich geschlossen hatte: „Mein Kompliment,
Deedle. Sehr scharfsinnig kombiniert. Leider wird Ihnen das jetzt auch nichts
mehr nützen. Aufstehen und Hände hoch, alle beide!“ „Bitte, ganz wie Sie wollen“ antwortete Deedle
kühl, erhob sich und drückte dabei unauffällig mit dem rechten Fuß auf einen
Knopf. Im selben Moment aber löste sich eine mehr als 500
Kilo schwere Steinplatte, die Deedle am Vortag dort hatte anbringen lassen,
von der Zimmerdecke und zertrümmerte den Schädel des Phantoms wie ein rohes
Ei. „Mannomann, Boss“ murmelte Bill ehrfürchtig:
„Woher haben Sie gewusst, dass er heute in Ihr Büro kommen wird, um Sie
umzubringen?“ „Wenn du auch nur einen Funken Ahnung von
Psychologie hättest, dann könnte ich dir das ganz genau erklären“ antwortete
Deedle: „Da dies aber leider nicht der Fall ist, musst du dich wohl oder übel
damit zufrieden geben, wenn ich dir sage, dass ich eben wieder mal den
richtigen Riecher gehabt habe. So. Genug davon. Aber bevor wir uns jetzt dem
nächsten Fall zuwenden, habe ich noch einen wichtigen Auftrag für dich.“ „Ja, Boss?“ „Geh zur Raumpflegerin und sag ihr, dass in meinem
Büro eine Menge Arbeit auf sie wartet.“ TEXT DES MONATS MAI 09 Der Morgen bringt Blei. Der Tag ist ein weißer Zwerg Verdruss bringt Unlust wird zum Überdruss Am Abend Erleichterung durch Alkohol. Am Morgen aber kommt Besuch. Es ist, wie immer, die Sorge. (Aus meinem Lyrikband ‚Unterwegs’, Bibliothek der Provinz) TEXT DES MONATS APRIL 2009 DER WAHRE SINN DES LEBENS Ein Monolog
(Auf der Bühne sitzt ein alter Mann an seinem
Schreibtisch. Sobald der Vorhang sich ganz geöffnet hat, wendet er sich
dem Publikum zu) Alter Mann
(seufzt): Ach ja, das Leben ist hart. Glauben Sie
mir, das Leben ist wirklich hart, ich sage das nicht bloß so dahin, damit die
Zeit vergeht, nein, ich weiß, wovon ich rede. Schauen Sie,
seit meiner Jugend habe ich mich ausschließlich darauf konzentriert, die
Antwort auf eine einzige Frage zu finden, nämlich was eigentlich der Sinn des
Lebens ist. Ich habe dabei
weder Kosten noch Mühen gescheut: Ich habe Jus
studiert, dann Theologie, dann Philosophie, dann Geschichte, dann Politologie
- um Sie nicht mit einer endlos langen Aufzählung zu langweilen: Ich habe so
ziemlich alles studiert, was man überhaupt studieren kann, und wissen Sie,
was dabei herausgekommen ist? Nichts. Gar
nicht. Ich bin genauso klug wie am Anfang, es ist wirklich zum Knochenkotzen. Heute bin ich
ein alter Mann, und wissen Sie, was für mich das Deprimierendste ist? In all den
Jahren meines Lebens hat es keinen einzigen Augenblick gegeben, in dem ich
wirklich zufrieden war oder gar glücklich. Ich glaube.
nicht, dass ich jetzt noch darauf hoffen darf, doch noch den Sinn des Lebens
zu entdecken. Schon möglich,
dass das Leben einen Sinn hat, obwohl ich nie draufgekommen bin, welchen,
aber MEIN Leben hat jedenfalls keinen mehr. Deshalb habe
ich - nach reiflicher Überlegung - beschlossen, Schluss zu machen. Es ist wirklich das
Vernünftigste, was ich jetzt noch tun kann. Bloß gut, dass es mir während
meines Pharmaziestudiums gelungen ist, mir ein paar Kapseln Zyankali zu
.organisieren. (Er öffnet die Schublade seines Schreibtischs und
entnimmt ihr drei kleine Kapseln, die er vor sich auf den
Schreibtisch legt) Ich hoffe, dass
ich Ihnen mit meinem Selbstmord nicht den schönen Abend verderbe, aber was
sein muss, muss sein. Also dann: Auf
Wiedersehen. (Er nimmt die Kapseln in die linke Hand. Plötzlich
läuft ein Pudel auf die Bühne) Alter Mann
(zum Pudel): Nanu? Wo kommst du
denn her? Du bist ja ein ganz ein
Lieber. Hast du Hunger? Du siehst zwar
nicht besonders hungrig aus, aber irgendwie... irgendwie hätte ich doch ein
schlechtes Gewissen, wenn ich mich jetzt umbringe, ohne dir was zu fressen
gegeben zu haben. Noch dazu habe
ich zufällig tatsächlich eine Dose Hundefutter , weil ich gestern ohne Brille
einkaufen gegangen bin. Warte. Einen Moment. (Er öffnet die Schublade und entnimmt ihr einen
Fressnapf, einen Löffel und eine Dose Hundefutter. Er betrachtet kritisch. das Etikett, liest): Frocki. Schmeckt jedem Hund'. Mal sehen, ob
das stimmt. (Er füllt den Inhalt der
Dose in den Fressnapf um, stellt dem Hund das Futter hin.
Der Hund frisst mit gesundem Appetit.) (zufrieden) Es
stimmt also wirklich. Sehen Sie, wie es ihm schmeckt? Das freut mich aber jetzt.
Das freut mich jetzt aber wirklich. (Plötzlich
zuckt er zusammen und schlägt sich mit der flachen Hand gegen die Stirn).
Mein Gott. Mein Gott. Mein Gott, ich hab's! Ich hab's! Ich hab's! (kichert
irre) Ich hab's, ich hab's, ich hab's, ich hab's, ich hab's. Schauen Sie
sich diesen Hund an. Sehen Sie, wie es ihm schmeckt? Und jetzt schauen Sie mich an. Sehen
Sie, wie ich mich darüber freue, dass es ihm schmeckt? Und das ist der
Sinn des Lebens, glauben Sie mir, genau das ist der Sinn des Lebens: Der Sinn des
Lebens ist es, Hunde mit Frocki zu füttern, weil wenn es dem Hund schmeckt,
freut sich der Mensch, und Frocki schmeckt jedem Hund. Guten Abend. (Vorhang) TEXT DES MONATS MÄRZ 2009 DEIN GEWISSEN Dein Gewissen ist wie ein Dornengestrüpp das dir den Weg versperrt zum Erfolg. Dein Gewissen ist wie ein Türhüter der dir den Eintritt verwehrt ins Haus des Ruhmes. Dein Gewissen ist wie eine Kette die dich festhält in der Hütte der Armut. Doch dein Gewissen erhält dir die Freiheit: Du brauchst dich vor keinem zu beugen. (Aus
meinem Lyrikband ‚Unterwegs’) TEXT DES MONATS FEBRUAR 2009 DAS MONSTER Eines Tages beobachtete ich, wie ein zotteliges
Monster das Haus der Familie Novotny betrat und es wenig später wieder
verließ, mit einer hysterisch kreischenden Frau Novotny auf dem Rücken. Der Nachbar der Novotnys, Herr Gruber, war gerade
damit beschäftigt, die Gartenhecke zu schneiden. „Hilfe! Herr Gruber! Bitte
helfen Sie mir! Hilfe!“ schrie Frau Novotny. Herr Gruber aber tat so,
als hatte er nichts gesehen und nichts gehört. Offenbar wollte er mit der
ganzen Sache nichts zu tun haben. Wer will es ihm verübeln? Helden sind nun mal selten, und Herr Gruber hatte nie von sich behauptet, einer zu sein. Mir war völlig klar, was
das Monster vor hatte: Es wollte Frau Novotny
natürlich fressen, und weil Herr Gruber nicht den Mumm hatte, es daran zu
hindern, beschloss ich, einzugreifen. Unverzüglich nahm ich die Verfolgung
auf, doch da das Monster sehr flott unterwegs war, holte ich es erst ein, als
es gerade seine Höhle betrat. Ich stieß meinen berühmten
Kampfschrei aus und schlug das Monster mit einer Eisenstange K.O., die ich
unterwegs aus einem Gartenzaun gerissen hatte. Anschließend lud ich mir Frau Novotny‚ die
inzwischen vor Schreck ohnmächtig geworden war, auf meine breiten Schultern
und eilte mit ihr in meine Höhle, um sie zu fressen. Sie hat übrigens, wie nicht anders zu erwarten,
ganz vorzüglich geschmeckt, denn schon meine Oma pflegte immer zu sagen: „Merk dir das, mein Junge:
Müllers sind gut, Meiers sind besser, aber am allerbesten schmecken
Novotnys.“ TEXT DES MONATS JANUAR 2009 WENN AUCH... Wenn auch Ihr Ehemann Sie schamlos betrügt wenn er dreimal pro Woche auf einer anderen liegt Wenn auch Ihr eigenes Kind Sie skrupellos bestiehlt wenn Ihr sexistischer Chef Ihren Busen befühlt Wenn auch Ihr bester Freund seine Versprechen bricht Schrubbolux das Bodentuch enttäuscht Sie nicht. TEXT DES MONATS DEZEMBER 2008 SKINHEAD „Um Himmels Willen, Werner, wie siehst du denn
aus!“ rief die Mutter schockiert, als ihr Sohn eines Morgens kahlköpfig am
Frühstückstisch erschien: „Warum hast du das gemacht? Findest du das etwa
schön?“ „Irgendwie schon“ antwortete Werner grinsend:
„Irgendwie fühlt sich das total geil an. Und außerdem sehen alle anderen von
unserer Clique jetzt auch so aus.“ „Aber ihr seid doch hoffentlich keine
Skinheads...“ „Aber Mama! Selbstverständlich
sind wir Skins! Was denn sonst? Aber deswegen sind wir doch überhaupt
keine anderen Menschen, oder? Das sind doch alles nur ganz dumme Vorurteile,
was da immer über uns so zusammengeschrieben wird! Weil schau, Mama, früher,
da haben sich die jungen Männer die Haare ganz lang wachsen lassen, und wir,
wir rasieren sie uns eben ganz weg, das ist also nur so eine Art Mode, mehr
ist da überhaupt nicht dahinter. Wirklich nicht.“ „Ach so. Dann bin ich ja beruhigt“ sagte die
Mutter. *** „Tu das sofort runter, Werner! Aber sofort! Weil
so gehst du mir nicht auf die Strasse!“ rief die Mutter empört und deutete
auf den Hakenkreuz-Sticker, den ihr Sohn gut sichtbar an der linken
Brusttasche seiner NATO-Jacke befestigt hatte. „Jetzt sei doch nicht komisch, Mama“ erwiderte
Werner: „Das Ding ist doch nur dazu da, damit einige verkalkte Grufties
wieder was haben, über das sie sich aufregen können. Das ist alles. Ich meine, ich bin doch kein Nazi, du kennst mich
doch!“ „Und warum hörst du dir dann in letzter Zeit
dauernd diese furchtbare CD mit den Hitlerreden an?“ „Jetzt reicht es aber!“ rief Werner aufgebracht:
„Anscheinend darf man sich in dieser Familie nicht einmal mehr für Geschichte
interessieren, ohne dass einem gleich alles mögliche unterstellt wird!“ „Du hörst dir diese CD’s also wirklich nur deshalb
an, weil du dich für Geschichte interessierst?“ „Ja, natürlich! Was denn sonst? Ich meine, für
irgendwas muss man sich doch interessieren, oder? Und ich interessiere mich
eben für Geschichte. Was dagegen?“ „Aber nein, natürlich nicht. Wenn das so ist,
natürlich nicht. Ja, dann... dann bin ich ja beruhigt“ sagte die Mutter. *** „Werner!“ „Ja, Mama?“ „Komm her. Setz dich. Ich muss mit dir reden.“ „Na schön. Worum geht’s denn?“ „Ich glaube, das weißt du selbst am besten“ sagte
die Mutter und deutete auf die Zeitung, die vor ihr auf dem Tisch lag: „Hier steht, dass vorgestern Nacht ein Bosnier von
einigen Skinheads brutal zusammengeschlagen worden ist. Der Mann wurde schwer
verletzt ins Krankenhaus eingeliefert...“ „Na und? Was geht mich das an?“ „Bitte, Werner. Nicht so. Ich bin vielleicht
manchmal etwas zu leichtgläubig, aber ich kann immer noch eins und eins
zusammenzählen. Also versuch jetzt bitte nicht, mir einzureden, dass es nur
ein dummer Zufall war, dass du ausgerechnet in der gleichen Nacht mit
blutigen Fingerknöcheln heimgekommen bist.“ „Also gut, es stimmt. Das waren schon wir“ sagte
Werner: „Aber nur, weil dieser Scheißkerl uns provoziert hat. Der hat es
regelrecht darauf angelegt. Also haben wir ihm eben eine Lektion erteilt. Und
du darfst auch nicht alles glauben, was die Zeitungen so zusammenschreiben. Natürlich haben wir ihn nicht gerade mit
Samthandschuhen angefasst, ist ja klar, aber schwer verletzt war der nicht.
Ganz bestimmt nicht. Mehr als ein paar Kratzer und vielleicht ein paar blaue
Flecke hat der mit Sicherheit nicht abbekommen.“ „Ach so. Dann bin ich ja beruhigt“ sagte die
Mutter. *** „Um Gottes Willen! Werner! Um Gottes Willen!“ „Was ist denn, Mama? Worüber regst du dich denn
jetzt schon wieder so auf?“ „Da. Dieser Artikel. Da steht, dass gestern ein
türkischer Gastarbeiter erstochen worden ist...“ „Wahrscheinlich von einem anderen Türken. Weil bei
denen ist das direkt so eine Art Nationalsport, dass sie sich gegenseitig
umbringen...“ „Nein, Werner. Nein. Da steht nämlich, dass ein
Zeuge eine Gruppe von Skinheads bei der Tat beobachtet hat.“ „Na schön. Dann waren es möglicherweise wirklich
Skinheads. Ich sage ausdrücklich möglicherweise, weil wer weiß, was das für
ein Zeuge war. Womöglich irgend so ein besoffener alter Penner. Aber selbst
wenn es wirklich stimmen sollte, was dieser Zeuge da gesehen haben will, dann
heißt doch noch lange nicht, dass wir das waren, weil schließlich sind wir
nicht die einzigen Skins hier in der Stadt. Und selbst wenn, ich meine, selbst wenn es
wirklich wir gewesen wären, dann hätten wir trotzdem nicht das Geringste zu
befürchten, weil die Polizei überhaupt nicht daran interessiert ist, die
Täter auszuforschen. Die finden nämlich auch, dass es bei uns ohnehin schon
viel zu viele Ausländer gibt und dass es daher völlig in Ordnung ist, wenn
ein paar couragierte junge Leute sich gegen die drohende Umvolkung zur Wehr
zu setzen.“ „Also, das kann ich mir nicht vorstellen, dass die
Polizei da wegschaut. Und außerdem: Woher willst du das denn überhaupt so
genau wissen?“ fragte die Mutter skeptisch. „Weil der Sohn von ihrem Chef zufällig auch bei
uns mitmacht.“ „Ach so. Dann bin ich ja beruhigt“ sagte die
Mutter. TEXT DES MONATS NOVEMBER 2008 GLÜCK IM UNGLÜCK Es ist kalt, sehr kalt sogar. Wäre es nur sehr kalt, so hätte ich keinen Grund,
mich zu beklagen, doch leider stürmt es auch äußerst heftig. Würde es nur stürmen, so würde mir das nichts
ausmachen, doch leider hat der Sturm das Dach meines Hauses davongetragen. Wäre das alles, so fände ich die Sache halb so
schlimm, Dächer kann man erneuern, doch leider hagelt es auch, und die
meisten der taubeneigroßen Hagelkörner landen ausgerechnet auf meinem Kopf. Hätte ich einen Hut, würde ich darüber nur lachen,
doch habe ich keinen, sondern eine Glatze. Doch das Schlimmste von allem ist, dass meine Frau
mich heute verlassen hat. Dabei hat sie nämlich nicht bloß all ihre Kleider
mitgenommen, sondern aus purer Bosheit auch all die meinen. Nackt und zitternd sitze ich in meinem einst so
behaglichen Haus, während die Hagelkörner meinen armen Kopf misshandeln., Soeben beginnt zu allem Überfluss auch noch die Erde
zu beben. Die Mauern meines Hauses wanken und stürzen ein. Gottseidank hat der Sturm schon vorher das Dach
davongetragen, sonst wäre ich zweifellos von herabstürzenden Trümmern
erschlagen worden. Glück muss der Mensch haben. TEXT DES MONATS OKTOBER 2008 BEDINGUNGSLOS LEBEN Unter welchen Bedingungen leben? Welche Bedingung zu leben? Bedingungslos leben. Einfach leben weil das Leben kostbar ist. Und wenn es nicht kostbar erscheint nicht golden, nicht silbern nur steinig so will ich den Stein doch mit Würde tragen weil er mein einziger ist. TEXT DES MONATS SEPTEMBER 2008 UNANSTÄNDIGE WÜNSCHE Es war einmal ein Mann namens Jakob, der hatte
einen ziemlich kurzen Penis. Eines Tages aber erschien ihm eine gute Fee und
sprach: „Stell dir vor, du hättest einen Wunsch frei: Was
würdest du dir wünschen?“ „Einen superlangen Penis“ antwortete Jakob. „Pfui! Was für ein unanständiger Wunsch!“ tadelte
die Fee. „Zugegeben. Aber einen anderen habe ich eben
nicht“ sagte Jakob. „Also gut“ sagte die Fee, berührte ihn mit ihrem
Zauberstab, und gleich darauf hatte Jakob einen rekordverdächtig langen Penis. Es war einmal eine Frau namens Julia, die hatte
ziemlich kleine Brüste. Eines Tages aber erschien ihr eine gute Fee und
sprach: „Stell dir vor, du hättest einen Wunsch frei. Was
würdest du dir wünschen?“ „Riesige Brüste“ antwortete Julia. „Pfui! Was für ein unanständiger Wunsch!“ tadelte
die Fee. „Zugegeben. Aber einen anderen habe ich nicht“
sagte Julia. „Also gut“ sagte die Fee, berührte sie mit ihrem
Zauberstab, und gleich darauf waren Julias Brüste beinahe ebenso groß wie die
der seligen Lola Ferrari. Es war einmal ein Politiker namens Jörg, der
träumte davon, Bundeskanzler zu werden. Eines Tages aber erschien ihm eine gute Fee und
sprach: „Stell dir vor, du hättest einen Wunsch frei: Was
würdest du dir wünschen?“ „Ich möchte Bundeskanzler werden“ antwortete Jörg. „Du? Bundeskanzler? Pfui! Was für ein
unanständiger Wunsch!“ tadelte die Fee. „Einen anderen habe ich aber nicht“ sagte Jörg. „Dann steck deinen Kopf mindestens eine Minute
lang in den Hintern eines Elefanten“ sagte die Fee. „Na, wenn’s weiter nichts ist, kein Problem!“ rief
Jörg, fuhr zum nächsten Zoo, ließ einem großen, prächtigen Elefantenbullen
eine Betäubungsspritze geben und steckte seinen Kopf in dessen Arschloch, und
als er ihn nach etwa 90 Sekunden wieder herauszog - vorsichtshalber war er
ein wenig länger drin geblieben - war er natürlich nicht mehr ganz sauber. „So. Das wäre erledigt“ stellte er zufrieden fest:
„Und jetzt bin ich also Bundeskanzler?“ „Aber nein. Natürlich nicht“ erwiderte die Fee
spöttisch lächelnd: „Und ehrlich gesagt kann ich mir auch nicht vorstellen,
dass du es irgendwann einmal wirst.“ „Heh! Und was ist mit meinem Wunsch?“ protestierte
Jörg: „Du hast doch gesagt, dass ich einen Wunsch frei habe! Oder etwa nicht?“ „Irrtum“ antwortete die Fee: „Ich habe mich zwar
bei dir rein theoretisch nach
Deinem Wunsch erkundigt, das stimmt, aber ich habe mit keinem Wort
versprochen, ihn dir auch zu erfüllen.“ „Und warum zum Teufel hast du dann von mir
verlangt, dass ich meinen Kopf in den Hintern eines Elefanten stecke?“ „Damit du dich selbst erkennst“ antwortete die Fee. TEXT DES MONATS AUGUST 2008 DAS VERSTECKSPIEL Die Kinder spielten im Keller Verstecken. Der kleine Thomas lief gleich in den Heizkeller,
wo er sich mit den frisch gelieferten Kohlen so gut bedeckte, dass nichts
mehr von ihm zu sehen war. Die anderen Kinder fanden ihn tatsächlich nicht. Nach einer halben Stunde gaben sie auf und riefen
nach ihm. Der kleine Thomas aber schwieg. Er hatte nämlich
beschlossen, sein Versteck erst dann wieder zu verlassen,, wenn er gefunden
worden war. Da er sich nicht meldete, suchten die Kinder
weiter nach ihm - vergebens. Endlich gaben sie auf, da sie der Ansicht waren,
dass Thomas eben mitten im Spiel die Lust daran verloren hatte und
heimgegangen war. Am Abend aber fragten die Eltern des kleinen
Thomas nach ihrem Sohn. „Wir haben mit ihm im Keller Verstecken gespielt,
und seither haben wir nichts mehr von ihm gesehen" antworteten die
Kinder. „Um Gottes Willen! Ihm wird doch nichts passiert
sein!" stieß der Vater hervor und eilte mit der Mutter in den Keller, um
dort nach dem verlorenen Sohn zu suchen. „Thomas! Thomas! Wo steckst du denn? So melde dich
doch!" riefen sie, doch Thomas schwieg. Er war nämlich ein sehr dickköpfiges Kind. Daraufhin durchsuchten die Eltern systematisch den
ganzen Keller, doch auf die Idee, die Kohlen zu durchwühlen, kamen sie nicht. „Also, im Keller ist er jedenfalls nicht" stellte
der Vater endlich fest. Der kleine Thomas konnte sich nur mit Mühe ein
Lachen verkneifen, doch es gelang ihm. „Vielleicht sollten wir die Polizei
verständigen" schlug die Mutter vor. „Wenn er bis um zehn Uhr noch nicht zurück ist,
müssen wir das tun" erwiderte der Vater. Die Polizei gelangte zu der Überzeugung, dass
Thomas von zu Hause fortgelaufen war und begann, Nachforschungen anzustellen
- ergebnislos natürlich. Der Sommer ging vorüber, der Herbst auch, und der
Winter kam. Zeit, einzuheizen. Eifrig schaufelte der Vater Kohlen in den Ofen, da
stieß er plötzlich auf etwas Weiches - auf Thomas. „Na, endlich habt ihr mich gefunden!" sagte
der kleine Thomas: „Ihr habt aber ganz schön lang dazu gebraucht!" „Thomas!" rief der Vater erschüttert: „Soll
das heißen, dass du die ganze Zeit über hier gewesen bist?" „Natürlich! Wo denn sonst?" "Aber... nein, das ist doch völlig unmöglich.
Wärest du nämlich die ganze Zeit hier gewesen, ohne Wasser, ohne etwas zu
essen, dann wärest du doch schon längst verhungert und verdurstet." „Das stimmt, Papa" erwiderte der kleine Thomas nachdenklich, fiel zu Boden und verhungerte und verdurstete innerhalb von zwei Sekunden. TEXT DES MONATS JULI 2008 WAS IST DIE ZEIT Was ist die Zeit. In dieser Nacht wird alles zu Staub. Regen der Kälte Regen der Zwietracht vertrauter Regen Regen der Missgunst Regen der Rechthaberei menschlicher Regen Was ist die Zeit. In dieser Nacht wird alles (Aus meinem Lyrikband ‚Unterwegs , Bibliothek der Provinz) Zurück zum Seitenanfang |
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