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Letzte Aktualisierung am 28. Juli 2010 TEXT DES MONATS JULI 2010 SCHNEEFALL Gehst du bei Schneefall über das Land werden die Blicke ruhelos Wartet doch eine auf dich zu Hause du beschleunigst die tiefen Schritte Wird auch der Schnee sie bald bedecken keine Erinnerung bleiben Bist du doch einmal hier gegangen zu ihr, die auf dich wartet. TEXT DES MONATS JUNI 2010 WÜRSTELFINGER Würde mir jemand eine Gitarre reichen und mich
bitten, darauf zu spielen, so würde ich das Musikinstrument auf seinem Kopf
zertrümmern. Ich kann nämlich nicht Gitarre spielen, weil ich
kurze, dicke, plumpe Finger habe. Im Volksmund nennt man Finger wie die meinen
‚Würstelfinger’. Ich leide sehr unter ihnen. Jeden Tag werde ich mindestens ein Dutzend Mal von wildfremden Menschen angesprochen und gefragt, wie man sich mit solchen Würstelfingern wie den meinen fühlt. Meistens verberge ich ja meine Hände in den
Hosentaschen, aber immer ist das leider nicht möglich. Ich arbeite nämlich als Portier in einem großen
Hotel, und wenn beispielsweise ein Gast seinen Schlüssel haben will, muss ich
ihm den Schlüssel geben, und kaum einer versäumt die Gelegenheit, mich zu
fragen, wie man sich mit solchen Würstelfingern wie den meinen fühlt. Ich könnte dann jedes Mal aus der Haut fahren,
aber das kann ich mir in meinem Beruf leider nicht leisen, also antwortete
ich höflich: „Danke, ganz gut.“ Worauf sich der Gast mit ungläubigem Gelächter
entfernt. Einmal verliebte ich mich in ein blindes Mädchen,
und auch sie schien meine Gefühle zu erwidern, doch als ich endlich ihre Hand
nahm, um ihr meine Liebe zu gestehen, betastete sie mit verblüfftem
Gesichtsausdruck meine Finger und fragte: „Wie fühlt man sich eigentlich, wenn man solche
Würstelfinger hat wie du?“ Ich riss mich los, rannte schluchzend aus dem
Lokal und besuchte meine alte Mutter, um ihr mein Herz auszuschütten. „Mutter, du hast keine Würstelfinger. Vater hat auch keine Würstelfinger. Warum also habe ich Würstelfinger?“; fragte ich sie. „Also, ganz genau weiß ich das auch nicht“;
antwortete sie. „Aber vermutlich liegt es daran, dass ich während der
Schwangerschaft zu viele Würste gegessen habe. Eine andere Erklärung habe ich
eigentlich auch nicht dafür. Aber weil wir gerade beim Thema sind: Wie fühlt
man sich eigentlich, wenn man solche Würstelfinger hat wie du?“ Ich habe die Frage meiner Mutter nicht beantwortet
und sie seither nie wieder besucht. Meine Würstelfinger sind wie ein böser Fluch, der
mich bis an mein Lebensende verfolgen wird, ja, sogar noch darüber hinaus. Nach meinem Tod wird man nämlich vor dem Begräbnis
meinen Leichnam feierlich in einer Kapelle aufbahren. Dann wird der Priester sich über mich beugen,
nachdenklich meine Finger betrachten und leise zu sich selbst sagen: „Schade, dass er tot ist. Ich hätte ihn so gern
noch gefragt, wie man sich fühlt, wenn man solche Würstelfinger hat.“ TEXT DES MONATS MAI 2010 DER ZUG DER VERSTÄNDIGUNG Das gesprochene Wort ist die eine Schiene das gehörte Wort die andere Schiene Darauf
gleitet der Zug der Verständigung von Station zu Station von Missverständnis zu Missverständnis. (Aus meinem Lyrikband ‚Unterwegs’) TEXT DES MONATS APRIL 2010 DIE VERGESSENE Es klingelte. Ich ging zur Wohnungstür und
öffnete. Vor mir stand eine attraktive Blondine Mitte
dreißig. „Grüß dich, Peter“, sagte sie lächelnd, küsste
mich auf beide Wangen und fuhr fort.„Weißt du, ich hatte gerade beruflich
hier in der Gegend zu tun und da dachte ich mir, das wäre doch die ideale
Gelegenheit, dich endlich einmal zu besuchen. Oder störe ich?“ „Nein, das direkt nicht“, antwortete ich verlegen. „Aber ich fürchte, Sie verwechseln mich mit jemandem, ich kenne Sie nämlich nicht, und außerdem heiße ich gar nicht Peter, sondern Karl.“ „Damals hast du dich aber Peter genannt“, stellte
sie fest. „Darf ich reinkommen?“ „Ja, natürlich... bitte schön, kommen Sie herein,
aber, wie gesagt, das muss ein Irrtum sein.“ Wir nahmen im Wohnzimmer Platz. „Du hast dich fast überhaupt nicht verändert,
Peter“, bemerkte sie. „Jetzt mal der Reihe nach“, sagte ich. „Woher
kennen wir uns denn eigentlich, Ihrer Meinung nach?“ „Aber das kannst du doch unmöglich vergessen
haben! Erinnere dich doch, Peter! Das war in Timmendorfer Strand an der
Ostsee, im Juli 2003!“ „Nein, tut mir leid, aber ich war noch nie in
diesem Timmendorf...“ „Timmendorfer Strand. Der Ort heißt nicht bloß
Timmendorf, sondern Timmendorfer Strand.“ „Wie auch immer, ich war noch nie dort, nicht mal
auf der Durchreise, ich weiß nicht mal, wo das liegt, wie schon gesagt, Sie
müssen mich mit jemandem verwechseln.“ „Vielleicht war es auch ein anderer Ort an einem
anderen Meer“, räumte sie ein. „Oder vielleicht war es an irgendeinem See.
Geographie ist nicht unbedingt meine starke Seite.“ „Ich erinnere mich nicht, dass wir uns
überhaupt...“ „Jetzt hör aber auf, Peter, das kannst du doch
unmöglich vergessen haben! Natürlich war es nicht mehr als ein Urlaubsflirt,
das war uns beiden klar, aber trotzdem, so was vergisst man doch nicht. Jetzt erinnere dich doch: Wir haben Wein getrunken
in einer kleinen, verschwiegenen Bucht bei Mondschein, und dann, dann haben
wir uns geliebt. Es war wunderschön...“ „Nein, glauben Sie mir, ich bin wirklich nicht der, für den Sie mich halten. Erstens heiße ich Karl und nicht Peter, wie schon gesagt, zweitens kenne ich Sie nicht und drittens habe ich seit meiner Jugend nicht mehr am Meer Urlaub gemacht, weil ich mehr auf Städtereisen stehe...“ „Entschuldige, Peter - oder Karl, ganz, wie du
willst, aber ich habe leider nicht ewig Zeit und ich finde, dass wir unsere
Zeit wesentlich besser nützen könnten als dazu, hier herumzusitzen und dummes
Zeug zu reden. Wo ist dein Schlafzimmer?“ --------------------------------------------------------------------------------- „War’s schön für dich?“, fragte ich sie, als wir
uns eine Dreiviertelstunde später wieder ankleideten. „Es war nicht schlecht“, antwortete sie. „Aber als
Peter warst du doch um mindestens eine Klasse besser.“ TEXT DES MONATS MÄRZ 2010 MEINE HEIMAT Meine Heimat ist aus Papier. Eine andere habe ich nicht. Ich hätte gern eine und habe keine. Ich bleibe ein Fremder bin niemals ‘von hier’. Meine Heimat ist aus Papier. Eine andere habe ich nicht. Ich hätte gern eine und habe keine. Meine Heimat ist aus Papier. TEXT DES MONATS FEBRUAR 2010 SCHEISSMIOH Kommentator: Meine Damen
und Herren, nun also noch einmal das Ergebnis der Hahnenkamm-Herrenabfahrt
auf der Streif: Es
siegte Kurt Weiss, Österreich - sein erster Sieg in einer möglicherweise ganz
großen Karriere - vor Urs Wilander, Schweiz und Charles Mortimer, Kanada, und
ich gebe jetzt gleich zu Kollege Franz Frisch zum Siegerinterview. Frisch: Ja, danke, Horst,
und hier haben wir ihn also, den strahlenden Sieger auf der Streif. Kurt,
zunächst einmal herzlichen Glückwunsch zu diesem tollen Erfolg. Weiss: Danke.
Scheißmioh, i g’frei mi narrisch. Frisch: Der
erste Weltcupsieg - und dann noch dazu gleich auf der Streif. Was ist das für
ein Gefühl? Weiss: Des is
natürlich a Supergfühl. Scheißmioh, i konns no goa ned glaum, doss i wirkli
gwunna hob. Frisch: Haben
Sie sich eigentlich vor dem Rennen Chancen ausgerechnet, hier zu gewinnen? Weiss:
Eigentlich scho. I woa jo heia scho Dritter in Gröden und Zweiter in Val
d’Isere, und do hob i ma docht: Scheißmioh, des wa do glocht, wonn i des ned
jetzt boid amoi derpack, doss i gwinn. Frisch: Bei
der Zwischenzeit waren Sie aber noch 11 Hundertstel hinter dem Wilander. Weiss: Jo, des
stimmt, i hob an Fehler ghobt in da Kompression, und do hob i ma docht:
Scheißmioh, jetzt muasst oiss riskiern, sonst konnst des Rennen vagessn. Frisch: Sie haben
alles riskiert und hatten dann im Ziel 27 Hundertstel Vorsprung auf Wilander.
Wo haben Sie Ihrer Meinung nach das Rennen gewonnen? Weiss: I glaub, bei da Hausbergkantn, i bin die Hausbergkantn gonz hoch ongfoan, i hob ma denkt, wenns guad geht, geht’s guad, und wenn ned, scheißmioh, donn flieg i hoid ausse, oba es is gottseidonk guad gonga. Frisch: Und
was ist Ihre Philosophie? Weiss: Mei
Philosophie? Jo mei, i sog hoid immer: Scheiß di ned oh - scheiß mi oh. Frisch: Es war
aber auch wirklich ein tolles Rennen von Ihnen, scheißmioh. Weiss:
Entschuldigen Sie, aber Ihnen als Reporter steht es nicht zu, Vulgärausdrücke
wie ‘scheißmioh’ zu verwenden. Dieses Privileg ist uns Rennläufern
vorbehalten, und so soll es auch bleiben. TEXT DES MONATS JANUAR 2010 DER MOND FÄLLT Der Mond fällt auf das Glas vor mir doch trinkt er nicht von meinem Bier Und das ist Glück für uns: Der Mond ist nämlich Bier noch nicht gewohnt: Verlöre er sein Gleichgewicht es wär für uns das beste nicht Er käme aus der Umlaufbahn und stürzte in den Ozean Die Welle die daraus entstünde wär fast so wie die Flut der Sünde Sie käm womöglich bis hierher und zöge mich hinab ins Meer Bevor ich solch Malheur riskier leer ich auf einen Zug mein Bier. TEXT DES MONATS DEZEMBER 2009 DER BARBIER VON SALZBURG Der Grund dafür war, dass seine geliebte Frau vor
Jahren mit einem Blondbärtigen durchgebrannt war. Seit damals pflegte Meister Friedrich jedem
Blondbart, der zu ihm kam, um sich rasieren zu lassen, den Hals von einem Ohr
zum anderen durchzuschneiden. Warum er dies ungestraft tun konnte, fragen Sie? Nun, erstens sprach sich die mörderische
Angewohnheit des Barbiers unter den Einheimischen rasch herum, sodass schon
bald alle blondbärtigen Salzburger sein Geschäft boykottierten, und zweitens
war Meister Friedrichs erstes Opfer der damalige Polizeichef gewesen, dessen
Nachfolger aus purer Dankbarkeit darauf verzichtete, etwas gegen den Mann zu
unternehmen, dem er seine gut bezahlte, angesehene Position verdankte. Mit Gerechtigkeit hatte das natürlich nichts zu
tun, aber Gerechtigkeit ist nun mal eine sehr seltene Blume. Aber zurück zur Geschichte: Eines Tages kam ein junger, blondbärtiger
Bäckergeselle namens Thomas nach Salzburg. Er hatte vor, in der zukünftigen Mozartstadt
einige Jahre zu bleiben, also betrat er frohgemut die erste Bäckerei, die er
fand, und bot dem Besitzer, Meister Erhart, seine Dienste an. „Du hast Glück", stellte Meister Erhart fest.
„Zufällig suche ich nämlich tatsächlich gerade einen tüchtigen Gesellen. Wenn
du willst, kannst du schon morgen bei mir anfangen - allerdings nur unter
einer Bedingung." „Und die wäre?" fragte Thomas. „Unter der Bedingung, dass du dir deinen Bart
abnehmen lässt. Ich finde nämlich, dass ein Bäcker mit
mehlverklebtem Bart ein äußerst unappetitlicher Anblick ist. Bist du damit
einverstanden?" „Also gut" antwortete Thomas: „Wo finde ich
den nächsten Barbier?" „Der nächste Barbier ist Meister Friedrich“,
erklärte Meister Erhart. „Allerdings gebe ich dir den guten Rat, dich nicht
von ihm rasieren zu lassen, es würde dir nämlich ganz und gar nicht gut
bekommen. Geh lieber zu Meister Werner, immer die Hauptstrasse
entlang, du kannst sein Geschäft gar nicht verfehlen, in einer knappen halben
Stunde bist du dort." „Ist gut, Meister" sagte Thomas und machte
sich auf den Weg. Er war noch keine hundert Schritte gegangen, als
sein Blick auf Meister Friedrichs Ladenschild fiel. Thomas blieb stehen und überlegte: 'Mein neuer Meister scheint ein Tyrann zu sein.
Wenn er mich nur unter der Bedingung nimmt, dass ich mich von meinem schönen
Bart trenne, dann muss ich das wohl oder übel akzeptieren. Aber wenn er sich
einbildet, dass er mir außerdem auch noch vorschreiben kann, zu welchem
Barbier ich gehe, dann hat er sich gewaltig geschnitten. Außerhalb der
Backstube lasse ich mir von keinem was befehlen. Aber wirklich nicht.' Kurz entschlossen betrat er Meister Friedrichs
Barbierladen. „Guten Tag, Meister Friedrich", sagte er.
„Ich möchte mir von Euch meinen Bart abnehmen lassen." „Da seid Ihr bei mir genau an der richtigen Adresse, mein Herr" antwortete Meister Friedrich und nahm sein schärfstes Rasiermesser zur Hand: „Bitte nehmt Platz". Glauben Sie wirklich, dass es diesem Thomas besser
erging als seinen blondbärtigen Vorgängern, nur, weil er der Hauptheld dieser
Geschichte zu sein scheint? Wenn ja, so täuschen Sie sich in zweierlei
Hinsicht, denn erstens erging es ihm natürlich auch nicht besser und zweitens
war nicht er der Hauptheld dieser Geschichte, sondern, wie schon aus dem
Titel hervorgeht, Meister Friedrich. Eigentlich schade um Thomas. Meister Erhart hätte
einen tüchtigen Gesellen nämlich wirklich gut brauchen können. TEXT DES MONATS NOVEMBER 09 DIE STUNDE DES WOLFES des Wolfes in einem Land ohne Wölfe. Es finden Versammlungen statt. Menschen rotten sich zusammen. Und allmählich erwacht wieder der Durst nach fremdem Blut. TEXT DES MONATS OKTOBER 2009 DIE BEICHTE Kurt lag sterbend in seinem Krankenhausbett.
Plötzlich stand ein Engel vor ihm. „Ich bin der Todesengel“, erklärte der Engel.
„Fürchte dich nicht, denn ich meine es gut mit dir. Dein Leben war im großen
und ganzen durchaus gottgefällig. Trotzdem warten ewige Höllenqualen auf dich, weil
du nämlich nicht an Gott geglaubt hast, und du wirst selbst zugeben müssen,
dass der Himmel kein geeigneter Aufenthaltsort für Atheisten ist. Um es kurz zu machen: Deine einzige Chance, in den
Himmel zu kommen, ist die, dass du dich jetzt, in deiner Todesstunde, doch
noch zu Gott bekennst und die Beichte ablegst. Ich habe den Auftrag, dir um
Punkt 15 Uhr 35 das Leben zu nehmen. Sehr viel Zeit bleibt dir also nicht
mehr, also, ich an deiner Stelle würde mich jetzt ziemlich beeilen.“ Kurt war kein Dummkopf. Die Tatsache, dass soeben
ein waschechter Engel zu ihm gesprochen hatte, überzeugte ihn voll und ganz
davon, dass seine bisherige Meinung über Gott grundfalsch gewesen war. Unverzüglich klingelte er die Krankenschwester
herbei und bat um einen Priester. Zwar wunderte sich die Schwester darüber, dass
Kurt, der bisher alle Versuche des geistlichen Personals, seine Aussöhnung
mit Gott herbeizuführen, brüsk zurückgewiesen hatte, nun doch noch nach einem
Priester verlangte, aber trotzdem beeilte sie sich, seinem Wunsch
nachzukommen. Die Minuten verstrichen. Unbarmherzig. Wie im
Flug. Wutsch - und wieder eine. Wutsch - die nächste. Wutsch. Wutsch. Wutsch.
Endlich, um 15 Uhr 24, öffnete sich die Tür und
ein Priester betrat das Zimmer, in Begleitung eines unauffällig wirkenden
älteren Herrn, der sich Kurt als „Dr. Robert Weilmann, Notar"
vorstellte. „Sie haben mich gerufen, Herr Korff“, stellte der
Priester fest. „Darf ich fragen, was Sie, ausgerechnet Sie, von mir
wollen?" „Die Beichte. Bitte.“, antwortete Kurt. „Ich verstehe. Sie wollen auf Nummer Sicher gehen,
falls es doch ein Leben nach dem Tod gibt, stimmt's? Aber nicht mit
mir." „Nein, wirklich nicht. Ich habe mich geirrt. Es
gibt einen Gott. Ich weiß es. Und deshalb möchte ich beichten. Bitte." „Tut mir leid, aber das ist völlig
ausgeschlossen“, sprach der Priester. „Schließlich sind Sie schon 1964 aus
der Katholischen Kirche ausgetreten, und ich sehe nicht ein, dass Ihnen jetzt
plötzlich dieselbe Gnade zuteil werden soll wie jemandem, der sein Leben lang
brav seine Kirchensteuer bezahlt hat. Dies bedeutet, dass ich Ihnen Ihre Schuld
gegenüber Gott nur dann erlassen werde, wenn Sie zuvor - als Zeichen dafür,
dass Ihre Reue von Herzen kommt, Ihre Schulden gegenüber der katholischen
Kirche begleichen. Sie belaufen sich mit Zins und Zinseszins auf
5.943 Euro und 40 Cent." „Aber ... aber wo soll ich denn jetzt plötzlich so
viel Geld hernehmen?", fragte Kurt verzweifelt. „Sie könnten ja der Kirche testamentarisch diesen
Betrag vermachen“, schlug der Priester vor. „Das würde ich gern, wirklich, aber ich habe nicht
so viel Geld auf dem Konto, höchstens 2.000..." „In diesem Fall kann ich leider nichts für Sie
tun“, sprach der Priester streng und wandte sich zum Gehen. „Guten Tag, Herr
Korff." „Halt! Warten Siel" rief Korff mühsam. „Ja? Was gibt es denn noch?", fragte. der
Priester. „Ich habe mir letztes Jahr einen neuen Wagen
gekauft..." „Klingt interessant“ gab der Priester zu.
"Welche Marke? Welches Baujahr?" „Toyota. Baujahr 2007." „Hm. Das dürfte reichen", stellte der
Gottesmann fest. „Und Sie wären also bereit, dieses Auto der Heiligen
Katholischen Kirche zu vermachen?" „Ja, mit Freuden! Bitte." „In diesem Fall sieht natürlich alles ganz anders
aus" sagte der Priester und wandte sich an den Notar: „Bitte, Herr
Notar, schreiben Sie: Ich, Kurt Korff, vermache im Vollbesitz meiner
geistigen Kräfte der Katholischen Kirche meinen Wagen, einen Toyota, Baujahr
2007." Nachdem der Notar seine Niederschrift beendet
hatte, drückte er dem Sterbenden einen Kugelschreiber in die Hand und bat
ihn, seine Unterschrift unter das Dokument zu setzen, was Kurt mit letzter
Kraft auch tat. „Und Jetzt möchte ich beichten", seufzte
Kurt. „Tut mir leid, aber deine Zeit ist soeben
abgelaufen", sprach in diesem Moment der Todesengel. „Pech gehabt."
Kurts Augen. brachen. Seine Seele aber verließ den Körper und fuhr hinab
in die Hölle, und wenn sie nicht gestorben ist, dann lebt sie heute noch
dort. TEXT DES MONATS SEPTEMBER 09 DAS TIER sah ich ein Tier das hatte Flossen deren vier Das hatte Schwänze deren drei das hatte Augen deren zwei Das hatte Mäuler deren eines Erbarmen mit uns hatt’ es keines. TEXT DES MONATS AUGUST 09 „So, Egon, ich geh' jetzt in mein Zimmer"
sagte ich. „Bitte nicht, Papa" bat mein fünfjähriger
Sohn. „Aber warum denn nicht?" „Weil ich mich sonst fürchte." „Du fürchtest dich? Wovor denn?" „Ich habe Angst, dass ein Höhlenbär hier hereinkommt
und mich frisst..." „Aber Egon, davor brauchst du wirklich keine Angst zu haben" beruhigte ich ihn: „Weißt du, es gibt nämlich keine Höhlenbären mehr, weder hier noch irgendwo sonst auf der Welt, sie sind schon vor langer, langer Zeit ausgestorben." „Bist du sicher?" „Ganz sicher. Und jetzt schlaf, Egon. Gute
Nacht." „Gute Nacht, Papa." Ich ließ ihn allein und ging in mein Zimmer, um zu
arbeiten. Etwa zwei Stunden später aber hörte ich plötzlich
merkwürdige Geräusche. Sie kamen aus dem Vorhaus. Es klang. so, als würde
dort ein sehr großes Tier entlangschleichen... ein Höhlenbär zum Beispiel... Erschrocken sprang ich auf, stürzte hinaus ins
Vorhaus, und stand -natürlich keinem Höhlenbären gegenüber, denn diese sind
tatsächlich schon seit mehreren Jahrtausenden ausgestorben, sondern einem
ausgewachsenen Säbelzahntiger. 'Säbelzahntiger sind ebenfalls schon lange
ausgestorben' überlegte ich: 'Dies bedeutet, dass dieser Säbelzahntiger nur
in meiner Einbildung existiert und daraus folgt, dass ich den Verstand
verloren habe.' „Ganz recht. Das hast du" bestätigte der
Tiger. Ich dachte an Egon. Wie sollte ich ihn bloß vor diesem Untier
beschützen? „Es stimmt, dass du deinen Sohn beschützen
musst" erklärte der Tiger: „Aber nicht vor mir - ich existiere ja in
Wirklichkeit gar nicht - sondern vor dir selbst. Weil du nämlich jetzt ein
gefährlicher Psychopath bist." So leid es mir tat, ich musste dem Tiger völlig
recht geben. Die vernünftigste Lösung wäre in dieser Situation
natürlich die gewesen, die nächste Nervenheilanstalt anzurufen und sie zu
ersuchen, unverzüglich einen Wagen hierher zu schicken, doch da ich
vollkommen verrückt war, kamen vernünftige Lösungen für mich nicht mehr in
Frage. 'Am besten, ich bringe mich um' dachte ich. „So? Willst du etwa, dass dein Sohn einen Schock
fürs Leben kriegt, wenn er morgen früh deine Leiche findet?" fragte der
Tiger. Nein, das wollte ich natürlich nicht. Also blieb nur noch eine Möglichkeit: Ich musste Egon möglichst rasch an irgendeinen Ort
bringen, an dem er sicher vor mir war. „Am sichersten vor dir wäre er im Himmel“ schlug
der Tiger vor: „Weil dorthin kommst du ganz bestimmt nie." Bald darauf stand ich vor dem Bett meines Sohnes. In der rechten Hand hielt ich ein langes
Küchenmesser. Egon schlief. ‚Du siehst jetzt schon aus wie ein kleiner Engel,
mein Sohn’ dachte ich zärtlich: 'Und schon in wenigen Sekunden wirst du
wirklich einer sein.' Zurück zum Seitenanfang |
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