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ARCHIV DIETMAR FÜSSEL

Letzte Aktualisierung am 29. April  2008

TEXT DES MONATS APRIL 2008

DER KRÖTENPRINZ

Es war einmal eine Prinzessin, die war zur Abwechslung mal nicht
 wunderschön, sondern abstoßend hässlich.

Aus diesem Grund kam kein Prinz je auf die Idee, um ihre Hand anzuhalten.

Dies verdross ihren Vater, den König, fast noch mehr als sie selbst, da seine Tochter nicht bloß hässlich war, sondern außerdem auch noch eine
ausgesprochene Nervensäge.

Eines Tages nun saß die Prinzessin im Schlossgarten und seufzte unablässig:

„Ach, wäre ich doch schön! Dann würden alle Männer mich heiraten wollen. Ach, wäre ich doch schön! Dann würden alle Männer mich heiraten wollen. Ach, wäre ich doch schön!"

„Aber du bist doch schön! Zumindest finde ich das" sagte da plötzlich eine
fremde Stimme.

„Huch! Wer spricht denn da?" fragte die Prinzessin erschrocken.

„Ich bin es, der Krötenprinz" antwortete die Stimme.
Erst jetzt bemerkte die Prinzessin, dass direkt vor ihr im Gras eine fette
männliche Kröte mit einer kleinen Krone auf dem Kopf saß.

„Was willst du von mir, Krötenprinz?" fragte die Prinzessin.

„Ich möchte dich bitten, meine Frau zu werden. Willst du? Bitte, sag nicht nein.“

'In meinem Alter und bei meinem Aussehen kann man es sich nicht leisten, allzu wählerisch zu sein, was den Mann fürs Leben betrifft' überlegte die Prinzessin
und antwortete:

„Also, wenn es nur nach mir ginge, ich würde dich schon heiraten, aber ich bin
nun mal keine gewöhnliche Frau, sondern eine Prinzessin.

Daher kann ich dir mein Jawort nur dann geben, wenn auch mein Vater, der König, damit einverstanden ist."

„Na, dann fragen wir ihn doch, am besten jetzt gleich" schlug der Krötenprinz vor.


Die Prinzessin war einverstanden, hob ihn behutsam hoch und trug ihn ins Schloss.

Der König saß auf seinem Thron, als die Prinzessin mit dem Krötenprinzen eintrat.

„Igittigitt, was für ein scheußliches Vieh!" rief der König angeekelt: „Raus
damit, aber sofort!"

„Aber Vater, das ist doch keine gewöhnliche Kröte, sondern ein Krötenprinz,
er kann sogar sprechen" wandte die Prinzessin ein.

„Stimmt das?" fragte der König den Krötenprinzen zweifelnd.

„Ja, das stimmt" antwortete dieser.

„Und was willst du von mir, Krötenprinz?"

„Ich möchte dich, edler König, um die Hand deiner Tochter bitten."

'Immer noch besser, sie heiratet diesen Krötenprinzen als dass ich sie womöglich mein Leben lang am Hals habe' dachte der König und sprach:

„Also schön, einverstanden, an mir soll's nicht scheitern. Meinen Segen habt ihr."

„Oh, danke, Vater, danke! Jetzt steht unserem Glück nichts mehr im Wege!“
jubelte die Prinzessin und küsste den Krötenprinzen herzhaft auf sein
breites Krötenmaul.

Plötzlich machte es 'Puff!' und die Kröte verwandelte sich in einen wunderschönen Prinzen, der natürlich mindestens hundertmal schwerer war als die Kröte und
daher prompt den Händen der Prinzessin entglitt.

Hart schlug er auf dem Marmorboden auf.

Mühsam rappelte er sich hoch, wobei er sich mit schmerzverzerrtem Gesicht seinen Hinterkopf rieb.

„Das gibt bestimmt eine ordentliche Beule" stellte er fest: „Trotzdem vielen
Dank, dass du mich erlöst hast, Prinzessin.

Eine böse Hexe hat mich in eine Kröte verwandelt.


Die einzige Möglichkeit, erlöst zu werden, war, dass ich eine Prinzessin finde, die bereit ist, mich zu heiraten, ohne zu wissen, dass ich in Wirklichkeit ein verwunschener Prinz bin.

Tja, das wäre eigentlich alles."

„Und morgen schon soll die Hochzeit sein!" rief der König und rieb sich
zufrieden die Hände.

„Entschuldigung, welche Hochzeit denn, edler König?“ fragte der Prinz.

„Na, deine Hochzeit mit der Prinzessin natürlich."

„Soll das ein Witz sein? Glaubst du wirklich, dass ich auch nur eine Sekunde
lang daran gedacht habe, die Prinzessin tatsächlich zu heiraten? Aber wirklich
nicht, ich bin doch nicht verrückt!

Also, nochmals vielen Dank. Schönen Tag noch."

Sprachs - und verließ dass Schloss.

Die Prinzessin aber lief schluchzend in den Schlossgarten und seufzte, dort angekommen, immer wieder:

„Ach, wäre ich doch schön! Dann würden alle Männer mich heiraten wollen. Ach, wäre ich doch schön! Dann würden alle Männer mich heiraten wollen. Ach, wäre ich doch schön!“

„Aber du bist doch schön! Zumindest finde ich das" sagte da plötzlich ein männlicher Frosch mit einer Krone auf dem Kopf, der direkt vor ihr im Grase saß.

„Oh nein! Nicht mit mir! Noch einmal falle ich nicht darauf rein, ich nicht! Ich nicht! Ich nicht!“ schrie die Prinzessin außer sich vor Zorn und zertrampelte den armen Froschkönig.

 

TEXT DES MONATS MÄRZ 2008

GREISE

Greise

mümmelnd Abendessen

sabbern,

schlazen

 

Greisenaugen

fast schon blind

triefen,

bazen

 

So ein Greis:

Unappetitlich

aber eines Tags

auch ich.

 

TEXT DES MONATS FEBRUAR 2008

STERNTALER

Es war einmal ein hübsches kleines Mädchen namens Gerti, das hatte Eltern, und zwar einen Vater und eine Mutter.

Gerti kam gut aus mit Ihren Erzeugern, sie war gehorsam und brav und wurde als Gegenleistung dafür nicht allzu sehr schikaniert.

Ganz besonders wusste sie es zu schätzen, dass ihr der Vater jeden Abend vor dem Einschlafen eine Geschichte erzählte. Gerti war nämlich ein phantasievolles Kind, das sich stets in die Rolle des Haupthelden versetzte, ja, häufig ging diese Identifikation sogar so weit, dass sie das Gefühl hatte, die geschilderten Abenteuer selbst zu erleben.

Eines Abends nun hörte sie das Märchen von den Sterntalern.

Gerti war tief beeindruckt. Noch keine Geschichte hatte ihr so gut gefallen wie diese.

Die Vorstellung, all ihr Hab und Gut zu verschenken und dafür mit unermesslichem Reichtum belohnt zu werden, faszinierte sie.

Sie würde sich jeden Wunsch erfüllen können:

Berge von klebrigen Süßigkeiten, eine neue, größere Puppenküche, den schönen Roboter aus dem Spielwarengeschäft, die lustige Mini-MX-Rakete, die so schön laut krachte und knatterte, wenn man sie fliegen ließ, und vieles andere mehr.

Freilich wusste Gerti nur zu gut, dass zwischen ihr und dem Mädchen aus den ‘Sterntalern‘ ein entscheidender Unterschied bestand:

Gerti war nicht arm.

Das Mädchen aus dem Märchen war ja dafür belohnt worden, dass es alles, was es besaß, hergegeben hatte.

Würde hingegen sie, Gerti, dasselbe tun, so wären ihre Eltern zwar sehr ungehalten darüber, aber sie würden ihr schließlich doch neue Kleider und Spielsachen kaufen, das Opfer wäre also nicht annähernd so groß wie das des Sterntalermädchens und würde daher auch nicht vom Himmel mit goldenen Talern honoriert werden.


Daraus folgerte Gerti völlig logisch, dass vor allem ihre Eltern der Erfüllung Ihres Wunschtraums im Wege standen.

Solange Mama und Papa lebten, hatte sie keine Chance.

„Ach, warum können Mama und Papa nicht ganz schnell sterben!“ seufzte sie manchmal im Stillen, und wenn sie ihr Nachtgebet sprach, so versäumte sie dabei nie, den Lieben Gott um den Tod ihrer Eltern zu bitten.

Allein, der Liebe Gott hatte kein offenes Ohr für Gertis Wünsche, er dachte nicht im Traum daran, ihre Eltern von der Weltbühne abzuberufen, denn Gott träumt nicht, sondern ist immer wach.

Gertis Glaube an den gütigen Himmelvater geriet ins Wanken - bis sie eines Tages das Sprichwort ‘Hilf dir selbst, so hilft dir Gott‘ hörte.

Von diesem Moment an wusste sie, was sie zu tun hatte.

‘Wenn ich Papa und Mama totmache, kommen sie zum Lieben Gott ins Paradies‘ überlegte sie: ‘Dort geht es ihnen bestimmt noch viel, viel besser als hier, und ich werde dann alles herschenken, was ich habe, und dann wird es Sterntaler vom Himmel regnen, und alle gehören nur mir, mir ganz allein...‘

Wenige Wochen später verließ sie eines Nachts ihr Zimmer und legte sich zu ihren Eltern ins Bett.

Daran war nichts Ungewöhnliches, Gerti war erst sechs Jahre alt, und wenn sie mitten in der Nacht aufwachte, fürchtete sie sich, allein im Zimmer zu bleiben und suchte Schutz bei Papa und Mama, der ihr stets auch widerspruchslos gewährt wurde.

Ungewöhnlich war diesmal bloß der Umstand, dass Gerti in ihrem Nachthemd das scharfe Rasiermesser des Vaters versteckt hatte.

Sie wartete eine halbe Stunde, bis sie sicher war, dass ihre Eltern wieder fest schliefen.


Zwei schnelle, entschlossene Schnitte, zwei klaffende Halswunden, Papa und Mama merkten kaum, wie ihnen geschah, sie mussten nur kurz leiden, ehe sie es überstanden hatten.

Kein Zweifel: Gerti verstand sich aufs Morden trotz ihres zarten Alters bereits besser als so mancher Profikiller.

Ein Naturtalent.

Am nächsten Morgen lief Gerti gleich zu der Baracke, in der die Familie Vidovic wohnte.

Herr Vidovic war schon seit zwei Jahren arbeitslos, und Gerti hatte mehrmals gehört, wie ihr Vater ihn einen armen Hund genannt hatte, also war er für ihre Pläne der richtige Mann.

Sie klopfte an die Tür, und Frau Vidovic öffnete.

„Guten Tag, Frau Vidovic“ sagte Gerti höflich: „Ist Herr Vidovic zu Hause?“

„Jaja, Gerti, du kommen rein, er drinnen sitzen.“

Herr Vidovic war gerade beim Frühstück. Er begrüßte Gerti herzlich und fragte sie nach dem Grund ihres Besuchs.

„Sie sind doch so arm, Herr Vidovic“ erklärte das Mädchen: „Und deshalb möchte ich Ihnen unser Haus schenken und alles andere auch, damit Sie nicht mehr so arm sind.“

Nur kurz verfinsterte sich die Miene des Gastarbeiters, dann antwortete er freundlich:

„Du bist liebes Kind, Gerti, wirklich, und du meinst sicher gut, aber was sagen deine Eltern dazu, wenn du mir euer Haus schenkst?“

„Meine Eltern sind beide tot, das Haus gehört jetzt mir allein. “

“So ein Unsinn“ erwiderte Vidovic, etwas ärgerlich: „Erst gestern habe ich sie noch gesehen, gesund und munter. Es ist nicht schön von dir, dass du mich so anlügst, Gerti.“

„Gestern waren sie auch noch lebendig, aber heute sind sie beide tot“ sagte Gerti: „Ganz, ganz tot.“


„Hör mal, Kind, mit so was macht man keinen Spaß“ ermahnte Vidovic sie.

„Nein, sie sind wirklich tot, großes feierliches Indianerehrenwort, sie liegen im Bett und rühren sich nicht mehr und alles ist ganz blutig, und weil sie tot, sind, schenke ich Ihnen unser Haus, damit Sie nicht mehr arm sind.“

Vidovic erbleichte, sprang auf, packte das Mädchen bei der Hand und eilte mit ihm zum Tatort, wo er feststellte, dass Gertis Beschreibung durchaus zutreffend gewesen war.

Wenig später kam die Kripo.

„Hast du etwas gehört, du armes Kind?“ fragte der Kommissar das Mädchen mitfühlend.

Gerti schüttelte den Kopf:

„Ich bin nur in der Früh in das Schlafzimmer gegangen, und da habe ich sie gesehen“ log sie.

Kaum eine Stunde später kannte die Polizei allerdings die ganze Wahrheit. Bei einer Durchsuchung der Wohnung hatte man Gertis blutiges Nachthemd und das Rasiermesser mit ihren Fingerabdrücken gefunden.

Solch gravierende Fehler wären einem Profikiller natürlich nicht passiert, aber man darf nicht vergessen, dass das Kind schließlich erst sechs Jahre alt war.

„Um Gottes Willen, warum hast du das getan?“ fragte der

Kommissar entsetzt.

„Wegen den Sterntalern“ antwortete Gerti und erzählte nach und nach dem Polizeibeamten die ganze Geschichte.

Gerti wurde trotz ihrer Jugend in ein Erziehungsheim eingewiesen.

Auch dort werden schöne Märchen erzählt.

Nach wie vor ist ungeklärt, wer dem Pudel des Anstaltsleiters den Bauch aufgeschlitzt und mit Steinen gefüllt hat.

 

TEXT DES MONATS JANUAR 2008

INTERESSANTE ZEITEN

Die Zeiten

werden wieder

int’ressant:

In diesem Land

in jenem Land

und auch in unserem Land.

 

Die Zukunft

lässt sich nur

in düsteren Farben malen:

Wer hat, der hat.

Wer nichts hat,

muss bezahlen.

 

Das Recht gibt

jenen recht

die Unrecht säten.

Das Unheil bleibt nicht aus.

Es wird sich bestenfalls

verspäten.

 

TEXT DES MONATS DEZEMBER 2007

DIE POST

Die folgende Geschichte handelt von einem Amt.

Wer nun erwartet, dass ich die alte Suppe von dem Mann aufwärme, der in ein Amt geht, darin von Instanz zu Instanz geschickt wird und zuletzt unverrichteter Dinge, völlig gebrochen, wieder abzieht, wird sich in dieser Erwartung enttäuscht sehen.

Meine Geschichte ist auch nicht lustig, sie ist schlicht und einfach wahr.

Nun denn: Eines schönen Tages - ach was, schön war's gar nicht, es goss in Strömen - lief ich zum Postamt, das meinem Wohnort am nächsten lag, um einen Brief aufzugeben.

Der Beamte nahm mir den Brief ab, klebte eine Marke darauf und streifte das Geld dafür ein.

Schon wollte ich das Postamt wieder verlassen, als ich bemerkte, dass der Mann den Brief in den Papierkorb geworfen hatte, wie ich meinte, versehentlich, da dieser gleich neben jenem für Briefe stand.

„Äh... Verzeihung... Sie haben meinen Brief in den Papierkorb geworfen“ sagte ich.

„Richtig.“

„Aber er gehört in den Briefkorb.“

„Falsch.“

„Sie... haben ihn also mit Absicht in den Papierkorb geworfen?“

„Richtig.“

„Aber warum denn? Er war doch korrekt frankiert...“

„Richtig.“

„Ja, aber warum werfen Sie ihn dann weg? Dann wird er ja den Empfänger nicht erreichen!“

„Kaum.“

Seine Einsilbigkeit ging mir auf die Nerven:

„Warum tun Sie es dann?“

„Weil sowieso nur dummes Gewäsch drinnen steht.“

„Erlauben Sie mal“ Ich schreibe kein dummes Gewäsch, das ist eine Frechheit! Und woher wollen Sie das überhaupt wissen?“

„Ich habe die letzten beiden Briefe gelesen. Fades Geschwätz.“

„Sie haben es gewagt... Ja, gibt es denn kein Briefgeheimnis?“

Er zuckte nur die Achseln. Dann ließ er sich endlich zu einer Erklärung herab:

„Unsere Briefträger haben schwere Lasten zu tragen. Haben Sie schon einmal einen Postsack gehoben? Der ist sehr, sehr schwer. Ich sehe nicht ein, warum der Postbote sich auch noch mit Briefen belasten soll, in denen nur unnützes Gewäsch steht.“

„Sie weigern sich also, den Brief zu befördern?“

„Genau.“

„Dann geben Sie mir den Brief zurück.“

„Nein.“

„Warum nicht?“

„Weil Sie es sonst bei einem anderen Postamt versuchen könnten, wo man Sie noch nicht kennt. Und dann hätte der Briefträger erst unnötige Arbeit wegen Ihnen. Das will ich nicht.“

„Hören Sie, Sie sind verpflichtet...“

„Ich bin verpflichtet, meinen Dienst nach bestem Wissen und Gewissen zu tun. Dies tue ich.“

„Ich werde mich über Sie beschweren!“

„Zwecklos. Man wird Ihnen keinen Glauben schenken. Ich gelte als mustergültiger Beamter und bin es auch.“

„Aber Sie können nicht für eine nicht erbrachte Leistung kassieren! Sie haben das Geld für die Marke genommen, also müssen Sie den Brief auch befördern!“

„Wer sagt das?“

„Das ist eben so! Jeder sagt das! Fragen Sie Ihren Vorgesetzten!“

Endlich wurde es ihm zu dumm:

„Sehen Sie nicht, dass Sie mich aufhalten? Ich habe zu tun. Meine Zeit ist kostbar und Sie haben mir schon mehr Zeit gestohlen, als die Marke wert war. Also verschwinden Sie.“


„Nein. Geben Sie mir meinen Brief zurück.“

„Kommt nicht in Frage. Seien Sie doch vernünftig und gehen Sie. Ich bin ein vielbeschäftigter Mann.“

„Ich werde nicht gehen, bevor ich nicht den Brief zurückhabe.“

„Soll ich Sie etwa erschießen?“ fragte der Beamte und legte einen Revolver auf den Tisch.

„Sie werden es nicht wagen. Das ist unerhört.“

„Sie wären nicht der Erste“ erwiderte er und öffnete eine kleine Tür, die sich hinter seinem Platz befand. In der kleinen Kammer lagen, fein nebeneinander aufgereiht, drei Leichen.

„Die waren alle so hartnäckig wie Sie. Jetzt haben sie ihren Lohn. Ich bin dazu da, das Postwesen vor Schwätzern zu schützen. Es ist eine heilige Pflicht.“

„Wenn das so ist, dann gehe ich. Auf Wiedersehen.“

Damit entfernte ich mich, um die nächste Polizeistation aufzusuchen.

„In einer Kammer im Postamt liegen drei Leichen“ meldete ich dem diensthabenden beamten: „Der Postbeamte ist ein gefährlicher Killer!“

„Und ich der Weihnachtsmann.“

„Nein, wirklich, sehen Sie nach, wenn Sie mir nicht glauben. Wenn es nicht stimmt, können Sie mich ja wegen Irreführung der Behörden belangen.“

„Gut. Einen Moment“ sagte der Polizeibeamte und entfernte sich ins Nebenzimmer. Eine halbe Stunde später kehrte er zurück.

„Sie sind offenbar ein Psychopath“ sagte der Beamter: „Wir haben den Postbeamten angerufen, er weiß nichts von Leichen. Wir haben uns daher entschlossen, lieber mal Ihre Wohnung zu durchsuchen.“

Ich protestierte, aber es half nichts:

Zwei schwerbewaffnete Bullen begleiteten mich zu meinem Zimmer.

„Suchen Sie nur!“ rief ich: „So eine Gemeinheit! Sie werden nichts finden!“


„Wir werden sehen“ sagte einer der beiden Bullen ungnädig und begann mit der Durchsuchung.

Und als er schließlich meinen Wandschrank öffnete, fielen ihm drei tote Postboten entgegen.

 

TEXT DES MONATS NOVEMBER 2007

ABER IRGENDWO

 

Aber irgendwo

da gibt es

irgendwas

das macht mich satt

stillt meinen Hunger

meinen Durst

und meine Sehnsucht

nach Leben.

 

Ich steige auf einen

hohen Berg

und blicke rings umher

mein Hunger wird größer

 

Ich wandere

durch eine Wüste

und blicke rings umher

mein Durst wird größer

 

Ich baue ein Haus

in einem Wald

meine Sehnsucht nach Leben

wird größer

 

Aber irgendwo

da gibt es

irgendwas

das macht mich satt

stillt meinen Hunger

meinen Durst

und meine Sehnsucht

nach Leben.

 

TEXT DES MONATS OKTOBER 2007

KLEINE URSACHE, GROSSE WIRKUNG

 

Ein Reh trat aus dem Wald.

Ein Jäger legte an und schoss dreimal: Der erste Schuss ging daneben, der zweite traf das Reh tödlich, der dritte ging wieder daneben.

Der Jäger riss jubelnd die Arme hoch, doch in diesem Moment landete direkt auf ihm ein Hubschrauber und zerquetschte ihn.

Der Hubschrauber öffnete sich und der Bundespräsident kletterte heraus, gefolgt von sieben Antiterroristen.

Ein Terrorist zielte und schoss dreimal auf den Bundespräsidenten.

Der erste Schuss ging daneben, der zweite war tödlich, der dritte ging wieder daneben.

Während der Terrorist jubelnd die Arme hochriss, feuerten die Antiterroristen drei Salven ab: Die erste ging daneben, die zweite traf den Terroristen tödlich, die dritte Salve aber schossen die Antiterroristen aus Freude über ihren schönen Erfolg kerzengerade in die Luft.

Sieben Störche fielen tödlich getroffen vom Himmel und landeten ausgerechnet auf den Antiterroristen, wobei ihre spitzen Schnäbel die Köpfe der Antiterroristen durchbohrten.

Dem Hubschrauberpiloten wurde die Sache allmählich etwas zu brenzlig.

Er verließ diesen Ort des Grauens, um fünf Minuten später an einer Felswand zu zerschellen.

Und wer war schuld an allem?

Ein Reh.

 

TEXT DES MONATS SEPTEMBER 2007

LASS ES SCHÖN SEIN

 

Lass es schön sein
zwischen Abend und Tag
lass es schön sein
in der einzigen Nacht
lass es schön sein

 

Lass uns jung sein
wider alle Vernunft
lass uns jung sein
in der einzigen Nacht
lass uns jung sein

 

Lass es warm sein
in dem eisigen Raum
lass es warm sein
in der einzigen Nacht
lass es warm sein

 

Lass uns nah sein
denn so schnell geht die Zeit
lass uns nah sein
in der einzigen Nacht
lass uns nah sein

 

Lass es schön sein
zwischen Abend und Tag
lass es schön sein
in der einzigen Nacht
lass es schön sein.

 

TEXT DES MONATS August 2007

DAS RADIESCHEN

 

Werner Bauer hatte nie Kondome bei sich, weil er glücklich verheiratet war und nicht die Absicht hatte, seine Frau jemals zu betrügen.

Eines Nachts aber bat seine ungemein attraktive Kollegin Vera ihn im Anschluss an einen betriebsinternen Kegelabend, sie nach Hause zu was Werner - beinahe ohne Hintergedanken - auch tat.

„So. Da wären wir. Gute Nacht, Vera“ sagte er, nachdem er seinen Wagen direkt vor dem Haus, in dem sie wohnte geparkt hatte.

Vera aber machte keine Anstalten, auszusteigen, sondern beugte sich über ihn und küsste ihn leidenschaftlich, während ihre rechte Hand fachkundig seine erogene Zone massierte.

„Komm doch mit. Ich will dich. Komm“ hauchte sie.

Zwar hielt Werner im Prinzip eine ganze Menge von ehelicher Treue, doch diese Versuchung war gar zu groß, selbst der Papst wäre ihr erlegen, wenn er noch jünger wäre.

Also begleitete er sie in ihre Wohnung - natürlich Werner, nicht der Papst.

Dort angekommen, bat sie ihn, einen Moment lang im Wohnzimmer zu warten und verschwand im ihrem Schlafzimmer.

„So was Blödes, ich habe gerade gemerkt, dass meine Kondome aus sind“ sagte sie, als sie zurückkehrte: “Hast du vielleicht...“

„Nein, leider...“

„Dann sei doch bitte so lieb und besorg welche.“

„Ist gut“ sagte Werner und verließ die Wohnung.

Keine zehn Minuten später war er schon wieder zurück, zwar ohne Kondome, doch dafür mit einem Radieschen auf dem Kopf.

„Sag: Wieso hast du denn ein Radieschen auf dem Kopf?“ erkundigte sich Vera, etwas irritiert.

„Das weiß ich selbst nicht“ antwortete Werner: „Weißt du, es ist plötzlich auf meinem Kopf gelandet, und jetzt geht es einfach nicht mehr runter, ich kann mir das selbst nicht erklären..

„Erzähl mir doch nicht so einen Blödsinn, ich finde das überhaupt nicht komisch“ sagte Vera ungehalten, packte das Radieschen und zog so kräftig daran, dass Werner vor Schmerz aufschrie, doch das Radieschen rührte sich keinen Millimeter von der Stelle.

„Du hast recht, es geht tatsächlich nicht runter“ stellte Vera fest: „Also, das ist wirklich merkwürdig.“
„Und was jetzt?“ fragte Werner.

„Keine Ahnung“ sagte Vera: „Aber ich finde, du solltest jetzt gehen. Sei mir bitte nicht böse, aber dieses blöde Radieschen hat mir die ganze Stimmung verdorben.“

„Das versteh ich. Mir geht’s genauso. Also dann, gute Nacht, Vera“ sagte Werner und verließ ihre Wohnung.

Mit diesem Radieschen hatte es übrigens folgende Bewandtnis:

Auf dem fernen Planeten Corcos gibt es winzig kleine, superintelligente Lebewesen, denen die Züchtung einer Radieschensorte gelungen ist, die sich besser als jedes andere Gemüse für die Raumfahrt eignet.

Das Radieschen auf Werners Kopf war nichts anderes als ein corcosisches Raumschiff, und der Grund dafür, dass es dort festsaß, war der, dass diese Radieschensorte an ihrer Unterseite anstelle einer Wurzel einen extrem starken Saugnapf hat.

Werfen wir nun einen Blick ins Innere des Radieschens.

„Haben Sie schon eine Erklärung für diese ungewöhnlich starken Turbulenzen gefunden, Crick?“ fragte Commander Pork seinen Cheftechniker.

„Allerdings, Commander“ antwortete Crick: „Es klingt wirklich unglaublich, aber ich habe sämtliche Daten nun schon ein Dutzend Mal überprüft, und das Ergebnis ist immer dasselbe.“

„Ja, und?“ fragte Pork ungeduldig.

„Die einzige mögliche Erklärung für diese Turbulenzen ist, dass wir auf einem gewaltigen Lebewesen gelandet sein müssen, das ungefähr so groß ist wie der Cohoroc.“

(Anmerkung: Der Cohoroc ist der höchste Berg des Planeten Corcos)

„Sind Sie ganz sicher?“ fragte der Commander ungläubig.

„Es besteht überhaupt kein Zweifel daran. Wie gesagt, die Daten sind eindeutig.“

„Hm. Also, wenn diese Lebewesen wirklich so riesig sind, wie Sie behaupten, Crick...“

„Ich behaupte es nicht nur, sie sind so riesig“ unterbrach Crick, etwas ungehalten.

„Verzeihen Sie, ich wollte Sie nicht kranken, Crick“ sagte der Commander: „Also, jedenfalls sehe ich keine Möglichkeit, mit dermassen riesigen Lebewesen Kontakt aufzunehmen. Verglichen mit ihnen sind wir nämlich so winzig, dass sie uns wahrscheinlich nicht einmal wahrnehmen können. Sie würden uns zertreten, ohne überhaupt etwas von unserer Anwesenheit zu ahnen.“

„Was schlagen Sie vor, Commander?“ fragte Crick.

„Wir fliegen weiter. Zum nächsten Planeten. Vielleicht finden wir dort eine Lebensform, die der unseren ähnlicher ist als diese hier.“

Just in dem Moment, in dem Werner das Haus verließ, startete Crick das Radieschen.

Der Saugnapf löste sich von Werners Kopf, das Radieschen hob ab und entfernte sich mit Lichtgeschwindigkeit in Richtung Mars.
Werner fiel ein Stein vom Herzen, denn seine Frau hätte es ihm sehr verübelt, wenn er mit einem Radieschen auf dem Kopf heimgekommen wäre, da sie Tomaten bevorzugte.

 

TEXT DES MONATS JULI 2007

UND ÜBERALL RABEN

Und überall Raben
in meinem Leben
und heisere Stimmen
und Flügelschlagen

 

Ich habe Angst
vor den eigenen Worten
Papier ist geduldig
doch unduldsam

 

Ich gehe weiter
denn ich bin zäh
doch nachdenklich
bin ich geworden

 

Denn nirgends Missgunst
in meinem Leben
ich werde von keinem
beneidet.

(Aus dem Lyrikband ‚Unterwegs’, Bibliothek der Provinz)

 

TEXT DES MONATS JUNI 2007

 

WELTUNTERGANG

Als die Fußballübertragung abrupt unterbrochen wurde und statt dessen der Nachrichtensprecher auf dem Bildschirm erschien, ahnte ich schon, dass etwas Fürchterliches geschehen sein musste.

Ich sollte recht behalten, denn der Mann sagte mit ernstem Blick Folgendes:

„Aus aktuellem Anlass beenden wir nun unsere Fußballübertragung: Ein Komet, der etwa dreimal so groß wie die Erde ist, nähert sich dieser nämlich mit riesiger Geschwindigkeit und wird morgen früh um 6 Uhr 47 MEZ mit ihr zusammenstoßen. Dass dies das Ende jeglichen Lebens, also auch des Ihren, sehr verehrte Fernsehteilnehmer, bedeutet, ist selbstverständlich.

Unsere tüchtigen Astronomen wussten natürlich schon seit einem Monat von der bevorstehenden Katastrophe, haben aber klugerweise dieses Wissen geheimgehalten, da diese Nachricht sicherlich die Arbeitsmoral der Bevölkerung geschwächt hätte, wodurch unserer Wirtschaft nachhaltiger Schaden entstanden wäre.

Als besonderen Service bietet der ORF Ihnen bis 6 Uhr 47 MEZ Trauermusik. Sie hören Werke von Verdi, Bruckner, Beethoven und anderen. Wir wünschen Ihnen eine gute Nacht.“

Ich blickte auf den Kalender.

Es war nicht der erste April und auch der Fasching war lange schon vorbei, also musste etwas Wahres dran sein, und wenn man hinaussah, so bemerkte man am Nachthimmel auch einen neuen Himmelskörper, der bereits fast so groß erschien wie der Mond.

Zuerst dachte ich daran, dass es wohl das Vernünftigste wäre, mich zu besaufen, doch dann siegte das Pflichtbewusstsein: Der Roman, an dem ich gerade arbeitete, stand nämlich knapp vor der Fertigstellung und ich wollte ihn, wenn ich schon sterben musste, nicht als Fragment zurücklassen.

Es war übrigens ein utopischer Roman, der davon handelte, dass ein Atomkrieg die Menschheit vernichtete.


Ich hatte Glück, denn genau um 6 Uhr 46 schrieb ich den letzten Satz nieder und wusste, dass dieses Werk mein bestes geworden war.

Nur schade, dass es nun keiner mehr würde lesen können!

Ich schloss die Augen und wartete.

Ich wartete vergeblich, denn es geschah nichts.

Um 6 Uhr 498 drehte ich den Fernsehapparat auf, um zu erfahren, was passiert war.

Kaum, dass das Bild sichtbar wurde, erschien der Sprecher wieder und sagte, verlegen lächelnd:

„Es tut mir leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass den Astronomen in ihren Berechnungen ein kleiner Irrtum unterlaufen ist, denn der Komet änderte - unberechenbar, wie Kometen nun mal sind - kurz vor der Kollision seine Bahn und verfehlte so die Erde knapp. Wir bitten Sie also vielmals um Entschuldigung, der Fehler lag nicht in unserem Bereich.

Allerdings will ich Ihnen nicht verschweigen, dass die Situation sowohl von den Strategen der Vereinigten Staaten als auch von jenen Russlands und Chinas dazu benutzt wurde, ihre Atomwaffen doch noch zum Einsatz zu bringen, um sie nicht umsonst gebaut zu haben.

Die radioaktive Wolke, die auch Ihr Leben, meine Damen und Herren, vernichten wird, wird voraussichtlich um etwa 14 Uhr Österreich überqueren.

Bis dahin bringen wir Trauermusik von Verdi, Bruckner, Beethoven und anderen.

Wir wünschen Ihren gute Unterhaltung.“

 

TEXT DES MONATS MAI 2007

 

AUF DEM EISENMOND

 

Auf dem Goldmond
lebt
der Silbermond

 

Auf dem Silbermond
lebt

der Bronzemond

Auf dem Bronzemond
lebt
der Eisenmond

 

Auf dem Eisenmond
lebe ich.

 

‘Friede den Hütten!
Krieg den Palästen!’

 

Die Stille in meiner Hütte
erdrückt mich.

(Aus meinem Lyrikband ‚Unterwegs’, Bibliothek der Provinz)

 

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