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Letzte Aktualisierung am 26. Februar 2010 TEXT DES MONATS FEBRUAR 2010 SCHEISSMIOH Kommentator: Meine Damen
und Herren, nun also noch einmal das Ergebnis der Hahnenkamm-Herrenabfahrt
auf der Streif: Es siegte
Kurt Weiss, Österreich - sein erster Sieg in einer möglicherweise ganz großen
Karriere - vor Urs Wilander, Schweiz und Charles Mortimer, Kanada, und ich
gebe jetzt gleich zu Kollege Franz Frisch zum Siegerinterview. Frisch: Ja, danke, Horst,
und hier haben wir ihn also, den strahlenden Sieger auf der Streif. Kurt,
zunächst einmal herzlichen Glückwunsch zu diesem tollen Erfolg. Weiss: Danke.
Scheißmioh, i g’frei mi narrisch. Frisch: Der
erste Weltcupsieg - und dann noch dazu gleich auf der Streif. Was ist das für
ein Gefühl? Weiss: Des is
natürlich a Supergfühl. Scheißmioh, i konns no goa ned glaum, doss i wirkli
gwunna hob. Frisch: Haben
Sie sich eigentlich vor dem Rennen Chancen ausgerechnet, hier zu gewinnen? Weiss:
Eigentlich scho. I woa jo heia scho Dritter in Gröden und Zweiter in Val
d’Isere, und do hob i ma docht: Scheißmioh, des wa do glocht, wonn i des ned
jetzt boid amoi derpack, doss i gwinn. Frisch: Bei
der Zwischenzeit waren Sie aber noch 11 Hundertstel hinter dem Wilander. Weiss: Jo, des
stimmt, i hob an Fehler ghobt in da Kompression, und do hob i ma docht:
Scheißmioh, jetzt muasst oiss riskiern, sonst konnst des Rennen vagessn. Frisch: Sie
haben alles riskiert und hatten dann im Ziel 27 Hundertstel Vorsprung auf
Wilander. Wo haben Sie Ihrer Meinung nach das Rennen gewonnen? Weiss: I glaub, bei da Hausbergkantn, i bin die Hausbergkantn gonz hoch ongfoan, i hob ma denkt, wenns guad geht, geht’s guad, und wenn ned, scheißmioh, donn flieg i hoid ausse, oba es is gottseidonk guad gonga. Frisch: Und
was ist Ihre Philosophie? Weiss: Mei
Philosophie? Jo mei, i sog hoid immer: Scheiß di ned oh - scheiß mi oh. Frisch: Es war
aber auch wirklich ein tolles Rennen von Ihnen, scheißmioh. Weiss:
Entschuldigen Sie, aber Ihnen als Reporter steht es nicht zu, Vulgärausdrücke
wie ‘scheißmioh’ zu verwenden. Dieses Privileg ist uns Rennläufern
vorbehalten, und so soll es auch bleiben. TEXT DES MONATS JANUAR 2010 DER MOND FÄLLT Der Mond fällt auf das Glas vor mir doch trinkt er nicht von meinem Bier Und das ist Glück für uns: Der Mond ist nämlich Bier noch nicht gewohnt: Verlöre er sein Gleichgewicht es wär für uns das beste nicht Er käme aus der Umlaufbahn und stürzte in den Ozean Die Welle die daraus entstünde wär fast so wie die Flut der Sünde Sie käm womöglich bis hierher und zöge mich hinab ins Meer Bevor ich solch Malheur riskier leer ich auf einen Zug mein Bier. TEXT DES MONATS DEZEMBER 2009 DER BARBIER VON SALZBURG Der Grund dafür war, dass seine geliebte Frau vor
Jahren mit einem Blondbärtigen durchgebrannt war. Seit damals pflegte Meister Friedrich jedem
Blondbart, der zu ihm kam, um sich rasieren zu lassen, den Hals von einem Ohr
zum anderen durchzuschneiden. Warum er dies ungestraft tun konnte, fragen Sie? Nun, erstens sprach sich die mörderische
Angewohnheit des Barbiers unter den Einheimischen rasch herum, sodass schon
bald alle blondbärtigen Salzburger sein Geschäft boykottierten, und zweitens
war Meister Friedrichs erstes Opfer der damalige Polizeichef gewesen, dessen
Nachfolger aus purer Dankbarkeit darauf verzichtete, etwas gegen den Mann zu
unternehmen, dem er seine gut bezahlte, angesehene Position verdankte. Mit Gerechtigkeit hatte das natürlich nichts zu
tun, aber Gerechtigkeit ist nun mal eine sehr seltene Blume. Aber zurück zur Geschichte: Eines Tages kam ein junger, blondbärtiger
Bäckergeselle namens Thomas nach Salzburg. Er hatte vor, in der zukünftigen Mozartstadt
einige Jahre zu bleiben, also betrat er frohgemut die erste Bäckerei, die er
fand, und bot dem Besitzer, Meister Erhart, seine Dienste an. „Du hast Glück", stellte Meister Erhart fest.
„Zufällig suche ich nämlich tatsächlich gerade einen tüchtigen Gesellen. Wenn
du willst, kannst du schon morgen bei mir anfangen - allerdings nur unter
einer Bedingung." „Und die wäre?" fragte Thomas. „Unter der Bedingung, dass du dir deinen Bart
abnehmen lässt. Ich finde nämlich, dass ein Bäcker mit
mehlverklebtem Bart ein äußerst unappetitlicher Anblick ist. Bist du damit
einverstanden?" „Also gut" antwortete Thomas: „Wo finde ich
den nächsten Barbier?" „Der nächste Barbier ist Meister Friedrich“,
erklärte Meister Erhart. „Allerdings gebe ich dir den guten Rat, dich nicht
von ihm rasieren zu lassen, es würde dir nämlich ganz und gar nicht gut
bekommen. Geh lieber zu Meister Werner, immer die
Hauptstrasse entlang, du kannst sein Geschäft gar nicht verfehlen, in einer
knappen halben Stunde bist du dort." „Ist gut, Meister" sagte Thomas und machte
sich auf den Weg. Er war noch keine hundert Schritte gegangen, als
sein Blick auf Meister Friedrichs Ladenschild fiel. Thomas blieb stehen und überlegte: 'Mein neuer Meister scheint ein Tyrann zu sein.
Wenn er mich nur unter der Bedingung nimmt, dass ich mich von meinem schönen
Bart trenne, dann muss ich das wohl oder übel akzeptieren. Aber wenn er sich
einbildet, dass er mir außerdem auch noch vorschreiben kann, zu welchem
Barbier ich gehe, dann hat er sich gewaltig geschnitten. Außerhalb der
Backstube lasse ich mir von keinem was befehlen. Aber wirklich nicht.' Kurz entschlossen betrat er Meister Friedrichs
Barbierladen. „Guten Tag, Meister Friedrich", sagte er.
„Ich möchte mir von Euch meinen Bart abnehmen lassen." „Da seid Ihr bei mir genau an der richtigen Adresse, mein Herr" antwortete Meister Friedrich und nahm sein schärfstes Rasiermesser zur Hand: „Bitte nehmt Platz". Glauben Sie wirklich, dass es diesem Thomas besser
erging als seinen blondbärtigen Vorgängern, nur, weil er der Hauptheld dieser
Geschichte zu sein scheint? Wenn ja, so täuschen Sie sich in zweierlei
Hinsicht, denn erstens erging es ihm natürlich auch nicht besser und zweitens
war nicht er der Hauptheld dieser Geschichte, sondern, wie schon aus dem
Titel hervorgeht, Meister Friedrich. Eigentlich schade um Thomas. Meister Erhart hätte
einen tüchtigen Gesellen nämlich wirklich gut brauchen können. TEXT DES MONATS NOVEMBER 09 DIE STUNDE DES WOLFES des Wolfes in einem Land ohne Wölfe. Es finden Versammlungen statt. Menschen rotten sich zusammen. Und allmählich erwacht wieder der Durst nach fremdem Blut. TEXT DES MONATS OKTOBER 2009 DIE BEICHTE Kurt lag sterbend in seinem Krankenhausbett.
Plötzlich stand ein Engel vor ihm. „Ich bin der Todesengel“, erklärte der Engel.
„Fürchte dich nicht, denn ich meine es gut mit dir. Dein Leben war im großen
und ganzen durchaus gottgefällig. Trotzdem warten ewige Höllenqualen auf dich, weil
du nämlich nicht an Gott geglaubt hast, und du wirst selbst zugeben müssen,
dass der Himmel kein geeigneter Aufenthaltsort für Atheisten ist. Um es kurz zu machen: Deine einzige Chance, in den
Himmel zu kommen, ist die, dass du dich jetzt, in deiner Todesstunde, doch
noch zu Gott bekennst und die Beichte ablegst. Ich habe den Auftrag, dir um Punkt
15 Uhr 35 das Leben zu nehmen. Sehr viel Zeit bleibt dir also nicht mehr,
also, ich an deiner Stelle würde mich jetzt ziemlich beeilen.“ Kurt war kein Dummkopf. Die Tatsache, dass soeben
ein waschechter Engel zu ihm gesprochen hatte, überzeugte ihn voll und ganz
davon, dass seine bisherige Meinung über Gott grundfalsch gewesen war. Unverzüglich klingelte er die Krankenschwester
herbei und bat um einen Priester. Zwar wunderte sich die Schwester darüber, dass
Kurt, der bisher alle Versuche des geistlichen Personals, seine Aussöhnung
mit Gott herbeizuführen, brüsk zurückgewiesen hatte, nun doch noch nach einem
Priester verlangte, aber trotzdem beeilte sie sich, seinem Wunsch
nachzukommen. Die Minuten verstrichen. Unbarmherzig. Wie im
Flug. Wutsch - und wieder eine. Wutsch - die nächste. Wutsch. Wutsch. Wutsch.
Endlich, um 15 Uhr 24, öffnete sich die Tür und
ein Priester betrat das Zimmer, in Begleitung eines unauffällig wirkenden
älteren Herrn, der sich Kurt als „Dr. Robert Weilmann, Notar"
vorstellte. „Sie haben mich gerufen, Herr Korff“, stellte der
Priester fest. „Darf ich fragen, was Sie, ausgerechnet Sie, von mir
wollen?" „Die Beichte. Bitte.“, antwortete Kurt. „Ich verstehe. Sie wollen auf Nummer Sicher gehen,
falls es doch ein Leben nach dem Tod gibt, stimmt's? Aber nicht mit
mir." „Nein, wirklich nicht. Ich habe mich geirrt. Es
gibt einen Gott. Ich weiß es. Und deshalb möchte ich beichten. Bitte." „Tut mir leid, aber das ist völlig
ausgeschlossen“, sprach der Priester. „Schließlich sind Sie schon 1964 aus
der Katholischen Kirche ausgetreten, und ich sehe nicht ein, dass Ihnen jetzt
plötzlich dieselbe Gnade zuteil werden soll wie jemandem, der sein Leben lang
brav seine Kirchensteuer bezahlt hat. Dies bedeutet, dass ich Ihnen Ihre Schuld
gegenüber Gott nur dann erlassen werde, wenn Sie zuvor - als Zeichen dafür,
dass Ihre Reue von Herzen kommt, Ihre Schulden gegenüber der katholischen
Kirche begleichen. Sie belaufen sich mit Zins und Zinseszins auf
5.943 Euro und 40 Cent." „Aber ... aber wo soll ich denn jetzt plötzlich so
viel Geld hernehmen?", fragte Kurt verzweifelt. „Sie könnten ja der Kirche testamentarisch diesen
Betrag vermachen“, schlug der Priester vor. „Das würde ich gern, wirklich, aber ich habe nicht
so viel Geld auf dem Konto, höchstens 2.000..." „In diesem Fall kann ich leider nichts für Sie
tun“, sprach der Priester streng und wandte sich zum Gehen. „Guten Tag, Herr
Korff." „Halt! Warten Siel" rief Korff mühsam. „Ja? Was gibt es denn noch?", fragte. der
Priester. „Ich habe mir letztes Jahr einen neuen Wagen
gekauft..." „Klingt interessant“ gab der Priester zu.
"Welche Marke? Welches Baujahr?" „Toyota. Baujahr 2007." „Hm. Das dürfte reichen", stellte der
Gottesmann fest. „Und Sie wären also bereit, dieses Auto der Heiligen
Katholischen Kirche zu vermachen?" „Ja, mit Freuden! Bitte." „In diesem Fall sieht natürlich alles ganz anders
aus" sagte der Priester und wandte sich an den Notar: „Bitte, Herr
Notar, schreiben Sie: Ich, Kurt Korff, vermache im Vollbesitz meiner
geistigen Kräfte der Katholischen Kirche meinen Wagen, einen Toyota, Baujahr
2007." Nachdem der Notar seine Niederschrift beendet
hatte, drückte er dem Sterbenden einen Kugelschreiber in die Hand und bat
ihn, seine Unterschrift unter das Dokument zu setzen, was Kurt mit letzter
Kraft auch tat. „Und Jetzt möchte ich beichten", seufzte
Kurt. „Tut mir leid, aber deine Zeit ist soeben
abgelaufen", sprach in diesem Moment der Todesengel. „Pech gehabt."
Kurts Augen. brachen. Seine Seele aber verließ den Körper und fuhr hinab
in die Hölle, und wenn sie nicht gestorben ist, dann lebt sie heute noch
dort. TEXT DES MONATS SEPTEMBER 09 DAS TIER sah ich ein Tier das hatte Flossen deren vier Das hatte Schwänze deren drei das hatte Augen deren zwei Das hatte Mäuler deren eines Erbarmen mit uns hatt’ es keines. TEXT DES MONATS AUGUST 09 „So, Egon, ich geh' jetzt in mein Zimmer"
sagte ich. „Bitte nicht, Papa" bat mein fünfjähriger
Sohn. „Aber warum denn nicht?" „Weil ich mich sonst fürchte." „Du fürchtest dich? Wovor denn?" „Ich habe Angst, dass ein Höhlenbär hier
hereinkommt und mich frisst..." „Aber Egon, davor brauchst du wirklich keine Angst zu haben" beruhigte ich ihn: „Weißt du, es gibt nämlich keine Höhlenbären mehr, weder hier noch irgendwo sonst auf der Welt, sie sind schon vor langer, langer Zeit ausgestorben." „Bist du sicher?" „Ganz sicher. Und jetzt schlaf, Egon. Gute
Nacht." „Gute Nacht, Papa." Ich ließ ihn allein und ging in mein Zimmer, um zu
arbeiten. Etwa zwei Stunden später aber hörte ich plötzlich
merkwürdige Geräusche. Sie kamen aus dem Vorhaus. Es klang. so, als würde
dort ein sehr großes Tier entlangschleichen... ein Höhlenbär zum Beispiel... Erschrocken sprang ich auf, stürzte hinaus ins Vorhaus,
und stand -natürlich keinem Höhlenbären gegenüber, denn diese sind
tatsächlich schon seit mehreren Jahrtausenden ausgestorben, sondern einem
ausgewachsenen Säbelzahntiger. 'Säbelzahntiger sind ebenfalls schon lange
ausgestorben' überlegte ich: 'Dies bedeutet, dass dieser Säbelzahntiger nur
in meiner Einbildung existiert und daraus folgt, dass ich den Verstand
verloren habe.' „Ganz recht. Das hast du" bestätigte der
Tiger. Ich dachte an Egon. Wie sollte ich ihn bloß vor diesem Untier
beschützen? „Es stimmt, dass du deinen Sohn beschützen
musst" erklärte der Tiger: „Aber nicht vor mir - ich existiere ja in
Wirklichkeit gar nicht - sondern vor dir selbst. Weil du nämlich jetzt ein
gefährlicher Psychopath bist." So leid es mir tat, ich musste dem Tiger völlig
recht geben. Die vernünftigste Lösung wäre in dieser Situation
natürlich die gewesen, die nächste Nervenheilanstalt anzurufen und sie zu
ersuchen, unverzüglich einen Wagen hierher zu schicken, doch da ich
vollkommen verrückt war, kamen vernünftige Lösungen für mich nicht mehr in
Frage. 'Am besten, ich bringe mich um' dachte ich. „So? Willst du etwa, dass dein Sohn einen Schock
fürs Leben kriegt, wenn er morgen früh deine Leiche findet?" fragte der
Tiger. Nein, das wollte ich natürlich nicht. Also blieb nur noch eine Möglichkeit: Ich musste Egon möglichst rasch an irgendeinen Ort
bringen, an dem er sicher vor mir war. „Am sichersten vor dir wäre er im Himmel“ schlug
der Tiger vor: „Weil dorthin kommst du ganz bestimmt nie." Bald darauf stand ich vor dem Bett meines Sohnes. In der rechten Hand hielt ich ein langes
Küchenmesser. Egon schlief. ‚Du siehst jetzt schon aus wie ein kleiner Engel,
mein Sohn’ dachte ich zärtlich: 'Und schon in wenigen Sekunden wirst du
wirklich einer sein.' TEXT DES MONATS JULI 09 Wilde
Wellen ohoho wilde Wasser umdadum Fährt ein Seemann übers Meer kommt er stets auch von woher ist sein Schiff nicht fest gebaut harrt vergeblich seine Braut. Wilde Wellen ohoho wilde Wasser umdadum Unser Käpt’n war ein Seebär und er sprach zum Wind: „So weh Er!“ Im Orkan, vom Sturm getrieben ist das Schiff doch heil geblieben. Wilde Wellen ohoho wilde Wasser umdadum Ferne Heimat wir Matrosen tragen blaue Seemannshosen liebes Mütterlein daheim morgen werde ich dir schreim Wilde Wellen ohoho wilde Wasser umdadum Liebes Mütterlein daheim morgen werde ich dir schreim. TEXT DES MONATS JULI 09 Wohin auch immer er ging,
überall stieß er auf mit den Buchstaben XY signierte Leichen. Obwohl das Phantom bisher
bereits 52 Mal zugeschlagen hatte, gab es noch immer keinen einzigen Hinweis,
mit dem Deedle etwas hätte anfangen können. Es war wie verhext. „Wenn das noch lange so
weitergeht, sind Sie Ihren guten Ruf bald los, Boss“, stellte Deedles
Assistent Bill schadenfroh grinsend fest. „Halt’s Maul“, knurrte
Deedle. „Was werden Sie jetzt als
Nächstes tun, Boss?“, fragte Bill. „Auf’s Klo gehen“,
antwortete Deedle. *** Wenig später betrat Deedle
die Toilette. Raten Sie mal, was er dort
fand. Nein, keine Ostereier,
denn es war Juli. Rassistische Parolen an
den Wänden? Selbstverständlich, aber
darum geht es hier nicht. Nein, er fand eine
frische, mit ‘XY’ signierte Leiche, und zwar die des mustergültigen
Streifebeamten Max Wool. „Na warte. Das sollst du
mir büßen, Phantom“ knurrte Deedle, doch plötzlich hellte seine Miene sich
auf. Wohlgelaunt kehrte er in
sein Büro zurück. ----------- „Hallo, Bill!“ rief er
fröhlich: „Weißt du, was ich auf dem Klo gefunden habe?“ „Keine Ahnung“ antwortete
Bill. „Rate.“ „Ostereier vielleicht?“ „Aber doch nicht jetzt, im
Juli!“ „Rassistische Parolen an
den Wänden?“ „Selbstverständlich, aber
darum geht es hier nicht. Nein, ich habe die Leiche Max Wools gefunden.“ „Max Wool? Oh nein. Sie
meinen doch nicht etwa... den mustergültigen Streifebeamten?“ „Doch, den meine ich. Er
war das 53. Opfer unseres Phantoms.“ „Der arme Max“ murmelte
Bill: „Er war ein verdammt guter Polizist.“ „Das war er“ bestätigte
Deedle: „Aber das nützt ihm jetzt auch nichts mehr. Hör zu, Bill, ich habe
drei Aufgaben für dich: Erstens möchte ich, dass du alle Kollegen, die gerade
anwesend sind, fragst, ob irgendwer was Verdächtiges bemerkt hat. Zweitens
sorge dafür, dass die Leiche weggeschafft wird. Und drittens sag der
Raumpflegerin, dass sie das Klo saubermachen soll, damit keiner versehentlich
in die Blutlache tritt und sich dabei seine Uniform schmutzig macht. Und wenn
du damit fertig bist, möchte ich, dass du unverzüglich nach Hause gehst. Wir treffen
uns dann morgen früh um 9 Uhr wieder hier. Alles klar?“ „Wäre es nicht besser, wenn ich Ihnen heute noch
Bericht erstatte?“ fragte Bill. „Nein, auf gar keinen Fall. Ich habe hier im Büro noch
etwas zu erledigen, und dabei möchte ich von keinem gestört werden, und schon
gar nicht von einem Amöbenhirn wie dir.“ antwortete Deedle grob. ------===------ Am nächsten Morgen betrat Bill Punkt neun das
Büro, wo er von seinem Chef bereits erwartet wurde. „Nun, Bill, was hast du herausgefunden?“
erkundigte sich Deedle. „Ich fürchte, ich muss Sie enttäuschen, Boss. Kein
einziger der Kollegen hat etwas Verdächtiges bemerkt.“ „Das dachte ich mir. Ausgezeichnet. Ganz
ausgezeichnet“ sagte Deedle und rieb sich vergnügt die Hände. „Entschuldigen Sie, Boss, aber ich versteh nicht
ganz, was daran ausgezeichnet sein soll...“ „Wirklich nicht, Bill?“ „Nein, wirklich nicht.“ „Also schön, dann werde ich es dir erklären. Setz
dich.“ Bill gehorchte. „Die Toilette, in der der Mord geschah, liegt, wie
du ja weißt, im Bürotrakt unseres Reviers“ fuhr Deedle fort: „Und jetzt frage
ich dich, Bill: Wer könnte unseren Bürotrakt betreten, ohne aufzufallen?“ „Polizisten natürlich“ antwortete Bill. „Genauer gesagt: Nur Beamte unseres Reviers“
korrigierte Deedle: „Jeder andere Polizist wäre nämlich vorn an der Aufnahme
zumindest nach dem Grund seines Hierseins gefragt worden, und daran würde
sich bestimmt noch jemand erinnern können. Zu den Beamten dieses Reviers kommen natürlich noch
die Raumpflegerinnen und das Verwaltungspersonal. Und wer noch, Bill? Wer hätte sonst noch diese
Toilette betreten können, ohne aufzufallen?“ „Äh... warten Sie...ja, natürlich auch noch
Verdächtige, die gerade in einem der Büros verhört werden...“ „Stimmt. Allerdings darf ein Verdächtiger die
Toilette nur in Begleitung eines Polizeibeamten aufsuchen.“ „Jetzt verstehe ich!“ jubelte Bill: „Also, die
Sache war so: Max hat das Phantom verhaftet, vermutlich ohne zu wissen, mit
wem er es da zu tun hatte. Während des Verhörs bat das Phantom, die Toilette
aufsuchen zu dürfen, und dort hat dieses Schwein Max heimtückisch
ermordet...“ „Gar nicht schlecht kombiniert - zumindest für
deine Verhältnisse“ lobte Deedle: „Trotzdem liegst du völlig falsch. Tatsache
ist nämlich, dass Max gestern erst seit 10 Uhr im Dienst war. Ich habe seine
Leiche um 10 Uhr 15 gefunden, und daraus folgt, dass er noch überhaupt keine
Gelegenheit hatte, eine Verhaftung vorzunehmen. Kommen wir lieber jetzt zur Person des Täters. Der
Täter ist ohne jeden Zweifel ein hochgradiger Psychopath. Hier im Revier kennt jeder jeden. Wäre irgendeine
der hier beschäftigten Personen hochgradig geistesgestört, so wäre das einem
so hervorragenden Menschenkenner wie mir nicht entgangen. Der Täter kann also kein Mitarbeiter dieses
Reviers sein. Andererseits kommt aber auch keiner der gestern um
diese Zeit anwesenden Verdächtigen als Täter in Frage, denn Verdächtige
dürfen bekanntlich die Toilette nur in Begleitung eines Polizeibeamten
betreten, und dieser Polizeibeamte wäre Zeuge des Mordes geworden. Daraus folgt, dass keine der von dir genannten
Personen für die Tat in Frage kommt.“ „Aber wer dann?“ „Es gibt außer den bereits genannten nur noch eine
einzige Person, die den Bürotrakt betreten kann, ohne aufzufallen. Ich meine
den Briefträger.“ „Aber natürlich! Der Briefträger!“ rief Bill. „Und daraus folgt, dass der Briefträger unser
gesuchtes Phantom ist“ schloss Deedle. In diesem Moment klopfte es an der Tür. „Herein!“ rief Deedle. Die Tür öffnete sich und der Briefträger trat ein. In der rechten Hand hielt er eine Pistole mit
Schalldämpfer. „Ich habe ein wenig an der Tür gelauscht“ erklärte
er, nachdem er die Tür hinter sich geschlossen hatte: „Mein Kompliment,
Deedle. Sehr scharfsinnig kombiniert. Leider wird Ihnen das jetzt auch nichts
mehr nützen. Aufstehen und Hände hoch, alle beide!“ „Bitte, ganz wie Sie wollen“ antwortete Deedle
kühl, erhob sich und drückte dabei unauffällig mit dem rechten Fuß auf einen
Knopf. Im selben Moment aber löste sich eine mehr als 500
Kilo schwere Steinplatte, die Deedle am Vortag dort hatte anbringen lassen,
von der Zimmerdecke und zertrümmerte den Schädel des Phantoms wie ein rohes
Ei. „Mannomann, Boss“ murmelte Bill ehrfürchtig:
„Woher haben Sie gewusst, dass er heute in Ihr Büro kommen wird, um Sie
umzubringen?“ „Wenn du auch nur einen Funken Ahnung von
Psychologie hättest, dann könnte ich dir das ganz genau erklären“ antwortete
Deedle: „Da dies aber leider nicht der Fall ist, musst du dich wohl oder übel
damit zufrieden geben, wenn ich dir sage, dass ich eben wieder mal den
richtigen Riecher gehabt habe. So. Genug davon. Aber bevor wir uns jetzt dem
nächsten Fall zuwenden, habe ich noch einen wichtigen Auftrag für dich.“ „Ja, Boss?“ „Geh zur Raumpflegerin und sag ihr, dass in meinem
Büro eine Menge Arbeit auf sie wartet.“ TEXT DES MONATS MAI 09 Der Morgen bringt Blei. Der Tag ist ein weißer Zwerg Verdruss bringt Unlust wird zum Überdruss Am Abend Erleichterung durch Alkohol. Am Morgen aber kommt Besuch. Es ist, wie immer, die Sorge. (Aus meinem Lyrikband ‚Unterwegs’, Bibliothek der Provinz) TEXT DES MONATS APRIL 2009 DER WAHRE SINN DES LEBENS Ein Monolog
(Auf der Bühne sitzt ein alter Mann an seinem
Schreibtisch. Sobald der Vorhang sich ganz geöffnet hat, wendet er sich
dem Publikum zu) Alter Mann
(seufzt): Ach ja, das Leben ist hart. Glauben Sie
mir, das Leben ist wirklich hart, ich sage das nicht bloß so dahin, damit die
Zeit vergeht, nein, ich weiß, wovon ich rede. Schauen Sie,
seit meiner Jugend habe ich mich ausschließlich darauf konzentriert, die
Antwort auf eine einzige Frage zu finden, nämlich was eigentlich der Sinn des
Lebens ist. Ich habe dabei
weder Kosten noch Mühen gescheut: Ich habe Jus
studiert, dann Theologie, dann Philosophie, dann Geschichte, dann Politologie
- um Sie nicht mit einer endlos langen Aufzählung zu langweilen: Ich habe so
ziemlich alles studiert, was man überhaupt studieren kann, und wissen Sie,
was dabei herausgekommen ist? Nichts. Gar
nicht. Ich bin genauso klug wie am Anfang, es ist wirklich zum Knochenkotzen. Heute bin ich
ein alter Mann, und wissen Sie, was für mich das Deprimierendste ist? In all den
Jahren meines Lebens hat es keinen einzigen Augenblick gegeben, in dem ich
wirklich zufrieden war oder gar glücklich. Ich glaube.
nicht, dass ich jetzt noch darauf hoffen darf, doch noch den Sinn des Lebens
zu entdecken. Schon möglich,
dass das Leben einen Sinn hat, obwohl ich nie draufgekommen bin, welchen,
aber MEIN Leben hat jedenfalls keinen mehr. Deshalb habe
ich - nach reiflicher Überlegung - beschlossen, Schluss zu machen. Es ist wirklich das
Vernünftigste, was ich jetzt noch tun kann. Bloß gut, dass es mir während meines
Pharmaziestudiums gelungen ist, mir ein paar Kapseln Zyankali zu
.organisieren. (Er öffnet die Schublade seines Schreibtischs und
entnimmt ihr drei kleine Kapseln, die er vor sich auf den
Schreibtisch legt) Ich hoffe, dass
ich Ihnen mit meinem Selbstmord nicht den schönen Abend verderbe, aber was
sein muss, muss sein. Also dann: Auf
Wiedersehen. (Er nimmt die Kapseln in die linke Hand. Plötzlich
läuft ein Pudel auf die Bühne) Alter Mann
(zum Pudel): Nanu? Wo kommst du
denn her? Du bist ja ein ganz ein
Lieber. Hast du Hunger? Du siehst zwar
nicht besonders hungrig aus, aber irgendwie... irgendwie hätte ich doch ein
schlechtes Gewissen, wenn ich mich jetzt umbringe, ohne dir was zu fressen
gegeben zu haben. Noch dazu habe
ich zufällig tatsächlich eine Dose Hundefutter , weil ich gestern ohne Brille
einkaufen gegangen bin. Warte. Einen Moment. (Er öffnet die Schublade und entnimmt ihr einen
Fressnapf, einen Löffel und eine Dose Hundefutter. Er betrachtet kritisch. das Etikett, liest): Frocki. Schmeckt jedem Hund'. Mal sehen, ob
das stimmt. (Er füllt den Inhalt der
Dose in den Fressnapf um, stellt dem Hund das Futter hin.
Der Hund frisst mit gesundem Appetit.) (zufrieden) Es
stimmt also wirklich. Sehen Sie, wie es ihm schmeckt? Das freut mich aber
jetzt. Das freut mich jetzt aber wirklich. (Plötzlich zuckt er zusammen und schlägt sich mit der flachen Hand
gegen die Stirn). Mein Gott. Mein Gott. Mein Gott, ich hab's! Ich hab's!
Ich hab's! (kichert irre) Ich hab's, ich hab's, ich hab's, ich hab's, ich
hab's. Schauen Sie
sich diesen Hund an. Sehen Sie, wie es ihm schmeckt? Und jetzt schauen Sie mich an. Sehen
Sie, wie ich mich darüber freue, dass es ihm schmeckt? Und das ist der
Sinn des Lebens, glauben Sie mir, genau das ist der Sinn des Lebens: Der Sinn des
Lebens ist es, Hunde mit Frocki zu füttern, weil wenn es dem Hund schmeckt,
freut sich der Mensch, und Frocki schmeckt jedem Hund. Guten Abend. (Vorhang) TEXT DES MONATS MÄRZ 2009 DEIN GEWISSEN Dein Gewissen ist wie ein Dornengestrüpp das dir den Weg versperrt zum Erfolg. Dein Gewissen ist wie ein Türhüter der dir den Eintritt verwehrt ins Haus des Ruhmes. Dein Gewissen ist wie eine Kette die dich festhält in der Hütte der Armut. Doch dein Gewissen erhält dir die Freiheit: Du brauchst dich vor keinem zu beugen. (Aus
meinem Lyrikband ‚Unterwegs’) Zurück zum Seitenanfang |
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