LETZTE AKTUALISIERUNG AM 27. April 2022

 

TEXT DES MONATS MAI 2022

 

EINDIMENSIONAL

 

Nehmen wir einmal an, es gäbe nur eine einzige Dimension, zum Beispiel die Länge.

In diesem Fall wäre das unermessliche Weltall nichts anderes als eine sehr, sehr lange Linie. Unser Sonnensystem wäre eine lange Linie, Bestandteil der sehr, sehr langen Linie. Unsere Erde wäre nichts weiter als eine Linie, und alle Lebewesen auf ihr wären nur Linien, kurze, sehr kurze und sehr, sehr kurze.

Es wäre für uns Menschen ausgesprochen schwierig, aneinander vorbeizukommen, weil wir dazu eine zweite Dimension benötigten, Höhe oder Breite.

Die einzige Möglichkeit dazu bestünde in einer vorübergehenden Vereinigung der eigenen Linie mit der des Nächsten, wobei sich die berechtigte Frage stellt, ob eine derartige Vereinigung nicht dauerhafte Veränderungen bewirken würde.

Jede Zeugung wäre eine vorübergehende Verschmelzung zweier Linien, jede Geburt wäre die Abtrennung einer kurzen Linie von einer zu größerer Länge angewachsenen.

Und wenn ein Mensch stürbe, so könnte man ihn nicht begraben.

Man könnte ihn höchstens in einen wenig frequentierten Bereich der Linie verschieben, doch auf dem Weg dorthin müssten alle Lebewesen, die ihm begegnen, vor ihm zurückweichen oder aber sich vorübergehend mit ihm vereinigen, und dabei würde wohl so manches in ihnen absterben.

Es wäre ein unsagbar armseliges Leben, das wir führen müssten, gäbe es nur eine einzige Dimension, und doch würden wir die anderen Dimensionen nicht vermessen, weil sie uns unbekannt wären.

Man kann nur vermissen, was man kennt.

Was man nicht kennt, kann man auch nicht vermissen.

Und das gilt auch für unsere vierdimensionale Welt, die voller Rätsel ist.

 

 

 

 

 

 

TEXT DES MONATS APRIL 2022

 

AN DEN NORDEN

 

Ich bin einsam

unter der Esche Yggdrasil,

ich bin einsam

unter euch

 

Und wenn ein Wort

den Namen jener Fremdheit nennt,

so werde ich

es niemals finden.

 

Denn auch kein Flehen

um Vergebung,

das mir selber spottet;

wird mehr geglaubt.

 

Ein Lichtauge

wurde geschenkt

von einem Gott,

und niemals wurde es gesehn.

 

So schenke ich dem Alkohol

den Götzendienst meines Gemüts

und sterbe, wenn der Morgen naht,

 

die sieben Tode der Seele.

TEXT DES MONATS MÄRZ 2022

 

DAS UNFALLOPFER

Ich befand mich gerade auf einem Abendspaziergang und meditierte über die Schlechtigkeit meiner Mitmenschen und das Ignorantentum aller Literaturkritiker, als ich hinter mir etwas laut krachen hörte.

Leicht verärgert über die Störung drehte ich mich um und sah ein Auto, das soeben von einem ihm im Weg stehenden Baum erheblich beschädigt worden war.

‚Das könnte ein geeigneter Stoff für eine Kurzgeschichte sein - oder wenigstens für ein Gedicht’ überlegte ich und ging hin, um nach dem Fahrer zu sehen.

Dieser hatte einige Schnittwunden erlitten, unter anderem war die Schlagader der rechten Hand verletzt. Das Blut floss in Strömen.

Ich mag so was gar nicht. Ich kann nämlich kein Blut sehen.

Der Mann saß immer noch in seinem Fahrzeug und machte auch keine Anstalten, auszusteigen. Offenbar hatte er einen Schock erlitten.

„Ist Ihnen etwas passiert?“, fragte ich ihn durchs geborstene Seitenfenster.

„Ja“ antwortete er: „Mein Arm. Bitte verbinden Sie mich. Ein Druckverband.“

„Tut mir leid, aber von so was verstehe ich leider nichts“, antwortete ich. „Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Prinzipiell können Sie selbstverständlich mit meiner Hilfe rechnen, aber wenn ich etwas nicht kann, dann lasse ich lieber die Finger davon.“

„Bitte. Es ist gar nicht so schwer, das können Sie ganz bestimmt. Helfen Sie mir.“

„Ich würde Ihnen wirklich gern helfen, ehrlich, aber was ist, wenn ich etwas falsch mache? Dann bin ich womöglich Schuld daran, dass Sie sterben und hätte für den Rest meines Lebens die schlimmsten Schuldgefühle deswegen. Und ich mache bestimmt etwas falsch, schon allein deshalb, weil ich kein Blut sehen kann.“

„Dann holen Sie wenigstens die Rettung, schnell!“

„Selbstverständlich. Aber ich habe leider kein Handy dabei, weil ich Handys nicht ausstehen kann, und bis zur nächsten Telefonzelle sind es mindestens drei Kilometer.“

„In dem Haus, gleich dort drüben! Bestimmt haben die ein Telefon!“

„Aber das geht doch nicht, ich kann doch nicht einfach wildfremde Leute belästigen! Womöglich halten die mich dann für einen Räuber, der sich mit einem billigen Trick Zutritt zu ihrem Haus verschaffen will, so was ist schon oft vorgekommen, zum Beispiel in dem Film ‚Uhrwerk Orange’ von Stanley Kubrick. Ich weiß natürlich nicht, ob Sie sich für Filme interessieren, aber jedenfalls ist der Hauptheld, Alex, gerade wieder einmal mit seinen Droogs unterwegs und klingelt...“

„Aber das hier ist ein Notfall! Versuchen Sie es doch bitte wenigstens!“

„Warum versuchen Sie es denn nicht selbst? Ihnen würde man viel eher glauben als mir, weil Sie ja wirklich verwundet sind.“

„Ich kann nicht. Ich bin wie gelähmt. Der Schock. Der Blutverlust. Schnell, verbinden Sie mich, sonst ist es zu spät, sonst verblute ich!“

„Ach was. So schnell verblutet man auch wieder nicht. Man soll nicht immer gleich das schlimmste denken, mit einer positiven Lebenseinstellung kommt man viel weiter. Also gut. Ich werde es versuchen. Wo ist Ihr Verbandskasten?“

„Da. Im Handschuhfach.“

„Gut. Also ein Druckverband, haben Sie gesagt. Was braucht man dazu?“

„Zunächst einmal ein Tuch.“

„Dieses?“

„Das ist doch ganz egal, welches! Legen Sie es auf die Wunde.“

„Also auf die Wunde. Pfui, wie das blutet! Igittigitt!“

„Ja, denken Sie etwa, mir macht das Spaß?“

„Bestimmt nicht. Das glaube ich Ihnen, dass Ihnen das keinen Spaß macht. Mir aber auch nicht. Und was jetzt?“

„Den Polster da draufhalten.“

„Den Polster... uh, das viele Blut... nein, ich schaff es nicht. Tut mir leid, ich schaff es einfach nicht.“

„Idiot!“, brüllte er.

„Also, beleidigen lasse ich mich nicht von Ihnen“, stellte ich gekränkt fest. „Da helfe ich Ihnen, so gut ich kann, und was tun Sie? Sie brüllen mich an. Aber nicht mit mir, mein Herr, nicht mit mir!

Schauen Sie, wie Sie allein zurechtkommen! Ich gehe. Das habe ich nämlich wirklich nicht nötig, mich von Ihnen beleidigen zu lassen. Guten Tag.“

Er versuchte, sich zu entschuldigen, aber ich stellte mich taub und ging einfach weiter.

Als ich nach etwa einer halben Stunde wieder vorbeikam, wurde der Mann gerade in einen Sarg gelegt und zu einem Leichenwagen getragen.

Eine Tragödie.

Oh Auto, wie viel Unglück hast du schon verschuldet!

Spontan beschloss ich, ein Essay über die negativen Aspekte des Straßenverkehrs zu schreiben, denn vom Schreiben verstehe ich etwas.

 

 

 

TEXT DES MONATS FEBRAR 2022

 

STICHE

 

In unseren Tagen

ist das grelle Licht

der Erkenntnis

wie ein schmerzhafter Stich

in die eigene Haut.

 

In unseren Tagen

ist das fahle Licht

der Verleumdung

wie ein schmerzhafter Stich

in die eigene Haut.

 

In unseren Tagen

ist der schmerzhafte Stich

in fremde Haut

wie eine heilige

Kommunion.

 

 

TEXT DES MONATS JANUAR 2022

 

 VON WÜRMERN UND WORTEN

 

Es war einmal ein Mann, der hatte kein Glück bei den Frauen.

Im Grunde genommen konnte man alle Frauen, die er kennenlernte, in zwei Gruppen einteilen:

Die einen wollten ihn retten, was im Klartext bedeutete, dass sie ihn verändern wollten, und die anderen wollten schlicht und einfach nichts von ihm wissen.

Schließlich heiratete er eine Frau, die ihn retten wollte, und natürlich begann sie prompt damit, ihn zu verändern.

Sie gewöhnte ihm das Rauchen und das Trinken ab, sorgte dafür, dass er seinen Körper pflegte und sich anständig kleidete und brachte ihn zuletzt sogar dazu, einen ordentlichen Job anzunehmen, in dem er gutes Geld verdiente, und das sogar regelmäßig.

Zwanzig Jahre später ließ sie sich von ihm scheiden, weil sie ihn unerträglich langweilig fand.

Nun, da er unter dem Einfluss seiner Exfrau zu einem ganz passablen Durchschnittsmenschen geworden war, gab es keinen Grund mehr, ihn retten zu wollen.

Daher gehörten alle Frauen, die er seither kennenlernte, nur noch einer einzigen Gruppe an, nämlich jener, die nichts von ihm wissen wollten.

Um wenigstens seine körperlichen Bedürfnisse befriedigen zu können, besuchte er regelmäßig eine Prostituierte, die bereit war, seine Berührungen zu ertragen, weil sie gutes Geld dafür bekam.

Trotzdem hätte er nur zu gerne gewusst, woran es lag, dass alle Frauen, die er kennenlernte, nichts mit ihm zu tun haben wollten.

Und eines Tages, als er sich bereits in sehr fortgeschrittenem Alter befand, suchte er eine Wahrsagerin auf, in der Hoffnung, von ihr eine Antwort auf diese brennende Frage zu erhalten.

„Nun, was kann ich für dich tun, alter Mann?“, fragte sie ihn.

„Ich habe eigentlich nur eine einzige Frage“, antwortete er. „Ich würde gerne wissen, warum alle Frauen nichts mit mir zu tun haben wollen.“

„Das kann ich dir schon sagen, alter Mann“, erwiderte die Wahrsagerin. „Es liegt daran, dass aus deinem Mund beständig eklige kleine Würmer kommen.“

„Aber das ist doch überhaupt nicht wahr!“, empörte sich der Mann. „Aus meinem Mund kommen doch keine Würmer!“

„Habe ich wirklich Würmer gesagt?“, fragte die Wahrsagerin. „Dann habe ich mich versprochen. Ich bitte um Entschuldigung. Ich meinte natürlich nicht Würmer, sondern Worte. Eklige, kleine Worte.“

 

 

TEXT DES MONATS DEZEMBER 2021

 

ELENDSLANG UND ELENDSKURZ

 

Es dauert elendslang,

bis man erwachsen wird.

Es dauert elendskurz,

bis man alt ist.

 

Stunden sind elendslang.

Stunden sind elendskurz.

Tage sind elendslang.

Tage sind elendskurz.

 

Auf die elendskurze Zeit der Neigung

folgt die elendslange Zeit der Pflicht.

Auf die elendskurze Zeit des Nehmens

folgt die elendslange Zeit des Gebens.

 

Mit elender Geburt beginnt es.

Mit elendem Tod nimmt es sein Ende.

Dazwischen liegt ein elendes Leben:

elendslang und elendskurz.

 

 

TEXT DES MONATS NOVEMBER 2021

 

DER SPATZ

 

Wer dir deine Illusionen zerstört, kann es nicht gut mit dir meinen.

Wer dir deine Hoffnungen nimmt, ist dein Feind.

Du bist ein kleiner Spatz, der täglich ein bestimmtes Futterhäuschen aufsucht, weil er dort schon oft leckere Körner gefunden hat.

Aber seit einer ganzen Weile schon ist es leer. Nicht ein einziges Körnchen ist mehr darin zu finden.

Die Amsel kennt den Grund dafür. Sie hat mit eigenen Augen gesehen, wie der Mensch, der das Futterhäuschen immer mit frischen Körnern befüllt hat, bei der Gartenarbeit tot zusammengebrochen und von anderen Menschen davongetragen worden ist.

Seither ist sie dem Garten fern geblieben, weil sie sich von ihren Besuchen nichts mehr erwartet.

Würdest du ihr eines Tages durch Zufall begegnen, so würde sie dir vielleicht den Grund dafür nennen, aber was wäre damit gewonnen?

Vielleicht würdest dann auch du nicht mehr hierher kommen, sondern auf neuen Wegen nach Futter suchen und auf diesen neuen, unbekannten Wegen womöglich schon bald einem Falken, einer Katze oder einem anderen Räuber zum Opfer fallen.

Und da ist immer noch das Futterhäuschen.

Solange sein  neuer Besitzer es nicht entfernen lässt, besteht immer noch die Möglichkeit, dass er eines Tages damit beginnen wird, es mit frischen Körnern für dich und deinesgleichen zu füllen.

Diese Hoffnung ist es, die dich auch weiterhin Tag für Tag hierher führt.

Und sollte sie sich auch niemals erfüllen, so hat sie dich doch mit jener Zuversicht ausgestattet, die du als kleiner Spatz zum Überleben brauchst.

 

 

TEXT DES MONATS OKTOBER 2021

 

ICH KÖNNTE

 

Ich könnte genauso gut

 

Ein Kiebitz sein

auf einem Frühlingsfeld.

Oder ein rufender Kuckuck

auf einem Sommerbaum.

 

Oder ein Eichelhäher

auf einem Baum im Herbst.

Oder auch eine Krähe

auf einem Baum im Winter.

 

Stattdessen wandere ich

durch das Jahr

als Mensch in menschlicher Gestalt

dem Ende entgegen

 

So gut ich kann. 

 

TEXT DES MONATS SEPTEMBER 2021

 

GESTANK

 

Es war einmal eine junge, wunderschöne Prostituierte namens Lola, die eine unüberwindbare Abneigung gegen Wasser hatte.

Die Folge davon war, dass ihr Körpergeruch von Tag zu Tag, von Woche zu Woche und von Monat und Monat stärker wurde, und dass sie versuchte, ihn mit Unmengen von Parfum zu übertünchen, machte den Gestank, der von ihr ausging, nicht kleiner, sondern nur anders.

Obwohl sie ein hübsches Gesicht und eine atemberaubende Figur hatte und darüber hinaus auch noch eine in allen Liebeskünsten bewanderte Meisterin ihres Faches war, fand sich nur selten ein Freier bereit, sich mit ihr einzulassen.

Im Grunde genommen beschränkte sich ihr Kundenkreis auf Männer, die gerade unter starkem Schnupfen litten oder coronabedingt vorübergehend oder dauerhaft ihren Geruchssinn verloren hatten, und das waren zu ihrem Leidwesen nicht allzu viele.

Eines Tages aber kam ein junger, edler Prinz des Weges, blieb vor ihr stehen und betrachtete sie wohlgefällig.

„Na, Burli, wie wär’s mit uns beiden?“, fragte sie ihn.

„Du gefällst mir eigentlich sehr gut“, antwortete der Prinz. „Und wenn ich dein freundliches Angebot trotzdem ablehne, dann nur deshalb, weil du leider bestialisch stinkst.“

„Das ist nicht wahr“, widersprach sie. „Nur Bestien stinken bestialisch. Ich hingegen stinke höchstens nach Parfum.“

„Stimmt. Da hast du eigentlich recht“, sagte der Prinz und nahm sie mit auf sein Schloss.

Dort angekommen, befahl er seinen Lakaien, ihr ein Bad zu bereiten, und so heftig sie sich auch dagegen zur Wehr setzte, es half ihr nichts, sie wurde dennoch von Kopf bis Fuß gewaschen, geschrubbt und gebürstet, bis ihr Körper so wunderbar duftete wie ein Strauß Veilchen.

Und als es schließlich so weit war, wohnte der Prinz ihr bei und war so zufrieden mit ihr, dass er sie auf der Stelle zu seiner Frau machte.

Kurz darauf starb der alte König.

Sein Sohn, der Prinz, trat seine Nachfolge an, und seine Gemahlin Lola wurde Königin.

Keiner ihrer Bediensteten konnte es jetzt noch wagen, sie, die Königin, gegen ihren Willen zum Baden zu zwingen, weshalb sie schon nach wenigen Monaten wieder genauso schrecklich roch wie früher.

Und als ihr Mann sich eines Tages mit unfreundlichen Worten darüber beschwerte, verabreichte sie ihm zur Strafe dafür ein tödliches Gift, an dem er denn auch starb.

Da der junge König noch keine Kinder hatte, wurde seine Frau Lola zu seiner Nachfolgerin erklärt und herrschte noch viele Jahre weise und gerecht über ihre Untertanen, die sich ihr prinzipiell nur noch mit FFP2-Atemmasken näherten, sofern sie nicht durch eine Corona-Infektion ihren Geruchssinn verloren hatten.

Und wenn sie nicht gestorben ist, dann stinkt sie immer noch.

 

 

TEXT DES MONATS AUGUST 2021

 

AM WEGESRAND

 

Es bleibt nur

ein Erinnern:

 

Die Blumen

am Wegesrand.

Die Felder

am Wegesrand.

 

Die Sträucher

am Wegesrand.

Die Bäume

am Wegesrand.

 

Die Falter

am Wegesrand.

Die Vögel

am Wegesrand.

 

Die Tiere

am Wegesrand

die Menschen

am Wegesrand.

 

Die Jugend

am Wegesrand.

Die Liebe

am Wegesrand.

 

Es bleibt nur

ein Erinnern.

 

 

TEXT DES MONATS JULI 2021

 

DER FISCHER VOM ATTERSEE

Es war an einem Donnerstag im Frühling.

Die Sonne schien und die Vögel zwitscherten.

So wie an jenem Morgen fuhr der alte Fischer in seinem kleinen Boot hinaus auf den Attersee, um Fische zu fangen.

Als er aber eine kleine Bucht erreichte, sah er dort eine schwammige Wasserleiche auf den türkisgrünen Wellen treiben.

Aus Erfahrung wusste er, dass sich in der Nähe von schwammigen Wasserleichen immer besonders viele Fische aufhielten, um sich an ihrem halb verwesten Fleisch gütlich zu tun.

Daher warf er unverzüglich seine Netze aus, und tatsächlich war der Fang, mit dem er an diesem Tag nach Hause zurückkehrte, außerordentlich gut.

Als er aber anderntags wieder zu jener Bucht zurückkehrte, in der Hoffnung, noch ein weiteres Mal vom Vorhandensein eines kostenlosen Köders profitieren zu können, fehlte von der Wasserleiche jede Spur.

An ihrer Stelle schwebte der Geist Gottes über den Wassern.

„Wo ist denn die Leiche hin?“, erkundigte sich der Fischer.

„Schweig, Verruchter!“, donnerte Gott. „Warum hast du deinen Bruder nicht geborgen, um ihm ein christliches Begräbnis zu ermöglichen?“

„Welchen Bruder?“, fragte der Fischer. „Ich habe keinen Bruder.“

„Alle Menschen sind Brüder“, sprach Gott. „Also? Warum hast du ihn gestern nicht geborgen?“

„Weil ich Fischer bin“, antwortete der Fischer. „Ich fange Fische. Das ist mein Beruf. Für die Bergung von Wasserleichen sind andere zuständig.“

„Das behauptest du“, sprach Gott. „Aber weißt du denn nicht, dass ich meine Jünger einst zu Menschenfischern gemacht habe?“

„Doch, das weiß ich schon“, antwortete der Fischer. „Aber mich hast du nicht dazu gemacht. Ich kann nur Fische fangen. Und deshalb war es mir leider nicht möglich, die Leiche zu bergen.“

„Ja, wenn das so ist, dann habe ich eigentlich im Moment keine weiteren Fragen mehr“, sprach Gott und entschwand, einen lieblichen Duft nach frisch verbranntem Dornbusch hinterlassend.

„Vielleicht sollte ich in Zukunft nicht mehr so viel Schnaps trinken. Höchstens einen noch“, sagte der Fischer, nahm einen tiefen Schluck aus seinem Flachmann und warf seine Netze aus, wie sein Beruf es von ihm verlangte.

Die Sonne schien, die Fische schwiegen und es war Freitag.

 

 

 

TEXT DES MONATS JUNI 2021

 

DIE HÖHLE

 

Ich taste mich

eine dunkle Höhle

entlang.

 

Was Licht ist,

habe ich längst

vergessen.

 

Ich taste mich

an den Wänden

entlang.

 

Die Wände sind

kalt und feucht

wie der Winter.

 

Ist jemand

an meiner Seite?

Ich weiß es nicht.

 

Ist jemand

hinter mir her?

Ich fürchte es.

 

Ich taste mich

eine dunkle Höhle

entlang

 

Und bin

so kalt

wie der Winter.

 

 

 

  

MEIN NEUES BUCH

RICARDI

ROMAN

Die Zeit heilt nicht nur alle Wunden, sondern tötet auch jede Liebe.

Wir bluten und hören auf zu bluten. Wir leiden und hören auf zu leiden.

Wir lieben und hören auf zu lieben.

Das ist der Preis, den wir für die Vernarbung unserer Wunden zu bezahlen haben.

Dietmar Füssel, Ricardi, Roman, 152 Seiten, 2020, Sisyphus Verlag

ISBN 978-3-903125-53-7