Letzte Aktualisierung: 28. Juli 2017

 

DIETMAR FÜSSEL

TEXT DES MONATS August 2017

DIE ROCKER

Wir saßen friedlich in unserem Zugabteil und plauderten, als plötzlich heftig die Tür aufgerissen wurde, und ehe wir es uns versahen, war unser Abteil voll von böse dreinblickenden Rockern.

Diese schenkten uns aber nicht die geringste Beachtung, sondern schritten unverzüglich zur Tat:

Sie schlitzten die Sitze auf, rissen mit vereinten Kräften das Gepäcksnetz herunter, zertrümmerten noch das Fenster und entleerten den Aschenbecher und das Müllfach auf den Boden und verschwanden ebenso plötzlich, wie sie gekommen waren.

Das alles war das Werk einer Minute gewesen.

Nachdem Siegi und ich uns von dem ungläubigen Staunen erholt hatten, berieten wir, was zu tun sei und kamen zu dem Schluss, dass es wohl das Klügste wäre, das Abteil zu wechseln.

Wir packten unsere Sachen und wollten eben den Trümmerhaufen verlassen, als der Schaffner eintrat.

„Was ist denn hier los?“, fragte er, nicht gerade freundlich.

„Einige Rocker waren hier und haben unser Abteil verwüstet“, antwortete mein Freund schlagfertig.

„Ich glaube, die Rocker stehen gerade vor mir“, sagte der Schaffner. „Im Zug sind mir jedenfalls keine anderen aufgefallen. Das kommt euch teuer zu stehen, das garantiere ich euch.“

„Aber wir waren das doch nicht!“, rief ich. „Glauben Sie uns doch! Sehen wir etwa so aus, als ob wir zu einem derartien Vandalismus fähig wären?“

„Ja. Ihr habt lange Haare“, war die Antwort. „Die Polizei wird sich um euch kümmern, ihr Verbrecher.“

Ich zuckte zusammen:

„Sie wagen es, unschuldige Fahrgäste Verbrecher zu nennen?“

„Nein. Unschuldige Fahrgäste nenne ich nicht so. Ihr aber seid schuldig. Ihr seid Verbrecher und werdet büßen.“

„Aber wir haben kein Geld!“, rief Siegi.

„Umso schlimmer für euch. Dann müsst ihr eben in den Knast. Hat euch ja auch keiner angeschafft, das Abteil zu verwüsten.“

„Glauben Sie uns, wir waren es wirklich nicht!“

„Das glaubt euch höchstens eure Oma“, sagte der Schaffner. „Ich werde euch anzeigen. Verbrechergesindel!“

Da riss uns endgültig die Geduld. Es ging ganz schnell. Mit einem kurzen, ungemein präzis ausgeführten rechten Schwinger schlug Siegi den Mann K.O.

Mit vereinten Kräften zerrten wir ihn zum Fenster, hoben ihn hoch und warfen ihn hinaus.

Man beleidigt uns nicht ungestraft.

Er wird nie mehr Gelegenheit haben, unschuldige Fahrgäste Verbrecher zu nennen.

(Aus meinem Erzählband 'Wirf den Schaffner aus dem Zug')

 

 

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Der erfolgreiche Frauenarzt Merirê ist wegen der vorschriftswidrigen Behandlung einer Hofdame am Königshof in Ungnade gefallen. Eines Tages aber befiehlt Ramses II. ihn überraschend zu sich und erteilt ihm den Auftrag, gemeinsam mit dem Amun-Priester Rahotep in die Hauptstadt des verfeindeten Hethiterreichs zu reisen, um der sechzigjährigen Schwester des Großkönigs noch einmal zu einer Schwangerschaft zu verhelfen - der Vorwand für eine heikle diplomatische Mission. Dort lernt Merirê die schöne und kluge Hofdame Lavinia kennen, eine enge Vertraute der Königin, die zur großen Liebe seines Lebens wird.
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Packend, leidenschaftlich und mit großer Sachkenntnis erzählt Dietmar Füssel von Autokratie, politischer Ränke, verlogener Staatsräson, Korruption, Heuchelei und Gewalt, aber auch von wirklicher Freundschaft und wahrer Liebe im Alten Ägypten.“ (Ingrid Führer)