LETZTE AKTUALISIERUNG AM 27. Januar 2024

 

TEXT DES MONATS FEBRUAR 2023

 

UNTER PALMEN STERBEN

 

Unter Palmen einst zu sterben

erklärt man oft zum Ideal.

Ich leb lieber noch ein bisschen

und wo ich sterb` ist mir egal.

 

Denn was hat ein Mensch davon,

dessen Leib im Grab zerfällt,

wenn auf seine Ruhestätte

einer Palme Schatten fällt?

 

Trauert nicht, ihr Anverwandten,

hadert nicht mit dem Geschick,

denn selbst Meere heißer Tränen

bringen mich nicht mehr zurück.

 

Wenn ihr weint und wenn ihr klagt,

schadet ihr nur meinem Geist.

Dieser ist im Leben schon

lieber ohne Last gereist.

 

Keine Pietät lasst walten,

grabt mich ohne Feier ein.

Ich bin tot. Ihr seid am Leben.

Freut euch, selbst nicht tot zu sein.

 

Lasst den Pfarrer auf der Kanzel,

keine Predigt an meinem Grab,

keine salbungsvollen Worte,

lasst mich einfach nur hinab.

 


Tragt auch keine Trauerkleidung

mir zuliebe, denn ich weiß:

Diese Art von Kleidung ist

sommertags entsetzlich heiß.

 

Blumen auf dem Grab? Egal.

Wenn die Nachbarn es so wollen.

Ich kann sie nicht sehen, riechen,

sagt mir, was die mir noch sollen.

 

Wiese will ich sein und Erde,

schlichter Grabstein obendrauf,

bloßer Stein, naturbelassen,

der verwittert auch im Lauf.

 

Doch um eines bitt ich euch

wenn ich nicht mehr bei euch bin:

Richtet mir ein stilles Plätzchen

ein in eurem Sinn.

 

Dort könnt ihr dann Blumen pflanzen

Palmenbäume auch sogar

feierlich Choräle singen

 

dem, der ich euch war.

TEXT DES MONATS JANUAR 2024

 

 ZWÖLF ZEICHEN VON LIEBE

 

Die Sehnsucht, einander zu sehen, wenn man fern voneinander ist.

Die Freude, einander zu sehen, wenn man sich wiedersieht.

Die Sehnsucht, einander zu berühren, wenn man sich nicht berührt.

Die Freude, sich zu berühren, wenn man einander berührt.

Das nachsichtige Lächeln über die kleinen Fehler und Unzulänglichkeiten des anderen.

Der Verzicht auf in vorwurfsvollem Ton ausgesprochene Worte wie ‚immer‘, ,ständig‘, ‚wieder‘, ‚dauernd‘ und ‚nie‘.

Die Unlust, miteinander zu streiten.

Die Reue, miteinander gestritten zu haben.

Der Stolz auf die Erfolge des anderen.

Die Traurigkeit über den Kummer des anderen.

Über die gleichen Dinge lachen, über die gleichen Dinge traurig sein.

Einander nicht ändern wollen, sondern einander bedingungslos lieben. 

 

 

TEXT DES MONATS DEZEMBER 2023

 

BADEN BEI WIEN

 

Ein Turm steht

in Baden bei Wien.

Ein Turm aus Steinen,

aus blutigen Steinen,

ein Turm steht

in Baden bei Wien.

 

Ein Tier haust

in Baden bei Wien.

Ein Tier mit Krallen

und dem Bösen im Blick.

Ein Tier haust

in Baden bei Wien.

 

Ein Stein liegt

in Baden bei Wien.

Ein Stein, so glatt

und so kalt wie Eis.

Ein Stein liegt

 in Baden bei Wien.

 

Ein Baum wächst

in Baden bei Wien.

Ein Baum ohne Wurzeln

und ohne Frucht.

Ein Baum wächst

in Baden bei Wien.

 

Ein Mensch lebt

in Baden bei Wien.

Ein Mensch ohne Zukunft

und ohne Zeit.

Ein Mensch lebt

in Baden bei Wien.

 

TEXT DES MONATS OKTOBER 2023

 

LIED EINES KRANKEN VOGELS

 

Ein Singvogel bin ich gewest

ich sang für euch zu jedem Fest

doch was war zuletzt mein Lohn?

Ich erntete Undank und Hohn.

 

Drum erklingt nie mehr mein Gesang

und ihr, ihr wartet lang

doch vergeblich auf ein neues Lied

es ist vor Gram verblüht.

 

Und nach Jahren, da komm ich vorbei

doch kein Ton wird wieder neu

denn ich wurde durch euch alt

 

und sterbe sicherlich bald.

TEXT DES MONATS SEPTEMBER 2023

 

DEM TOD ENTGEGEN

 

Ich kann

auch ohne dich leben.

Ich kann auch ohne dich

am Leben bleiben.

 

Müsste ich

ohne dich leben,

müsste ich ohne dich

am Leben bleiben,

so würde ich

in engen Wänden

dem Tod

entgegenvegetieren.

 

Doch da ich

mit dir lebe

und mit dir

am Leben bleibe

kann ich,

Tag für Tag beglückt,

dem Tod

getrost entgegensehen.

 

 

TEXT DES MONATS JULI 2023

 

FIKTIVE SCHLAGZEILEN

 

Diese gemeinen GaunerInnen müssen erwischt werden!

Große Mehrheit der ArbeitgeberInnen für Sozialabbau!

Die MörderInnen sind unter uns!

Evangelische Priesterlnnen: Für engere Zusammenarbeit mit katholischen KollegInnen!

Berühmter Zoologe von LöwInnen zerfleischt!

Endlich: Härtere Gesetze gegen RauschgifthändlerInnen!

Neue Therapie für GebärmutterhalskrebspatientInnen!

Neunzehn FussballfanatikerInnen nach Schlägerei verhaftet! Neuguinea:KanibalInnenstamm entdeckt!

Kein Platz für IdiotInnen?

Busengrapscherlnnen im Vormarsch!

 

Neunundneunzig Prozent aller SexualverbrecherInnen sind Männer!

 

TEXT DES MONATS JUNI 2023

 

TANZE, CARMELLA

 

 

Tanze, Carmella,

tanze, Carmella,

tanze am Leben vorbei,

denn wir besitzen

nur dieses Leben

und es wird nie mehr neu.

 

Tanze, Carmella,

tanze, Carmella,

tanze heut Nacht für mich,

denn vor der Türe

wartet der Fremde,

wartet auf dich und mich.

 

Trinke, Carmella,

trinke, Carmella,

trink von dem funkelnden Wein.

Kommt dann der Morgen

zu uns ins Zimmer,

werden wir nicht mehr sein. 

 

TEXT DES MONATS MAI 2023

 

DAS FALSCHE WORT

 

Heute muss ich wieder daran denken, wie so oft, an den Tod meines Vaters, und immer noch belastet es mich.

Ich war damals sieben Jahre alt und meine Mutter nahm meinen älteren Bruder und mich mit, um unseren Vater im Krankenhaus zu besuchen.

Früher hatten wir nie mitkommen dürfen, obwohl er schon mehrmals darum gebeten hatte, weil unsere Mutter uns seinen Anblick ersparen wollte. Sie wollte nicht, dass wir sahen, wie sehr die Krankheit ihn entstellt hatte. Aber jetzt, da es mit ihm zu Ende ging, konnte sie ihm seinen Wunsch nicht mehr abschlagen.

Er wusste nicht, dass es so schlecht um ihn stand. Niemand hat es ihm gesagt, und er hat auch nie danach gefragt. Wahrscheinlich hatte er Angst vor der Antwort.

Mutter hat uns erzählt, dass er immer wieder davon gesprochen hat, eines Tages wieder mit seinen Buben im Garten Fußball zu spielen, so wie früher. Ich weiß nicht, ob er selbst noch daran geglaubt hat. Aber er hat es zumindest gehofft.

Mein Bruder und ich saßen in unseren Kindersitzen auf der Rückbank, während unsere Mutter den Wage durch den Stadtverkehr steuerte.

„Mama, was hat der Papa denn eigentlich?“, fragte ich sie.

„Er ist sehr, sehr krank“, antwortete sie.

„Ja, das weiß ich“, sagte ich. „Aber was genau hat er?“

„Ich muss mich jetzt wirklich aufs Fahren konzentrieren“, sagte sie. „Wir reden später darüber.“

„Ich will es aber jetzt schon wissen“, beharrte ich. „Was hat der Papa?“

Meine Mutter kannte mich gut genug, um zu wissen, dass ich nicht eher nachgeben würde, bis ich eine Antwort erhalten hatte, die mich zufrieden stellte. Und weil sie glaubte, dass ich das mir unbekannte Fremdwort gleich wieder vergessen würde, sagte sie die Wahrheit:

„Der Papa hat ein Sarkom.“

„Und was ist das?“, fragte ich.

„Eine sehr schwere Krankheit, wie schon gesagt“, antwortete meine Mutter. „Und wenn du jetzt nicht endlich Ruhe gibst, dann baue ich womöglich wegen dir noch einen Unfall.“

„Ja, genau. Halte endlich das Maul“, sagte mein Bruder grob, ohne dass unsere Mutter ihn deswegen zurechtwies.

Daher zog ich es vor, für den Rest der Fahrt lieber gar nichts mehr zu sagen.

Und bald darauf waren wir im Krankenhaus. Mein Bruder war schon einmal hier gewesen, wegen einer Gehirnerschütterung, aber für mich war es das erste Mal, und mir wurde fast übel von dem eigenartigen Geruch.

„Warum riecht es hier denn überall so komisch?“, fragte ich, aber meine Mutter reagierte nicht darauf, und mein Bruder zischte mich nur böse an, als hätte ich mich wieder einmal komplett daneben benommen.

Dann betraten wir das Zimmer, in dem unser Vater lag. Es war ein Einzelzimmer, mit zahlreichen Heiligenbildern an den Wänden. Er hing an irgendwelchen Apparaten und hatte die Augen zu. Er konnte sie auch gar nicht mehr öffnen, denn seine Lider waren von großen, hässlichen Geschwüren überwachsen. Er war blind.

‚Ist das wirklich unser Papa?‘, fragte ich mich, sagte aber nichts.

Er erkannte unsere Schritte und ein schwaches Lächeln huschte über sein entstelltes Gesicht.

„Danke, dass du die Kinder mitgebracht hast“, sagte er.

„Wie geht es dir denn?“, fragte unsere Mutter, küsste ihn und bedeutete uns durch ein Zeichen, das gleiche zu tun.

Ich weiß noch, dass ich mich davor ekelte und ich schäme mich heute noch dafür, aber es war doch so.

„Grüß euch, Kinder. Das ist aber schön, dass ihr mich auch einmal besuchen kommt“, sagte er und lächelte wieder.

„Geht es dir besser?“, fragte unsere Mutter. 

„Ja, heute geht es mir besser, viel besser sogar“, antwortete er. „Gestern war es wirklich schlimm, die Schmerzen, aber heute ist es besser. Ich weiß nicht, ob die das mit den Augen noch einmal hinkriegen, aber das ist eigentlich gar nicht so wichtig. Wenn ich nur endlich wieder bei euch sein kann, zu Hause...

Kommst du zurecht mit den beiden?“

„Doch. Es geht“, sagte meine Mutter mit brüchiger Stimme. „Aber du fehlst uns natürlich schon sehr.“

„Ja. Ich weiß“, sagte er und wandte sich an mich. „Von dir hört man ja schöne Sachen, Karli. Sei doch nicht immer so vorlaut zu deiner Lehrerin.“

„Das bin ich doch gar nicht“, rechtfertigte ich mich. „Ich habe nur zu ihr gesagt, dass sie ungerecht ist, und das stimmt auch. Sie ist wirklich total ungerecht, Papa. Ehrlich.“

„Schon möglich“, sagte er lächelnd. „Aber selbst wenn es stimmt, solltest du so etwas lieber für dich behalten, weil du sonst höchstens Ärger mit ihr bekommst. Und das zahlt sich nicht aus. Alles klar?“

„Alles klar“, sagte ich, und dann, in der Absicht, ihm eine Freude zu machen, fügte ich noch hinzu. „Ich freue mich auch schon darauf, wenn du wieder bei uns bist, Papa. Und vielleicht können wir dann auch wieder miteinander Fußball spielen, wenn dein Sarkom weg ist. Was ist denn ein Sarkom?“

Meine Mutter starrte mich entsetzt an. Mein Vater hingegen lag vollkommen regungslos da, und sein Atmen klang wie ein Stöhnen. Soeben hatte er aus meinem Mund sein Todesurteil erfahren.

Ich wusste zunächst überhaupt nicht, was eigentlich los war. Ich wusste nur, dass ich etwas schrecklich Falsches gesagt hatte. Aber was?

Vielleicht hätte ich nicht vom Fußballspielen sprechen dürfen, solange mein Papa noch blind war. Ja. Wahrscheinlich war es genau das gewesen. Weil er möglicherweise für immer blind bleiben würde. 

„Und wenn wir nicht mehr Fußball spielen können...“, begann ich.

„Halt den Mund! Bitte!“, schrie meine Mutter mich an, und dann umarmte sie meinen Vater und schluchzte. „Es ist doch gar nicht wahr, was der Bub da daher plappert, das hat er draußen am Gang aufgeschnappt, dort haben zwei Ärzte gerade über ein Sarkom gesprochen, und jetzt glaubt er, das ist ein anderes Wort für Krankheit, gelt, Karli, so war das doch, oder?“

Ich aber begriff nicht einmal mehr, dass meine Mutter mich soeben verzweifelt um meine Hilfe gebeten hatte, sondern zeterte:

„Nein! Das ist überhaupt nicht wahr! Das hast du selbst gesagt! Ich habe dich gefragt, was der Papa hat, und du hast gesagt, ein Sarkom. Du selbst hast es gesagt! Du!“

Es war eine Szene wie aus einem Alptraum.

Meine Mutter weinte noch heftiger, und ich brüllte und heute noch lauter, weil ich schuld daran war, dass sie weinte und weil sie mir böse war und weil sie mich jetzt nicht mehr lieb hatte, und mein Vater lag immer noch regungslos da und flüsterte:

„Nein, ich will nicht sterben. Ich will nicht sterben“, und sah so aschfahl aus, als wäre er schon gestorben.

Meine Mutter ging mit uns Kindern hinaus und blieb bei uns, bis ich mich wieder einigermaßen beruhigt hatte. Dann kehrte sie wieder zu unserem Vater zurück und blieb lange bei ihm, während mein Bruder und ich draußen am Gang auf sie warteten.

Irgendwann begann ich, mit zwei Münzen zu spielen, bis mein Bruder sie mir aus der Hand riss.

„Du hast Papa gesagt, dass er sterben muss, und jetzt spielst du noch blöd herum! Du Schwein! Schwein! Schwein!“, schrie er mich an, und erst in diesem Moment begriff ich, was ich getan hatte.

„Aber das habe ich doch nicht gewusst!“, schluchzte ich. „Das habe ich doch nicht gewollt!“ 

„Aber du hast es getan, du Schwein!“, schrie mein Bruder. „Du hast es getan!“

Eine Krankenschwester kam vorbei und ermahnte uns, leise zu sein, um nicht die anderen Leute zu stören. Sie glaubte an einen ganz normalen Streit unter Kindern und bot jedem von uns ein Bonbon an.

Mein Bruder lehnte ab, ich aber nahm es und steckte es in den Mund.

Es schmeckte salzig nach Tränen, und mein Bruder hat es mir zweifellos sehr verübelt, dass ich es angenommen habe.

Vielleicht hasst er mich sogar heute noch, er liebt mich jedenfalls nicht, aber ich konnte doch nichts dafür!

Irgendwann rief unsere Mutter uns noch einmal ins Zimmer.

Unser Vater wirkte sehr gefasst, als er uns bat, näher zu kommen. Dann umarmte er uns, erst meinen Bruder, dann mich, und flüsterte jedem etwas ins Ohr, aber ich verstand kein Wort von dem, was er mir noch hatte sagen wollen.

„Wiedersehen, Kinder“, sagte er ganz leise und küsste uns, ich würgte auch noch einen Gruß hervor und war heilfroh, als ich endlich wieder draußen war.

Drei Tage später war er tot. Wir sind hinter seinem Sarg hergegangen und alle haben geweint, nur ich nicht.

Was ist Sterben, was bedeutet es, tot zu sein? Ich wusste es damals noch nicht. Aber auch heute noch sind diese Blicke da, die sagen: Du hast ihm gesagt, dass er sterben muss. Vergiss das nicht. Vergiss das nie.

Kann man so etwas denn jemals vergessen?

Ich kann es nicht. Die dunkelste, schamvollste Erinnerung meiner Kindheit hat mich nie wieder verlassen und meine Schritte schwer gemacht bis heute.

Mein Bruder tut, als hätte er mir verziehen, und meine Mutter tut, als würde sie mich immer noch lieben, aber ich weiß nur zu gut, dass beides nicht stimmt.

 

Ich sollte vielleicht fortgehen von hier.

TEXT DES MONATS APRIL 2023

 

BLIND

 

Wenn ich nicht sehen könnte

von Geburt

wär alles um mich her Geräusch

oder Gefühl.

 

Und Bilder hätte ich wohl nicht

in mir

denn alle Farben, hell und dunkel

wären fremd.

 

Stimmen wären meine Zeiger

auf Wegen durch das Dunkel

das auch nicht erhellt wird durch

 

fehlendes Wissen vom Licht.

 

 

TEXT DES MONATS MÄRZ 2023

 

DAS PUZZLE

 

Weil der Installateur Michael Haas als Kind oft und gerne Puzzles gelöst hatte, beschloss er kurz nach seiner vierten Scheidung, sich der beglückenden Zeit seiner Kindheit wieder anzunähern, indem er sich ein Puzzle kaufte.

Er entschied sich für ein Puzzle, das aus nicht weniger als zehntausend Teilen bestand und den Titel ‚Wolken im Nebel‘ trug, was auf einen hohen Schwierigkeitsgrad hindeutete.

Und während er Stunde um Stunde an dem Puzzle arbeitete, dessen Teile sich farblich so gut wie gar nicht voneinander unterschieden, wurde ihm bewusst, dass ihm das Puzzeln heute, im Erwachsenenalter, überhaupt keinen Spaß mehr machte. Nur seiner Hartnäckigkeit war es zu verdanken, dass er trotzdem bei der Sache blieb, doch als er das Puzzle nach geschlagenen vierhundert Stunden endlich fertigstellen wollte, musste er feststellen, dass ein Teil fehlte.

Um zu verhindern, dass womöglich so etwas passierte, hatte er ausschließlich in seinem Hobbykeller an dem Puzzle gearbeitet, zu dem außer ihm selbst kein Mensch Zutritt hatte.

Schuld an dem Malheur war also ganz eindeutig die Herstellerfirma Puzzletov, die offenbar ein inkomplettes Puzzle an den Handel übermittelt hatte.

Daher schrieb Michael der Firma Puzzletov ein ziemlich unfreundliches Beschwerde-E-Mail.

Die Antwort, die er darauf erhielt, machte ihn sogar noch wütender:

Man bedaure Michaels Missgeschick, hieß es da, sei aber dank strenger Qualitätskontrollen mit Sicherheit nicht dafür verantwortlich. Dennoch sei man aus Kulanzgründen bereit, Michaels Puzzle gegen ein komplett neues umzutauschen.

Das freilich hätte bedeutet, dass Michael weitere vierhundert Stunden in die Lösung des Puzzles hätte investieren müssen, obwohl ihm nur ein einziger Teil fehlte.

Daher übermittelte er der Firma Puzzletov, die er als Chaostruppe bezeichnete,  ein Foto seines Puzzles und ersuchte darum, ihm den fehlenden Puzzleteil, und nur diesen, zu übermitteln, denn nur damit sei ihm geholfen.

Und als er darauf keine Antwort mehr erhielt, setzte er sich ins Auto und fuhr zum Hauptsitz der Firma, um deren Chef gehörig die Meinung zu sagen.

„Sie wünschen, bitte?“, erkundigte sich die Vorzimmerdame des Chefs bei ihm, eine attraktive Brünette, die Michael sicher nicht von der Bettkante gestoßen hätte, hätte sie sich rein zufällig dorthin verirrt.

„Ich möchte den Chef von dieser Scheißfirma sprechen“, erklärte Michael. „Ist er da?“

„Ja. Er ist gerade anwesend. Haben Sie einen Termin?“

„Nein. Und ich brauche auch keinen.“

„Entschuldigen Sie, aber ohne Termin kann ich Sie leider nicht zu ihm vorlassen. Der Herr Generaldirektor...“

„Das interessiert mich einen Scheiß, du dreckige Schlampe“, unterbrach Michael grob. Nicht umsonst hatten es bereits vier Frauen nicht mit ihm ausgehalten. „Jedenfalls geh ich jetzt da rein.“

Und während die Vorzimmerdame hastig die Nummer des Sicherheitsdienstes wählte, betrat Michael unangemeldet das Büro des Firmenchefs.

„Was fällt Ihnen ein, hier unangemeldet hereinzuplatzen?“, fragte ihn der Chef ungehalten.

„Maul halten und zuhören, Arschgesicht“, erwiderte Michael. „Ich habe von eurer Scheißfirma ein Puzzle gekauft und vierhundert Stunden dran gearbeitet, und dann hat ein Teil gefehlt. Und deshalb verlange ich jetzt von euch 4.000 Euro Schadenersatz.“

„Sie sind ja verrückt“, sagte der Chef. „Das kommt überhaupt nicht in Frage.“

„Das werden wir ja sehen“, knurrte Michael und zog ein Messer von der Art, die Crocodile Dundee bevorzugt verwendete. „Und wenn du jetzt nicht gleich spurst, dann steche ich dich ab wie ein Ferkel.“

„Um Himmels Willen, bitte tun Sie jetzt nichts Unüberlegtes“, sagte der Chef. „Ich gebe Ihnen ja das Geld, Sie sollen Ihr Geld haben, das ist überhaupt keine Frage, ich habe nur leider nicht genug hier im Büro, aber ich schreibe Ihnen eine Anweisung für die Kasse, nur bitte, bitte stecken Sie das Messer wieder weg.“

„Na also. Warum nicht gleich so“, sagte Michael, doch bevor er es tun konnten, stürmten vier Männer des Sicherheitsdienstes ins Büro, entwaffneten ihn und übergaben ihn der Polizei.

Michael Haas wurde wegen gefährlicher Drohung zu sechs Monaten unbedingter Haft verurteilt.

Nach seiner Entlassung wird er möglicherweise sogar noch ein fünftes Mal heiraten.

Puzzles wird er aber wahrscheinlich keine mehr lösen.