Letzte Aktualisierung: 28. November 2017

 

DIETMAR FÜSSEL

TEXT DES MONATS DEZEMBER 2017

DIE FLASCHE

 

„Ach, Martin, hol mir doch bitte noch ein Bier aus dem Gasthaus“, befahl der Vater seinem Sohn und gab ihm Geld.

 

„Ja, Papa“ antwortete Martin und lief die Stiege hinab und ins auf der anderen Straßenseite liegende Gasthaus. Dort erwarb er eine Flasche Bier, doch als er sich eben auf den Rückweg machen wollte, kam ihm der Gedanke, dass ihm Bier mindestens genauso gut schmeckte wie dem Vater und dass er es also ebenso gut selbst trinken könnte.

 

‚Der Alte säuft eh zu viel’ beruhigte er sein Gewissen: ‚Und wenn er fragt, sag ich, ich bin gestolpert und die Flasche ist zerbrochen.’

 

Er setzte sich also auf einen Randstein, öffnete die Flasche und tat einen herzhaften Zug, als plötzlich ein altes Weib vor ihm stand.

 

„Was tust du hier, mein Söhnchen?“ fragte sie.

 

„Ich trinke ein Bier“ antwortete er.

 

„Du hast deines Vaters Bier getrunken“ stellte sie fest.

 

„Woher wissen Sie das?“ fragte Martin verlegen.

 

„Oh, ich weiß so manches“ meinte die Alte: „Doch nun wollten wir deinem Vater auch etwas zu trinken besorgen.“

 

Nachdem sie dies gesagt hatte, begann sie, geheimnisvolle Sprüchlein zu murmeln, denn sie war eine Hexe, und endlich berührte sie die Flasche und Martin und rief:

 

„Tauscht euer Wesen!“

 

Und siehe da: Die Flasche bekam plötzlich Arme und Beine und erhielt Martins Aussehen, während Martin plötzlich zu einer vollen Bierflasche geworden war.

 

„Flasche, bring Martin zu seinem Vater“ befahl die Hexe und die Flasche, die nun ja Martins Gestalt hatte, gehorchte.

 

„Wo warst du so lange?“ fragte der Vater, als die Flasche, die er für seinen Sohn hielt, eintrat.

 

„Hab mich etwas verplaudert. Entschuldige“ sagte die Flasche: „Hier ist dein Bier.“

„Danke, Martin“ sagte der Vater zur Flasche, öffnete Martin, der ja wie eine Flasche aussah und trank ihn in hastigen Zügen aus.

 

Doch kaum hatte er den letzten Schluck getan, da ereignete sich etwas Grauenvolles: Die Rückverwandlung.

 

Fassungslos starrte der Vater auf den blutleeren Körper seines toten Sohnes, der eine tiefe Halswunde aufwies.

 

Dort aber, wo sich der Bierüberbringer befunden hatte, stand nun eine leere Flasche.

 

Kein Zweifel: Der Vater hatte das Blut seines eigenen Sohnes getrunken.

 

Und die Moral von der Geschicht: Schick nie deinen Sohn Bier holen!

(Aus meinem Kurzprosaband 'Wirf den Schaffner aus dem Zug')

 

 

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MEIN NEUES BUCH

DER STADTSCHREIBER

Satirischer Roman

Hans Pribil ist ein erfolgloser Schriftsteller aus Wien. Deshalb zögert er nicht lange, als er eines Tages die Einladung erhält, das Amt des Stadtschreibers in Eden zu übernehmen. Dieses irgendwo in Niederösterreich gelegene, geheimnisumwitterte Eden ist eine seit Jahrzehnten von der Außenwelt völlig abgeschnittene Enklave, deren Einwohner das Ziel verfolgen, die uralte Utopie des idealen Staats zu verwirklichen. Pribil, den die Aussicht, ein Jahr lang weder für Kost noch Logis aufkommen zu müssen, ebenso beflügelt wie die Hoffnung, mit einem Enthüllungsbericht über den mysteriösen Kleinstaat seinen literarischen Durchbruch zu schaffen, ahnt allerdings nicht, dass die Edener Staatsführung gar nicht daran denkt, ihn wieder ausreisen zu lassen.

 

„Der Stadtschreiber“ ist ein satirischer Roman über die Manipulationen fanatischer Menschheitsbeglücker, die naive Dummheit der ihnen blindlings ergebenen Untertanen und über die von Diktatoren mit Recht gefürchtete Macht des Gelächters.