LETZTE AKTUALISIERUNG AM 27. August 2022

 

TEXT DES MONATS SEPTEMBER 2022

 

DAS BLINDE MÄDCHEN

 

Es war einmal ein armes, blindes Mädchen, das tappte mutterseelenallein durch einen großen, finsteren Wald, weil seine Mutter ihm befohlen hatte, seiner Großmutter, die jenseits des Waldes in einer armseligen kleinen Hütte wohnte, einen Kuchen und eine Flasche Wein zu bringen.

Normalerweise hätte es sich bestimmt schon bald hoffnungslos verirrt und nie wieder aus dem Wald herausgefunden, doch wiesen ihm die Vögel mit ihrem Gezwitscher den Weg.

Nachdem das Mädchen eine Stunde lang gegangen war, begegnete ihm ein großer, böser Wolf.

„Gib mir etwas zu fressen!“, befahl der Wolf.

„Wer spricht denn da?“, fragte das blinde Mädchen.

„Aber das siehst du doch.“

„Nein, leider nicht. Ich bin blind.“

„Ach, so ist das. Also, ich bin ein großer, böser Wolf.“

„Aber Wölfe können doch nicht sprechen!“, wandte das Mädchen ein.

„Normalerweise nicht“, bestätigte der Wolf. „Aber ich habe derzeit gerade eine ganz schreckliche Stimmritzenentzündung, weshalb mein drohendes Knurren fast genauso klingt wie eure Sprache. Kriege ich jetzt endlich was zu fressen?“

„Ich habe leider nur einen Kuchen dabei“, antwortete das blinde Mädchen. „Und den soll ich der Großmutter bringen.

„Dann gib mir wenigstens diesen Kuchen, sonst fresse ich dich“, sagte der Wolf.

„Also gut“, seufzte das Mädchen und gab dem Wolf den Kuchen, der ihn sogleich gierig verschlang. Und während das blinde Mädchen ohne Kuchen weiterging, starb der Wolf unter schrecklichen Qualen, denn der Kuchen war vergiftet, weil die Mutter für die Großmutter eine sehr hohe und für ihre Tochter eine etwas weniger hohe Lebensversicherung abgeschlossen hatte.

Eine weitere Stunde später traf das blinde Mädchen auf einen großen, grimmigen Räuber.

„Na los, her mit dem Geld!“, befahl der Räuber.

„Wer spricht denn da?“, fragte das Mädchen.

„Aber das siehst du doch.“
„Nein, leider nicht. Ich bin blind.“

„Ach, so ist das. Also, ich bin ein großer, grimmiger Räuber. Und jetzt gib mir dein Geld.“

„Ich habe aber leider gar kein Geld dabei“, antwortete das blinde Mädchen. „Nur eine Flasche Wein, und die soll ich der Großmutter bringen.

„Na gut, dann gib mir wenigstens den Wein. Sonst töte ich dich“, drohte der große, grimmige Räuber.

„Also gut“, seufzte das Mädchen und übergab ihm die Flasche.

Der große, grimmige Räuber öffnete sie und tat einen tiefen Schluck daraus.

„Schmeckt irgendwie bitter“, stellte er fest. „Aber besser als gar nichts. Na los, verschwinde.“

Und während das blinde Mädchen weiterging, starb auch der große, grimmige Räuber unter schrecklichen Qualen, denn auch der Wein war vergiftet gewesen.

Eine weitere Stunde später kam das blinde Mädchen endlich bei der Großmutter an.

„Was willst du denn hier, dummes Ding?“, fragte die Großmutter unfreundlich.

„Meine Mutter hat mich hergeschickt, um dir Kuchen und Wein zu bringen“, berichtete das blinde Mädchen. „Aber erst hat ein großer, böser Wolf den Kuchen gefressen, und dann hat ein großer, grimmiger Räuber mir auch noch den Wein abgenommen, sodass ich jetzt mit leeren Händen vor dir stehe.“

„Wenn das so ist, dann kannst du gleich wieder gehen“, sagte die Großmutter. „Na los, worauf wartest du noch? Abmarsch!“

„Ganz, wie du willst, liebe Großmutter. Auf Wiedersehen“, sagte das blinde Mädchen.

Auf ihrem Rückweg durch den großen, finsteren Wald begegneten ihr weder Wolf noch Räuber, denn die waren ja alle beide mausetot, und drei Stunden später war sie wieder zu Hause.

„Ich hätte dich eigentlich nicht so früh zurückerwartet“, stellte die Mutter fest. „Hast du etwa nicht hingefunden?“

„Doch, schon“, sagte das blinde Mädchen. „Aber erst hat ein großer, böser Wolf meinen Kuchen gefressen.“

„Verdammte Wölfe!“, fluchte die Mutter.

„Dann hat ein großer, grimmiger Räuber mir auch noch den Wein abgenommen.“

„Verdammte Räuber!“, fluchte die Mutter.

„Und weil ich mit leeren Händen zu ihr kam, hat mich die Großmutter gleich wieder weggeschickt.“

„Ach, so war das also“, sagte die Mutter. „Und warum hast du dich nicht wenigstens hoffnungslos im Wald verirrt?“

„Weil die Vögel mir mit ihrem Gezwitscher den Weg gewiesen haben“, antwortete das blinde Mädchen.

„Verdammte Vögel“, fluchte die Rabenmutter. 

 

TEXT DES MONATS AUGUST 2022

 

STIGMEN DES ALTERS

 

In meinen Ohren

rauscht das Meer.

Im Sommer

ist es der Attersee.

 

Auf meiner Stirn

sind Schlittenspuren.

Im Winter

sind sie tiefer.

 

Auf meinen Händen

blühen Blumen.

Im Sommer

werden sie braun.

 

Auf meinem Kopf

glitzern Spinnenfäden.

Im Herbst

fliegen sie davon.

 

 

TEXT DES MONATS JULI 2022

 

JASMIN

 

Es war einmal ein wunderschönes junges Mädchen namens Jasmin, das wurde von einer bösen, hässlichen Hexe in eine Blume verwandelt, die auf einer bunten Frühlingswiese blühte.

Kurz darauf kam ein kleiner Junge des Wegs und pflückte die Blume, um seiner Mutter damit eine Freude zu machen.

Seine Mutter bedankte sich bei ihm, stellte die Blume in eine Vase und dachte nicht mehr an sie, und schon am nächsten Morgen war die Blume welk und ließ traurig ihr Köpfchen hängen.

Als der kleine Junge bemerkte, in welchem Zustand sie sich befand, bereute er, was er getan hatte.

„Bitte sei mir nicht böse, du arme Blume“, sagte er zu ihr. „Wenn ich gewusst hätte, dass du so schnell verwelkst, hätte ich es bestimmt nicht getan. Kann ich dir irgendwie helfen?“

Da war es ihm, als würde die Blume in seinem Kopf antworten.

„Ja, das kannst du“, sagte sie. „In Wirklichkeit bin ich nämlich keine Blume, sondern ein junges Mädchen. Wenn du mich aber küsst, obwohl ich nur eine Blume bin, werde ich meine menschliche Gestalt zurückgewinnen.“

„Das mache ich“, sagte der kleine Junge, küsste die Blume und schon im nächsten Augenblick stand eine alte Frau vor ihm.

„Warum bist du so alt?“, fragte er verwundert. „Du hast doch gesagt, dass du ein junges Mädchen bist!“

„Das war ich auch“, sagte Jasmin traurig. „Aber offenbar bin ich als Blume sehr schnell gealtert. Jetzt, da ich mich so sehe, wünschte ich fast, ich wäre bis an mein Ende eine Blume geblieben.“

„Kann man dich nicht irgendwie wieder jung machen?“, fragte der kleine Junge.

„Nein. Das ist leider nicht möglich“, antwortete Jasmin. „Alles, was ich jetzt noch tun kann, ist, die Hexe darum zu bitten, mich ein zweites Mal zu verwandeln.“ 

Und das tat sie auch.

„Was willst du von mir, alte Frau?“, fragte die Hexe, als Jasmin ihr Hexenhaus betrat.

„Erkennst du mich denn nicht mehr?“, fragte Jasmin. „Ich bin das junge Mädchen, das du in eine Blume verwandelt hast. Und ich wollte dich bitten, es ein zweites Mal zu tun, weil ich meinen Anblick nicht ertrage.“

„Das kann ich verstehen“, sagte die Hexe. „Es ist nicht leicht, alt zu werden, wenn man so schön war wie du. Also gut. Ich werde dir deine Bitte erfüllen.“

Sie murmelte einen Zauberspruch, und gleich darauf stand Jasmin wieder als Blume auf einer blühenden Frühlingswiese, jedoch nicht weniger welk als am Morgen.

„Das ist das Ende“, dachte Jasmin. „Bald werde ich ganz und gar verblüht sein, und dann werde ich sterben.“

In diesem Moment landete eine Biene auf ihr, trug etwas von ihrem Blütenstaub mit sich fort, und als sie ihn an einer anderen Blüte wieder abstreifte, wurde mit einem Male ein kleines Menschenkind daraus, nicht größer als ein Fingernagel.

Eine junge Frau kam an der Wiese vorbei und hörte ein Kind weinen.

Sie folgte dem Geräusch, fand das winzig kleine Wesen im Grase liegen und nahm es mit nach Hause, und da sie und ihr Mann keine eigenen Kinder bekommen konnten, betrachteten sie es als Geschenk Gottes und hatten es vom ersten Tag an von Herzen lieb.

Unter der liebevollen Obhut ihrer Pflegeeltern erreichte das kleine Wesen schon bald die Größe normaler Menschenkinder und wuchs im Lauf der Jahre zu einem wunderschönen jungen Mädchen heran, das sich selbst Jasmin nannte.

Eines Tages nun begegnete ihr auf dem Dorfplatz eben jener kleine Junge, der sie einst als Blume gepflückt hatte und der inzwischen längst erwachsen geworden war. 

Er blieb stehen und betrachtete sie nachdenklich.

„Kennen wir uns nicht von irgendwoher?“, fragte er sie.

„Nein. Ich glaube nicht“, antwortete sie nur und ging ihrer Wege.

 

 

 

TEXT DES MONATS JUNI 2022

 

ABRECHNUNG

 

Wir  trauen euch nicht mehr, ihr Volksvertreter,

die ihr, sei es aus Bosheit oder Gier,

versucht, uns euren Willen aufzuzwingen,

durch die Beschränkung unserer Freiheit,

durch die Beschneidung unserer Rechte,

als stünde es euch zu, uns zu bestrafen

für unseren Mangel an Gehorsam.

Da zählt kein Argument. Der Zwang regiert.

Kaum noch verborgen vom Gespinst der Lüge

grinst wiederum der Totenkopf der Diktatur.

Doch eine Hoffnung bleibt und lebt und wächst:

Am Ende kommt die Wahrheit doch ans Licht.

Es werden wieder andere Zeiten kommen.

Es werden wieder bessere Zeiten kommen.

Nur das Vertrauen kehrt nicht wieder

in euch, ihr Volksverräter, Lügner.

Aus Schaden wird man klug.

 

Wir trauen euch nicht mehr, ihr Journalistenhuren,

die ihr für teures Geld das Lied des Staates singt.

Was immer er zu schreiben euch befiehlt, das schreibt ihr.

Was immer zu verschweigen er befiehlt, verschweigt ihr.

Ihr schürt gewissenlos den Hass der Mehrheit

auf jene Minderheit, die sich dagegen wehrt,

den Glauben an die heil’ge Impfung anzunehmen,

und Menschen, die für ihre Rechte demonstrieren

- die Grund- und Freiheitsrechte aller Menschen -

verleumdet ihr als Schwurbler und als Spinner,

ja, schlimmer noch: als aggressiven Mob vom rechten Rand.

Doch eine Hoffnung bleibt und lebt und wächst: 

Am Ende kommt die Wahrheit doch ans Licht.

Es werden wieder andere Zeiten kommen.

Es werden wieder bessere Zeiten kommen.

Nur das Vertrauen kehrt nicht wieder

in euch, ihr Journalisten, Lügner.

Aus Schaden wird man klug.

 

Doch euch, die ihr der Mehrheit angehört,

die ihr den Lügen der Regierung blind vertraut

und die der Medien gläubig wiederholt,

die ihr euch auf die Wissenschaft beruft

- auf jene Wissenschaft, die man aus Eigennutz

im Namen Pfizers euch als Dogma präsentiert -

und jedes Gegenargument, sei es auch noch so gut und überzeugend

voll Arroganz mit Spott und Häme kommentiert,

die ihr euch schadenfroh die Hände reibt,

wenn die Regierung Tausende und Tausende von Menschen

zur Strafe für ihr unbotmäßiges Verhalten

zu Bürgern zweiter Klasse degradiert,

die ihr sogar der Zwangsmaßnahme einer Impfpflicht applaudiert

- uneingedenk der Folgen für euch selbst -

euch allen werden wir, wenn diese Zeiten enden,

wenn erst das Licht der Wahrheit wieder scheint,

was ihr uns angetan aus Bosheit oder Ignoranz,

so schwer es uns auch fallen mag, verzeihen,

weil die Vernunft es so erfordert.

Vergessen aber werden wir es nicht.

 

 

 

 

TEXT DES MONATS MAI 2022

 

EINDIMENSIONAL

 

Nehmen wir einmal an, es gäbe nur eine einzige Dimension, zum Beispiel die Länge.

In diesem Fall wäre das unermessliche Weltall nichts anderes als eine sehr, sehr lange Linie. Unser Sonnensystem wäre eine lange Linie, Bestandteil der sehr, sehr langen Linie. Unsere Erde wäre nichts weiter als eine Linie, und alle Lebewesen auf ihr wären nur Linien, kurze, sehr kurze und sehr, sehr kurze.

Es wäre für uns Menschen ausgesprochen schwierig, aneinander vorbeizukommen, weil wir dazu eine zweite Dimension benötigten, Höhe oder Breite.

Die einzige Möglichkeit dazu bestünde in einer vorübergehenden Vereinigung der eigenen Linie mit der des Nächsten, wobei sich die berechtigte Frage stellt, ob eine derartige Vereinigung nicht dauerhafte Veränderungen bewirken würde.

Jede Zeugung wäre eine vorübergehende Verschmelzung zweier Linien, jede Geburt wäre die Abtrennung einer kurzen Linie von einer zu größerer Länge angewachsenen.

Und wenn ein Mensch stürbe, so könnte man ihn nicht begraben.

Man könnte ihn höchstens in einen wenig frequentierten Bereich der Linie verschieben, doch auf dem Weg dorthin müssten alle Lebewesen, die ihm begegnen, vor ihm zurückweichen oder aber sich vorübergehend mit ihm vereinigen, und dabei würde wohl so manches in ihnen absterben.

Es wäre ein unsagbar armseliges Leben, das wir führen müssten, gäbe es nur eine einzige Dimension, und doch würden wir die anderen Dimensionen nicht vermessen, weil sie uns unbekannt wären.

Man kann nur vermissen, was man kennt.

Was man nicht kennt, kann man auch nicht vermissen.

Und das gilt auch für unsere vierdimensionale Welt, die voller Rätsel ist.

 

 

 

 

 

 

TEXT DES MONATS APRIL 2022

 

AN DEN NORDEN

 

Ich bin einsam

unter der Esche Yggdrasil,

ich bin einsam

unter euch

 

Und wenn ein Wort

den Namen jener Fremdheit nennt,

so werde ich

es niemals finden.

 

Denn auch kein Flehen

um Vergebung,

das mir selber spottet;

wird mehr geglaubt.

 

Ein Lichtauge

wurde geschenkt

von einem Gott,

und niemals wurde es gesehn.

 

So schenke ich dem Alkohol

den Götzendienst meines Gemüts

und sterbe, wenn der Morgen naht,

 

die sieben Tode der Seele.

TEXT DES MONATS MÄRZ 2022

 

DAS UNFALLOPFER

Ich befand mich gerade auf einem Abendspaziergang und meditierte über die Schlechtigkeit meiner Mitmenschen und das Ignorantentum aller Literaturkritiker, als ich hinter mir etwas laut krachen hörte.

Leicht verärgert über die Störung drehte ich mich um und sah ein Auto, das soeben von einem ihm im Weg stehenden Baum erheblich beschädigt worden war.

‚Das könnte ein geeigneter Stoff für eine Kurzgeschichte sein - oder wenigstens für ein Gedicht’ überlegte ich und ging hin, um nach dem Fahrer zu sehen.

Dieser hatte einige Schnittwunden erlitten, unter anderem war die Schlagader der rechten Hand verletzt. Das Blut floss in Strömen.

Ich mag so was gar nicht. Ich kann nämlich kein Blut sehen.

Der Mann saß immer noch in seinem Fahrzeug und machte auch keine Anstalten, auszusteigen. Offenbar hatte er einen Schock erlitten.

„Ist Ihnen etwas passiert?“, fragte ich ihn durchs geborstene Seitenfenster.

„Ja“ antwortete er: „Mein Arm. Bitte verbinden Sie mich. Ein Druckverband.“

„Tut mir leid, aber von so was verstehe ich leider nichts“, antwortete ich. „Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Prinzipiell können Sie selbstverständlich mit meiner Hilfe rechnen, aber wenn ich etwas nicht kann, dann lasse ich lieber die Finger davon.“

„Bitte. Es ist gar nicht so schwer, das können Sie ganz bestimmt. Helfen Sie mir.“

„Ich würde Ihnen wirklich gern helfen, ehrlich, aber was ist, wenn ich etwas falsch mache? Dann bin ich womöglich Schuld daran, dass Sie sterben und hätte für den Rest meines Lebens die schlimmsten Schuldgefühle deswegen. Und ich mache bestimmt etwas falsch, schon allein deshalb, weil ich kein Blut sehen kann.“

„Dann holen Sie wenigstens die Rettung, schnell!“

„Selbstverständlich. Aber ich habe leider kein Handy dabei, weil ich Handys nicht ausstehen kann, und bis zur nächsten Telefonzelle sind es mindestens drei Kilometer.“

„In dem Haus, gleich dort drüben! Bestimmt haben die ein Telefon!“

„Aber das geht doch nicht, ich kann doch nicht einfach wildfremde Leute belästigen! Womöglich halten die mich dann für einen Räuber, der sich mit einem billigen Trick Zutritt zu ihrem Haus verschaffen will, so was ist schon oft vorgekommen, zum Beispiel in dem Film ‚Uhrwerk Orange’ von Stanley Kubrick. Ich weiß natürlich nicht, ob Sie sich für Filme interessieren, aber jedenfalls ist der Hauptheld, Alex, gerade wieder einmal mit seinen Droogs unterwegs und klingelt...“

„Aber das hier ist ein Notfall! Versuchen Sie es doch bitte wenigstens!“

„Warum versuchen Sie es denn nicht selbst? Ihnen würde man viel eher glauben als mir, weil Sie ja wirklich verwundet sind.“

„Ich kann nicht. Ich bin wie gelähmt. Der Schock. Der Blutverlust. Schnell, verbinden Sie mich, sonst ist es zu spät, sonst verblute ich!“

„Ach was. So schnell verblutet man auch wieder nicht. Man soll nicht immer gleich das schlimmste denken, mit einer positiven Lebenseinstellung kommt man viel weiter. Also gut. Ich werde es versuchen. Wo ist Ihr Verbandskasten?“

„Da. Im Handschuhfach.“

„Gut. Also ein Druckverband, haben Sie gesagt. Was braucht man dazu?“

„Zunächst einmal ein Tuch.“

„Dieses?“

„Das ist doch ganz egal, welches! Legen Sie es auf die Wunde.“

„Also auf die Wunde. Pfui, wie das blutet! Igittigitt!“

„Ja, denken Sie etwa, mir macht das Spaß?“

„Bestimmt nicht. Das glaube ich Ihnen, dass Ihnen das keinen Spaß macht. Mir aber auch nicht. Und was jetzt?“

„Den Polster da draufhalten.“

„Den Polster... uh, das viele Blut... nein, ich schaff es nicht. Tut mir leid, ich schaff es einfach nicht.“

„Idiot!“, brüllte er.

„Also, beleidigen lasse ich mich nicht von Ihnen“, stellte ich gekränkt fest. „Da helfe ich Ihnen, so gut ich kann, und was tun Sie? Sie brüllen mich an. Aber nicht mit mir, mein Herr, nicht mit mir!

Schauen Sie, wie Sie allein zurechtkommen! Ich gehe. Das habe ich nämlich wirklich nicht nötig, mich von Ihnen beleidigen zu lassen. Guten Tag.“

Er versuchte, sich zu entschuldigen, aber ich stellte mich taub und ging einfach weiter.

Als ich nach etwa einer halben Stunde wieder vorbeikam, wurde der Mann gerade in einen Sarg gelegt und zu einem Leichenwagen getragen.

Eine Tragödie.

Oh Auto, wie viel Unglück hast du schon verschuldet!

Spontan beschloss ich, ein Essay über die negativen Aspekte des Straßenverkehrs zu schreiben, denn vom Schreiben verstehe ich etwas.

 

 

 

TEXT DES MONATS FEBRAR 2022

 

STICHE

 

In unseren Tagen

ist das grelle Licht

der Erkenntnis

wie ein schmerzhafter Stich

in die eigene Haut.

 

In unseren Tagen

ist das fahle Licht

der Verleumdung

wie ein schmerzhafter Stich

in die eigene Haut.

 

In unseren Tagen

ist der schmerzhafte Stich

in fremde Haut

wie eine heilige

Kommunion.

 

 

TEXT DES MONATS JANUAR 2022

 

 VON WÜRMERN UND WORTEN

 

Es war einmal ein Mann, der hatte kein Glück bei den Frauen.

Im Grunde genommen konnte man alle Frauen, die er kennenlernte, in zwei Gruppen einteilen:

Die einen wollten ihn retten, was im Klartext bedeutete, dass sie ihn verändern wollten, und die anderen wollten schlicht und einfach nichts von ihm wissen.

Schließlich heiratete er eine Frau, die ihn retten wollte, und natürlich begann sie prompt damit, ihn zu verändern.

Sie gewöhnte ihm das Rauchen und das Trinken ab, sorgte dafür, dass er seinen Körper pflegte und sich anständig kleidete und brachte ihn zuletzt sogar dazu, einen ordentlichen Job anzunehmen, in dem er gutes Geld verdiente, und das sogar regelmäßig.

Zwanzig Jahre später ließ sie sich von ihm scheiden, weil sie ihn unerträglich langweilig fand.

Nun, da er unter dem Einfluss seiner Exfrau zu einem ganz passablen Durchschnittsmenschen geworden war, gab es keinen Grund mehr, ihn retten zu wollen.

Daher gehörten alle Frauen, die er seither kennenlernte, nur noch einer einzigen Gruppe an, nämlich jener, die nichts von ihm wissen wollten.

Um wenigstens seine körperlichen Bedürfnisse befriedigen zu können, besuchte er regelmäßig eine Prostituierte, die bereit war, seine Berührungen zu ertragen, weil sie gutes Geld dafür bekam.

Trotzdem hätte er nur zu gerne gewusst, woran es lag, dass alle Frauen, die er kennenlernte, nichts mit ihm zu tun haben wollten.

Und eines Tages, als er sich bereits in sehr fortgeschrittenem Alter befand, suchte er eine Wahrsagerin auf, in der Hoffnung, von ihr eine Antwort auf diese brennende Frage zu erhalten.

„Nun, was kann ich für dich tun, alter Mann?“, fragte sie ihn.

„Ich habe eigentlich nur eine einzige Frage“, antwortete er. „Ich würde gerne wissen, warum alle Frauen nichts mit mir zu tun haben wollen.“

„Das kann ich dir schon sagen, alter Mann“, erwiderte die Wahrsagerin. „Es liegt daran, dass aus deinem Mund beständig eklige kleine Würmer kommen.“

„Aber das ist doch überhaupt nicht wahr!“, empörte sich der Mann. „Aus meinem Mund kommen doch keine Würmer!“

„Habe ich wirklich Würmer gesagt?“, fragte die Wahrsagerin. „Dann habe ich mich versprochen. Ich bitte um Entschuldigung. Ich meinte natürlich nicht Würmer, sondern Worte. Eklige, kleine Worte.“

 

 

TEXT DES MONATS DEZEMBER 2021

 

ELENDSLANG UND ELENDSKURZ

 

Es dauert elendslang,

bis man erwachsen wird.

Es dauert elendskurz,

bis man alt ist.

 

Stunden sind elendslang.

Stunden sind elendskurz.

Tage sind elendslang.

Tage sind elendskurz.

 

Auf die elendskurze Zeit der Neigung

folgt die elendslange Zeit der Pflicht.

Auf die elendskurze Zeit des Nehmens

folgt die elendslange Zeit des Gebens.

 

Mit elender Geburt beginnt es.

Mit elendem Tod nimmt es sein Ende.

Dazwischen liegt ein elendes Leben:

elendslang und elendskurz.

 

 

TEXT DES MONATS NOVEMBER 2021

 

DER SPATZ

 

Wer dir deine Illusionen zerstört, kann es nicht gut mit dir meinen.

Wer dir deine Hoffnungen nimmt, ist dein Feind.

Du bist ein kleiner Spatz, der täglich ein bestimmtes Futterhäuschen aufsucht, weil er dort schon oft leckere Körner gefunden hat.

Aber seit einer ganzen Weile schon ist es leer. Nicht ein einziges Körnchen ist mehr darin zu finden.

Die Amsel kennt den Grund dafür. Sie hat mit eigenen Augen gesehen, wie der Mensch, der das Futterhäuschen immer mit frischen Körnern befüllt hat, bei der Gartenarbeit tot zusammengebrochen und von anderen Menschen davongetragen worden ist.

Seither ist sie dem Garten fern geblieben, weil sie sich von ihren Besuchen nichts mehr erwartet.

Würdest du ihr eines Tages durch Zufall begegnen, so würde sie dir vielleicht den Grund dafür nennen, aber was wäre damit gewonnen?

Vielleicht würdest dann auch du nicht mehr hierher kommen, sondern auf neuen Wegen nach Futter suchen und auf diesen neuen, unbekannten Wegen womöglich schon bald einem Falken, einer Katze oder einem anderen Räuber zum Opfer fallen.

Und da ist immer noch das Futterhäuschen.

Solange sein  neuer Besitzer es nicht entfernen lässt, besteht immer noch die Möglichkeit, dass er eines Tages damit beginnen wird, es mit frischen Körnern für dich und deinesgleichen zu füllen.

Diese Hoffnung ist es, die dich auch weiterhin Tag für Tag hierher führt.

Und sollte sie sich auch niemals erfüllen, so hat sie dich doch mit jener Zuversicht ausgestattet, die du als kleiner Spatz zum Überleben brauchst.

 

 

TEXT DES MONATS OKTOBER 2021

 

ICH KÖNNTE

 

Ich könnte genauso gut

 

Ein Kiebitz sein

auf einem Frühlingsfeld.

Oder ein rufender Kuckuck

auf einem Sommerbaum.

 

Oder ein Eichelhäher

auf einem Baum im Herbst.

Oder auch eine Krähe

auf einem Baum im Winter.

 

Stattdessen wandere ich

durch das Jahr

als Mensch in menschlicher Gestalt

dem Ende entgegen

 

So gut ich kann. 

 

  

MEIN NEUES BUCH

RICARDI

ROMAN

Die Zeit heilt nicht nur alle Wunden, sondern tötet auch jede Liebe.

Wir bluten und hören auf zu bluten. Wir leiden und hören auf zu leiden.

Wir lieben und hören auf zu lieben.

Das ist der Preis, den wir für die Vernarbung unserer Wunden zu bezahlen haben.

Dietmar Füssel, Ricardi, Roman, 152 Seiten, 2020, Sisyphus Verlag

ISBN 978-3-903125-53-7